Der Neue Merker

WIEN/ Volksoper: GYPSY – Musical von Jule Styne

Volksoper am 4.10.2017 „Gypsy“ Musical in zwei Akten

The Show must go on – koste es was es wolle!

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Copyright: Barbara Palffy

 

 Das Werk ist eher ein Schauspiel, ja doch eher ein Drama mit Musik. Die Idee zu dieser Story kommt aus der Feder einer ehemaligen Filmschauspielerin und Romanautorin, die unter dem Künstlernamen Gypsy Rose Lee, auf ein ziemlich bewegtes Leben zurückblickte, und hier ihre Lebenserinnerungen zu Papier brachte. Mag es auch eine Inspiration für die sechs Herren namens Merrick, Hayward, Robbins, Laurents, Styne und Sondheim gewesen sein, so verdeutlicht dieses Werk doch nichts anderes, als die brutale Realität des amerikanischen Showbusiness und über deren Rivalität und Intrigen hinter den Kulissen. Hier geht es um den Ergeiz einer Mutter, die um ihren Traum zu verwirklichen, ihre Töchter im Showbusiness ganz groß herausbringen möchte.

Rücksichtslos werden hier Kinder zum Spielball ehrgeiziger Manager und Produzenten – wo Kinderseelen gebrochen und von Kindesbeinen bereits traumatisiert werden. Der Stoff dieses Musicals ist also keineswegs Fiktion sondern die brutale Wahrheit! Die Wahrheit darüber – wie Kinder, als sogenannte Spiegelbilder dazu missbraucht werden, um die gescheiterten Existenzen ehrgeiziger Mütter, wieder wett zumachen. Für mich ein schreckliches Thema und nicht gerade ein unterhaltsamer Stoff für ein Musical.

Nichtsdestotrotz kann man hier durchaus von einer gelungenen Produktion sprechen. Alles steht hier vom Bühnenbild, Kostüme bis hin zur Choreografie im harmonischen Einklang. Eine sehr gute und einfühlsame Regieführung vonseiten Werner SOBOTKA, ohne dem dieses Thema höchstwahrscheinlich auch voll in die Hose gegangen wäre. Denn ohne diesen psychologischen Aspekt wäre der Hintergrund des Gesamtgeschehens eher oberflächlich. Aber dies war keineswegs der Fall, denn insbesondere auch die Schlussszenen (zwischen Mutter und Tochter) gingen wirklich unter die Haut. Man mag hier bei einigen Szenen, allein durch die großartige schauspielerische Leistung von Tania GOLDEN (Rose) wahre Gänsehaut bekommen. Wo ebenso auch die Vielseitigkeit der Protagonistin auch in den zwar wenigen humorvollen Szenen, durchaus sehr positiv verdeutlicht wurden. Ihre angenehme lyrisch klingende Gesangsstimme trug ein weiteres dazu bei, dass sie neben ihrer schauspielerischen Stärke hier auch stimmlich alle Rekorde brach, um das Publikum auch von der Leuchtkraft ihrer Stimme zu überzeugen. Die zwei Wunderkinder, zunächst noch im zarten Babyalter, wurden großartig von Louisa POPOVIC und Katharina KEMP dargestellt. Wo hier die kleine Popovic als vielseitiges Talent, in ihrer Darstellung und mit ihren Tanzeinlagen, doch sehr an die junge Shirley Temple erinnerte.

Mutter und Töchter verdeutlichen hier auf der Bühne ein wahres Zigeunerleben, so wie es sich eben auch im wahren Leben im Showbusiness widerspiegelt, und kein anderer als Herbie, versucht die Karrieren der zwei kleinen Wunderkinder voranzutreiben. Übrigens ausgezeichnet und auch vom Charakter ideal besetzt ist hier Toni SLAMA, der unbedingt die ehrgeizige Mutter in den Hafen der Ehe führen möchte, und wo doch am Schluss durch den verbissenen Ehrgeiz der Mutter alles Menschliche scheitert. Scheitern tun im Endeffekt auch die inzwischen erwachsen Töchter, wo June  als ehemaliger Kinderstar (Marianne CURN) inzwischen nun verheiratet, überhaupt in Vergessenheit geraten ist, und ihre doch eher unbegabte Schwester Louise, durch den Antrieb der Mutter nun Schauspielerin werden soll. Doch trotz aller Entschlossenheit der Mutter aus Louise einen Star zumachen, endet diese letztendlich als Stripperin in einem zweifelhaften Etablissement. Alle Prostitution des Berufs ist ein Ausdruck dessen, mit welchen Abscheulichkeiten hier Schauspielerinnen oft konfrontiert sind. Lisa HABERMANN als Louise beweist in dieser brisanten Rolle schauspielerische Überzeugungskraft. Setzt sich sozusagen gegen die Regeln der Mutter durch um sich neu zu erfinden. Es war sicherlich nicht leicht alle darzustellenden Figuren des Stückes unter einem Hut so bringen, und so sind einige Protagonisten mit zwei bis drei verschiedenen Charakteren besetzt. Für einige Schauspieler sicherlich eine großartige Aufgabe, wo das gesamte Ensemble nicht nur Spielfreude zeigte, sondern überhaupt ideal besetzt war.

Musikalisch gesehen ist dieses Werk unglaublich vielfältig. Es ist zwar kein Paradestück so wie die anderen Musicalklassiker, auch mit wenigen Ohrwürmern bestückt, aber die Musik besteht aus viel Melodik und Rhythmus. Schmissige Nummern können auch hier musikalisch überzeugen, und unter dem Dirigat von Lorenz C.AICHNER geht hier so richtig die Post ab, wo man manchmal Lust hat mitzuschwingen. Die Musik beinhaltet sehr viel jazzige Elemente und doch auch eher Evergreen – Rhythmen die vom eigentlichen  Musicalstil abweichen. Und doch vermittelt es den goldenen Broadwaystil der 30er Jahre, in einer Zeit wo auch die Ziegfeld Girls wahre Triumphe feierten. Zu alledem muss man sagen das diese Inszenierung keineswegs als verstaubt  erscheint, obwohl man in unserer heutigen modernen und schnelllebeigen Zeit kaum noch Bezug zu den Marx Brothers, einer Judy Garland oder Ella Fitzgerald hat. Für diejenigen die gern in alten Erinnerungen schwelgen ist „Gypsy“ durchaus sehenswert – und es ist für Jeden etwas dabei – egal ob alt und jung. Das Flair des amerikanischen Showbiz ist, obwohl in seiner gesamten Tragik,  zu einem ausgesprochenen Unterhaltungsspaß in der Volksoper geworden.

Manuela Miebach

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