Der Neue Merker

WIEN/ Volksoper: EINE NACHT IN VENEDIG. Premiere

WIENER VOLKSOPER – EINE NACHT IN VENEDIG. 14. Dezember 2014

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Jörg Schneider, Michael Havlicek. Foto: Barbara Zeininger

Mit der Neuproduktion des Johann-Strauß-Œuvres Eine Nacht in Venedig befindet sich die Wiener Volksoper wieder auf dem Weg zum Operetten-Haus Nummer 1. Zumindest aus der Sicht jenes Zielpublikums, dem Unterhaltung und musikalische Qualität wichtiger sind als gesellschaftskritische (Um-)Deutungen der (manchmal seichten) Operetten-Libretti. Der deutsche Regisseur Hinrich Horstkotte, der am Gürtel schon Madame Pompadour in Szene gesetzt hatte, schraubte die Erwartungshaltung im Vorfeld hoch, als er meinte: „Regisseure sollten niemals vergessen, Theater für und nicht gegen das Publikum zu machen…“ Aber mit dieser „Nacht“ sorgte er nicht nur als Regisseur, sondern auch als Verantwortlicher für Bühnenbild und Kostüme (mit seiner schon bekannten Vorliebe für Kopfbedeckungen) dafür, dass dem Publikum vergnügliche 2 ½ Stunden zu den bekannten Melodien des Wiener Walzerkönigs geboten wurden.

 Dafür stand ihm aber auch ein erstklassiges Ensemble zur Verfügung und mit Alfred Eschwé ein Strauß-erprobter Mann am Pult des Volksopernorchesters. Horstkotte war sich voll bewusst, dass der von F. Zell und Richard Genée verfasste Text (gespielt wurde die Fassung der Wiener Erstaufführung und nicht jene der Berliner Premiere aus dem Jahr 1883 oder die oft aufgeführte Korngold-Überarbeitung) nicht gerade ein Geniestreich war. Daher überzeichnete, karikierte persiflierte er den Handlungsstrang, schrieb gemeinsam mit der Dramaturgin Helene Sommer neue Zeilen ins Libretto, wobei sich einfachgestrickte Pointen (wie etwa die Verwechslung des Geldmittels Zechinen mit Tschechinnen) mit intellektuelleren Anspielungen (wie etwa das „Taubenvergiften im Park“ von Georg Kreisler bei der Szene am Markusplatz) abwechselten. Das knallige Bühnenbild spielte einerseits alle Stücke, andererseits erkannte man Rückgriffe auf alte Barocktheaterelemente, wie etwa die von Hand bewegten Wellen der venezianischen Kanäle. Aus denen tauchten immer wieder überraschende Figuren auf, wie etwa der in Venedig verstorbene Richard Wagner im Fahrwasser eines weißen Schwanes oder seine Totengondel oder der Stehgeiger Johann Strauß, aber allzu viel soll hier gar nicht verraten werden. Im Großen und Ganzen wirken diese Gags nicht aufgesetzt, einzig der „tolle Hecht“ und „Hai“ der beiden Senatorengattinnen nervte am Ende schon. Aber sonst hatte alles Hand und Fuß was an optischen und akustischen Eindrücken geboten wurde, etwa das morbide Venedig, das mit seinen schiefen Palästen am Einstürzen scheint oder die comic-artigen Bilder mit auftauchenden Haifischen des Bühnenprospekts oder der Palast des Herzogs, der unter Wasser liegt und der von einem Tiefseetaucher und einer Meerjungfrau neugierig begutachtet wird.

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Mara Mastalir, Vincent Schirrmacher. Foto: Barbara Zeininger

 Die verwinkelte Handlung der Verwechslungskomödie fasste Horstkotte (der ursprünglich vom Puppentheater kommt, was auch hie und da durchklingt) im Programm in einen Satz zusammen: Herzog will eine vernaschen, kriegt stattdessen zwei andere aufgetischt, und keine der drei wird verspeist. Und eben dieser Herzog ist natürlich mit Vincent Schirrmacher ideal besetzt. Der Tenor, der manchmal zum Forcieren neigt, zeigte in dieser Rolle die ganze Bandbreite seiner Stimme und vermied auch in seiner Darstellung als verführerischer Adeliger jedes Abrutschen in die Outrage. Sein Leibbarbier Caramello bzw. Jörg Schneider musste sich mit seinem Auftrittslied erst auf der Bühne akklimatisieren, aber bei den folgenden „Hadern“ – wie dem Gondellied oder dem Lagunenwalzer – war seine feine Stimme mit eleganter Linie wieder voll präsent. Überrascht konnte man feststellen, welche Substanz der Bariton von Michael Havlicek hat, der dem Makkaronikoch Pappacoda sympathische Züge verlieh.

 Dass aber in Wirklichkeit die Damen in diesem Stück die Fäden in der Hand haben bewiesen Mara Mastalir und Johanna Arrouas als Annina und Ciboletta. Diese beiden auch in sängerischer Hinsicht anspruchsvollen Partien waren bei den beiden Ensemblemitgliedern der Volksoper in den besten Händen bzw. Kehlen, womit auch die zahlreichen Ensembleszenen (wie etwa das Finale 1 „Alles maskiert“) wunderbar ausgewogen klangen. Die beiden Paare Caramello/Annina und Pappacoda/Ciboletta brachten auch genügend Wiener Lokalkolorit ein, während die Sprechpartien der drei Senatoren mit Wolfgang Hübsch, Gerhard Ernst und Franz Suhrada hochkarätig besetzt waren. Abgerundet wurde das in seiner Gesamtheit sehr motivierte Ensemble von Sera Gösch (Barbara), Regula Rosin (Agricola), Susanne Litschauer (Constantia) und Martin Fischerauer (Delacquas Neffe). Der Chor der Wiener Volksoper wurde vom Regisseur sehr gefordert, erwies sich aber seiner Aufgabe jederzeit gewachsen und ließ unter Holger Kristen auch musikalisch keine Wünsche offen.

 Starker Beifall am Ende, eine Gelegenheit zum Besuch dieser klassischen Wiener Operette gibt es in dieser Spielzeit leider nur noch bis zum 21. Jänner 2014. Auf ein Wiedersehen mit Hinrich Horstkotte in Wien kann man sich jedenfalls heute schon freuen.

Ernst Kopica

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