Der Neue Merker

WIEN/ Volksoper: DIE RÄUBER von G. Verdi in Alternativbesetzung. Ein hinreissender Verdi-Bariton

Volksoper: „DIE RÄUBER“  in Alternativbesetzung – 22.10.2017                         Ein hinreißender Verdi-Bariton!

Lassen sie, liebe Opernfreunde, den Namen Alik Abdukayumov auf der Zunge zergehen – er wird Ihnen noch oft zur Seelennahrung werden…

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Alik Abdukayumov. Foto: Herta Haider

Die erste ganz große Verdi-Rolle, in der wir den jungen Bariton aus Usbekistan in Wien erleben durften, war ein Ereignis! Dass er sie deutsch zu singen hatte, änderte kaum etwas an diesem Faktum. Dass wir den Sänger vom Merker-Kunstsalon und aus Interviews als ungemein sympathischen, sehr intelligenten und gebildeten Menschen kennen, änderte nichts daran, dass er den Franz überzeugendst als schmierigen, hinterfotzigen Betrüger und Gewaltmenschen auf die Bühne stellte.  Der Künstler verstand es, seinen wunderschönen, ebenmäßig strömenden Bariton mühelos in allen Lautstärken und Lagen  auf lyrischer Basis so einzusetzen, dass die Stimme gleichzeitig , dem jeweiligen Text folgend, daraus expressives Kapital zu schlagen vermochte. Seine Rachegedanken schien er in glatte Vokalismen einfließen zu lassen, sodass man das Gefühl hatte, sie täten ihm wohl, und was Franz, die Kanaille, seinen Gegenspielern an Bösen anzutun beschlossen hatte, kam so ölig glatt aus seinem Munde, dass es zur Verführung pur wurde. Geradezu köstlich, wie er sich in der großen Szene mit Amalia im 2. Akt zunächst mit balsamischem Gesang als in sie Verliebter anbiedert und nach ihrer Ablehnung urplötzlich umschwenkt und sich in seinen Rachegefühlen und Gewaltandrohungen vokal geradezu badet. Bei seiner Reuebekundung dem Priester (hier = Vater) gegenüber im 4. Akt macht er sich vor sich selbst lächerlich, gestikuliert hilflos, erfasst aber dann ganz bewusst ein Stoffband, um es sich selbstmordend um den Hals zu schlingen. Eine Charakterstudie beträchtlichen Ausmaßes! Man muss sie gesehen und gehört haben.

Da war es für die Kollegenschaft nicht ganz leicht, halbwegs mitzuhalten. Am besten gelang dies der Amalia von Anja-Nina Bahrmann, die mit angenehm klarem Sopran sowohl der lyrischen Komponente der Partie wie auch den exaltierten Koloraturaufschwüngen und Höhenattacken in Freud und Leid gerecht wurde. Gut gelang ihr der Gefühlsumschwung, wenn sie erfährt, dass Karl noch lebt, und wie sie dann Franz gegenüber die starke Frau spielt und singt. Man glaubt ihr aber auch, dass sie sich am Ende den Tod wünscht, weil sie nicht mit dem Geliebten zusammenbleiben kann. Für Mehrzad Montazeri ist der Karl ein stimmlich nur halb gelungenes Experiment. Sein Tenor nahm im 1. Akt noch keine rechte Farbe an. Erst langsam sang er sich, vor allem in den höheren Regionen,  soweit ein, dass diese Effekt machten. Auch Karls zerrissener Charakter war erst nach und nach zu spüren. Er muss an der Rolle noch arbeiten. Das trifft vokal auch auf den Rollendebutanten als Graf Maximilian,  Andreas Mitschke, zu. Echter sonorer Bassklang war erst ab seiner Szene mit Sohn Karl zu venehmen. Am stärksten wirkte er in der Priester-Rolle. Von der Regie war diese Figur auch nicht begünstigt. Zu oft spazierte er recht planlos umher. Dass er etwas zu jung und gesund wirkte, hätte sich wohl vermeiden lassen.  Den Zwischenträger Hermann gestaltete  Alexander Pinderak recht glaubwürdig mit schlechtem Gewissen, zögerlich und geduckt. Thomas Sigwald war ein Schiller-würdiger Roller.

Die bereits im Premierenbericht besprochene Inszenierung von Alexander Schulin und das Bühnenbild von Bettina Meyer sind keine Geniestreiche.  Der Wald, bestehend aus 22 Neonröhren, die von der Decke hängen, der gemütliche Abgang des jeweiligen Gruppenführers (Franz oder Karl), der seinen Anhängern einen dringlichen Aktionsauftrag erteilt hat, nach der gegenüberliegenden Seite entbehrt der Logik. Ob die sämtlichen Mitglieder der Räuberbande mit ihren schwarz verschmierten Gesichtern absichtlich der Lächerlichkeit preisgegeben wurden? Ihre Aktion ließ darauf schließen.  Die wilde Haartracht sämtlicher Solisten, Chormitglieder und Statisten  mag dem Sujet gerecht werden.

Ob die gar nicht gute deutsche Fassung von Hans Hartleb zu manchen – wörtlich genommen! – Ungereimtheiten geführt hat, ist eine andere Frage. Besonders bei presto-Nummern und Ensembles ging jegliche Wortverständlichkeit verloren, am meisten dort, wo die Silbenzahl des italienischen Originals von der im Deutschen abwich. Unleugbar half der deutsche Text freilich in mäßig bewegten Szenen dem Publikum, auch mithilfe des über der Bühne mitzulesenden deutschen Textes, dem Drama genauer zu folgen.

Jac van Steen
ließ hörbar mit Genuss die zündenden Verdi-Rhythmen und Kantilenen Klang werden und erreichte mit dem Volksopernorchester aufpeitschende Höhepunkte, wo sie hingehören. Zu vordergründig, wie so oft in diesem Haus, das polternde Schlagzeug. Auch fehlte mehrfach beim Übergang eines langsamen Arien-Teils zur Cabaletta der nötige Spannungsmoment und die sicherlich von Holger Kristen gut studierten Chöre erreichten nicht die volle Schlagkraft. Das mag auch mit der manchmal recht hilflos wirkenden Personenregie zu tun haben. Da war viel „alte Oper“ zu sichten, mit unbewältigtem Pathos und unentschiedener Gestik.

Dass wir uns über die Produktion generell freuen, soll nicht verschwiegen werden. Ein 23-jähriger Schiller und ein 34-jähriger Verdi in einer Zeit des politischen Auf- und Umbruchs, wie jeweils zur Entstehungszeit von Drama und Oper, kann schon sehr anregend sein. Denkanstöße mit musikalischem Genuss verbunden – das ist immer ein Gewinn.

Sieglinde Pfabigan

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