Der Neue Merker

WIEN/ Volksoper: „GYPSY“ – ein Hurrikan der Leidenschaft. Premiere

EIN HURRIKAN DER LEIDENSCHAFT: MARIA HAPPEL ZIEHT ALS „GYPSY ROSE LEE“ ALLE REGISTER EINER VOLLBLUTSCHAUSPIELERIN (10.9.2017)

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Copyright: Wiener Volksoper

Die Story ist relativ simpel:  Rose – eine „Eislaufmutter“ ohne Schlittschuhe – versucht ihre beiden Töchter, June und Louise am Broadway in den 30er Jahren zu Stars aufzubauen. Die Rechnung geht solange – mit zeitweisen Talfahrt-Effekten – gut, als sich die beiden Mädchen von ihrer „Managerin“ tyrannisieren lassen. An der emotionalen „Befreiungs-Aktion“ zerbrechen zwar fast die Familienbande. Aber die scheinbar unbegabtere Louise – großartig Lisa Habermann – wird zur Diva und Mutter Rose wird ihr Bühnen-Temperament in Hinkunft mit ihrer emanzipierten Tochter gemeinsam ausleben. Eine Bombenrolle für Maria Happel, die als „Gypsy Rose Lee“ alle Register einer Vollblutschauspielerin ziehen kann. Eine begnadete Darstellerin siegt vor allem durch ihr authentisches Singen – ein Hurrikan der Leidenschaft in einer epochalen szenischen Realisierung. Denn die Produktion in der temporeichen Regie von Werner Sobotka (Bühne Stephan Prattes, Kostüme Elisabeth Gressel, Choreographie Danny Costello) an der Wiener Volksoper ist ein großer Wurf für ein Werk, das 1959 in den USA vom Sohn einer ukrainisch-jüdischen Auswanderer-Familie, Jule Styne, in Musik gesetzt wurde – zu Texten von Stephen Sondheim. Der 1905 in London geborene Styne arbeitete seit den 30er Jahren für den Broadway und bekam 1955 für „Three coins in the Fountain“ den Oscar. „Gypsy“ wurde zweimal verfilmt, lief jahrelang am Broadway und hatte vor wenigen Jahren in London ein erfolgreiches Come Back. Dort besuchten Robert Meyer und Christoph Wagner-Trenkwitz eine Vorstellung und waren sich sofort einig: „Gypsy“ gehört an den Währinger Gürtel. Und sie dachten wohl sofort an die von Claus Peymann 1991 ans Burgtheater geholte Maria Happel, zu deren größten Erfolgen Brecht‘s Dreigroschenoper und ein Piaf-Abend gehörten. Das Ergebnis war grandios: eine Aufführung im Stil der letzten US-Varieté-Shows in den 50er Jahren mit einem idealen Ensemble ohne Schwachpunkt.

Am Dirigentenpult sorgte Lorenz C. Aichern mit dem Orchester der Wiener Volksoper für den idealen Drive, als Kinder-Star June lieferte Marianne Curn eine perfekte „Super-Puppe“. In der Rückblende in die Kindheit von „Baby June“ begeisterte Livia Ernst, Toni Slama war ein seelenvoller Herbie, der den Temperamentsausbrüchen von Mama Rose hilflos ausgesetzt war. Ein kollektives Lob für Peter Lesiak als Tulsa, Oliver Liebl als Kansas, Simon Stockinger als Yonkers/Pastery sowie Maximilian Klakow als L.A. und Oliver Liebl als Kansas. Die Riege der weiblichen Revue-Girls wird von Martina Dorak als Miss Electra, von Maren Kristin Kern als Miss Mazeppa und von Christian Graf als Tessie Tura angeführt. Dazu kommen noch Ilvy Schultschik als Agnes, Victoria Demuth als Maggie, Angelika Ratej als Dolores und Andrea Sulzmann als Thelma. Hochkarätig in Mini-Rollen: Wolfgang Hübsch als „überrollter“ Papa und Georg Wacks als Mr. Goldstein.

Das Publikum reagierte enthusiastisch und Maria Happel wurde gefeiert wie ein Broadway-Star. Zu Recht!

Peter Dusek

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