Der Neue Merker

WIEN/ Volksoper: „DIE HOCHZEIT DES FIGARO“ – Wiederaufnahme mit Hausdebüts

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Anja Bihlmaier. Copyright: Neda Nevaee

WIEN / Volksoper: Wiederaufnahme „DIE HOCHZEIT DES FIGARO“ mit Hausdebüts

5.1. 2018 – Karl Masek

Die Inszenierung des Marco Arturo Marelli mit der Premiere am 25.11. 2012 wurde als 32. Vorstellung wiederaufgenommen. Marelli hat ja (und das war mir neu!) eine Vergangenheit an der Wiener Volksoper, die bis ins Jahr 1973 zurückreicht. Damals arbeitete er noch im Technischen Büro. Also hat er „sein Theaterhandwerk“ von der Pike auf (und in allen seinen Facetten) gelernt …

(Erinnerungsblatt: 1989 gab es schon in der Direktion Eberhard Waechter eine Marelli-Inszenierung im Haus am Währinger Gürtel. Wer aller in dieser damals sehr akklamierten Inszenierung gesungen hat! Bo Skovus, Wolfgang Koch und Adrian Eröd als „Conte“; Florian Boesch, Alfred Šramek als „Figaro“; Elisabeth Kulman (in ihrer Sopranzeit) als „Contessa“; Angelika Kirchschlager als „Cherubin“! Und dirigiert haben u.a. Bertrand de Billy und Kirill Petrenko, …)

Bei einem früheren Wiederaufnahme-Versuch erwies sich die Wiederherstellung dieser aufwändigen, aber abgespielten Produktion als unmöglich, weil vor allem zu teuer. Worauf Marelli eine Neuinszenierung (die technisch einfacher handhabbar sein sollte) anbot. Grundlage für die aktuelle Inszenierung (wie immer Marelli in Personalunion, was Regie, Bühne und Licht betrifft, die Kostüme, wie immer, von Marellis Ehefrau Dagmar Niefind), sind die Gemälde „Kampf mit den Giganten“ und „Sturz der Giganten“ von Francisco Bayeu y Subias, einem Schwager Goyas. Das Monumentalgemälde hängt im Museo del Prado in Madrid.

Eine hochästhetische Bühnenlösung, weit mehr als bloße Bebilderung einer „Komischen Oper in 4 Akten“. Zudem vorzüglich bespielbar. Die Komödie schnurrte „gut geölt“ ab, man hatte das Gefühl, da wurde detailliert geprobt.

Interesse erweckten auch gleich drei Hausdebüts an diesem Abend:

Anja Bihlmaier war die neue Dirigentin. Schon die Ouvertüre lieferte eine Ahnung des kommenden „Tollen Tages“. Gestaltungswille der u.a. am Salzburger Mozarteum ausgebildeten Kapellmeisterin war von den ersten Takten an zu spüren: Tempi: mit „Augenmaß“, weder hetzend noch schleppend. Crescendi und decrescendi kamen akkurat. Das Orchester: einen Abend lang animiert und präzise klingend. Mozart in schlanker, eleganter Ausformung. Mit Akzentuiertheit, aber ohne übertriebene Sforzato-Ruppigkeit. Ein durchaus gelungener Einstand!

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Peter Kellner. Foto: Wiener Volksoper

Peter Kellner war der neue „Figaro“. Slowakische Wurzeln, Ausbildung in Košice und im Mozarteum Salzburg, aktuell Ensemblemitglied an der Grazer Oper. War die Cavatine „Will er gern tanzen, mein Herr Gebieter“ vorbei – die ging der Debütant noch etwas vorsichtig an – sang und spielte er sich rasch frei und war ein darstellerisch gebührend aufmüpfiger Untertan mit stilsicherer, elegant geführter, fürs Haus volumensmäßig ausreichender Stimme. Auf weiteren Werdegang bleibt man neugierig.

Jennifer Lary war die neue „Barbarina“. Die in Wien aufgewachsene und ausgebildete Sopranistin spielte und sang rollengerecht ein entzückendes Gärtnertöchterlein, aber auch ein durchtriebenes Luder, das selbst den Grafen zum „Balzverhalten“ provoziert. Aparter Jungmädchen-Sopran, aber auch abgedunkelte Töne bei der Arietta von der Nadelsuche. Ein Wiener Talent, wie schön!

Kein Schwachpunkt auch bei denen, die schon Erfahrung in dieser Inszenierung haben:

Günter Haumer war ein „Graf Almaviva“, ganz nach Beaumarchais‘, Da Pontes und Mozarts Willen. Distinguiert, elegant im Spiel, mit erotischem Jagdinstinkt, ausgeprägtem und reflexartigem  (o.a.) Balzverhalten. Sein vermeintliches „Ius primae noctis“ betrachtet er mit der blasierten Herablassung des Höhergestellten. Mit säuerlicher Miene nimmt er seine dauernden Niederlagen zur Kenntnis. Ärgerlichkeits- und Temperamentsausbrüche gestattet er sich nur im Ausnahmefall. Man hat ja schließlich formvollendete Manieren! Passend dazu der butterweiche, helle Kavaliersbariton, souverän in den Rezitativen und Ensembles mit gepflegtem Softie-Mezzavoce. In der großen Arie des III. Aktes („Ich soll ein Glück entbehren…“) kommen dann doch auch kräftigere Akzente. Und die abschließende „Bitte um Verzeihung“ an die „Contessa“ kommt mit sozusagen geübtem Augenaufschlag des Lovers. Aber er wird auch künftig nicht aus seiner Haut herauskönnen…

Kristina Kaiser war die leidgeprüfte „Gräfin Almaviva“ mit Silbertönen in ihren beiden Arien, aber auch durchaus augenzwinkernd im Intrigen- und Verwirrspiel, mit erotischem Touch in der Tuchfühlung mit dem allgemeinen Objekt der Begierde, Cherubin.

Ja, der Cherubin! Julia Koci war mit hübscher Bühnenerscheinung, weichem, eine Spur abgedunkeltem Sopran (kein Mezzo!) eine Idealbesetzung des pubertierenden, in Liebesverwirrungen sich verheddernden Buben. Absolut glaubhaft!

Rebecca Nelsen war mit quickem Sopran und Quecksilbrigkeit einen Abend lang bühnenbeherrschend („Susanna“ ist ja die meiste Zeit auf der Bühne!), selbstbewusst dem Grafen die Stirn bietend, handfest-resolut ihren Bräutigam behandelnd, Situationskomik auskostend, schließlich mit einer sehr schönen „Rosenarie“ aufwartend.

Animiert auch das „übrige Personal“: Regula Rosin (lustig, schrullig als „Marcellina“), Andreas Mitschke (schrullig, lustig als „Bartolo“), Jeffrey Treganza (rollengerecht süffisant, schleimig als „Basilio“), Christian Drescher (ein wohltuend wenig outrierender „Curzio“) und Mamuka Nikolaisvili (der Georgier debütierte mit saftiger Komik als versoffener Gärtner „Antonio“).

Die Vorstellung wurde herzlich akklamiert. Weitere Vorstellungen: 9./11./21./24./28. Jänner 2018.

Karl Masek

 

 

 

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