Der Neue Merker

WIEN / Vienna’s English Theatre: OUTSIDE MULLINGAR

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Fotos: Reinhard Reidinger / Vienna’s English Theatre

WIEN / Vienna’s English Theatre:
OUTSIDE MULLINGAR von John Patrick Shanley
Europäische Erstaufführung
Premiere: 14. März 2017  

Film- und Theaterfreunde kennen ihn gleicherweise, den amerikanischen Dramatiker John Patrick Shanley (Jahrgang 1950), wenn seine „Oscar“-gekrönte Komödie „Mondsüchtig“ (mit Cher) auch schon dreißig Jahre zurückliegt. Von seinen Theaterstücken ist „Doubt“ zu Recht bekannt geworden (auch bei uns gespielt), nicht zuletzt durch die glänzende Verfilmung mit Meryl Streep. Und nun zeigt Vienna’s English Theatre „Outside Mullingar“ (Mullingar ist ein gottverlassener kleiner Ort irgendwo in Zentral-Irland) relativ bald nach der Uraufführung 2014 in New York, die allerdings durchwachsen aufgenommen worden war.

Und das ist verständlich, denn ein wenig krankt die Geschichte – nämlich am irischen Geist, der so viel original Irisches literarisch genesen ließ. Man glaubt Shanley seine irische Abkunft jederzeit (wenn einer „Patrick“ im Namen führt, ist er einer), aber wer in den USA aufwächst, lebt und arbeitet, kennt das Land der Väter nur aus zweiter Hand. Sicher prächtig aus Erzählungen, Theatertücken, Filmen, aber man muss es dennoch in den Griff bekommen. Und Shanley lässt zwar durchaus Verständnis für diese keltischen Querköpfe aufkommen, die so gut und gnadenlos reden können und vielleicht die größten Komplexe mit sich herumtragen – aber er übertreibt. Und das ist schade.

Die Ausgangssituation glaubt man unbeschadet: Zwei Bauernhöfe, jahrzehntelanger Streit um ein kleines Landstück dazwischen, trotzdem kennt man sich in- und auswendig, das nachbarschaftliche Nebeneinander funktioniert auch, wenn der Dialog nach dem Tod von Mr. Muldoon auch ein wenig hart verläuft: Da besucht die alte Witwe den Nachbarn, den alten Witwer Tony Reilly, der nichts Eiligeres zu tun hat, als gleich nach dem strittigen Stück Land zu fragen. Dass dies irischen Bauern so wichtig sein mag wie Tiroler Bauern, steht außer Frage, was man jungen Leuten antut, wenn man sie lebenslang an die Scholle bindet und ihnen nicht erlaubt, was man gemeiniglich unter „Leben“ versteht, wird auch thematisiert.

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Denn da sind noch die Jungen, Anthony Reilly und Rosemary Muldoon, die kennen sich seit Kindertagen, haben ihre Ressentiments, sind auch schon in ihren späten Dreißigern und gleicherweise störrisch … ja, und nachdem die beiden Alten, die bis zur Pause noch pointiert Senf und Kren  zum Geschehen beisteuern durften, gestorben sind, bleibt den beiden Jungen nach der Pause nichts mehr übrig, als sich zusammen zu raufen. Und da gerät Shanley die Übertreibung in den Charakteren schon etwas aus den Fugen…

Aber es kann nichts passieren, denn Vienna’s English Theatre liefert eine so starke Besetzung (bitte Ohren spitzen, es dauert einige Zeit, bis man den irischen Zungenschlag voll versteht), dass nichts passieren kann: Robert Whelan poltert und Stephanie Fayerman ist pfiffig weise, solange die beiden Alten dabei sein dürfen, aber die Stunde von Millie Reeves, die sich ihr Glück erkämpft, und vor allem von Peter Ormond, der noch viel mehr spinnt als man sich je vorgestellt hätte, schlägt von Anfang an.

Sie machen das Stück möglich, wo’s eigentlich kaum mehr geht, und Regisseur Ken Alexander hat prächtige Arbeit geleistet, dass das Ganze wie ein echtes, süffiges irisches Volksstück aussieht. Und man kaum merkt, wie synthetisch zusammengekleistert da vieles ist. Das Publikum war jedenfalls sehr angetan.

Renate Wagner

Aufführungen:  14. März bis 22. April 2017, 19.30 Uhr, täglich außer Sonntag
(keine Aufführungen vom 14. – 17. April)

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