Der Neue Merker

WIEN / Ursulinenkloster, Vivaldi-Saal: Klavierabend JOSEF BULVA

WIEN / Ursulinenkloster, Vivaldi-Saal: Klavierabend Josef Bulva

13.7.2017 – Karl Masek

Josef Bulva
Josef Bulva am „Steinway“. Copyright: Andrea Masek

Vorher nie gehört. Wer ist Josef Bulva? Geboren 1943 in Brünn. Ergilt als Wunderkind am Klavier. Spielt mit 12 Jahren Liszt, mit 13 Jahren Brahms‘ gefürchtete Paganini-Variationen. Als „Staatssolist“ ein Vorzeigemusiker in der kommunistischen ČSSR. Wird gar mit Vladimir Horowitz verglichen. Nach dem Prager Frühling und dem Einmarsch der Sowjet-Truppen in der ČSSR nützt er eine Auslandstournee zur Flucht, verlässt  seine Heimat, geht nach Luxemburg, dann wird München sein Lebensmittelpunkt.

Neuanfänge sonder Zahl werden ihm abverlangt. Schicksalsschläge werfen ihn zurück. 1971 ein schwerer Bergunfall, etliche Knochenbrüche. Monatelanger Krankenhausaufenthalt. Zwangspausen. Die Karriere nimmt wieder Fahrt auf, der Kritiker- und Klavierpapst Joachim Kaiser bezeichnet ihn einmal als „Pianist des wissenschaftlichen Zeitalters“. Dann aber der schicksalshafte 22. März 1996: Bulva, auf Heimatbesuch, stürzt bei Glatteis auf seine linke Hand. Unter dem Schnee die Scherben einer Flasche. Sehnen und Muskeln der linken Hand werden durchtrennt. Die Hand würde er nie mehr richtig bewegen können, eröffnen ihm schonungslos die Ärzte. Bulva lässt seinen Steinway, dessen Anblick er nicht mehr erträgt, abholen. Zieht sich nach Monaco zurück, wird Börsenmakler und Investmentbanker, macht offenbar sehr viel Geld. Die Musik lässt ihn jedoch nicht los…

Etliche Operationen in der Schweiz folgen. Bis einem Arzt in Zürich das Wunder gelingt: Die Spielfähigkeit der linken Hand wieder herzustellen. Nach jahrelangem „Üben im Kopf“ nun wieder der Neuanfang: Fünf Jahre besessenes Üben mit der linken Hand. Hoffnung, Tiefschläge, Verzweiflung. Irgendwann geht es wieder. „Glück kann man nicht manipulieren, …, aber man kann ihm einen Flughafen, eine Bahn bauen, um das Landen überhaupt möglich zu machen…“, so Bulva in einem Interview 2010, nachdem er wieder zu konzertieren begonnen hatte.

Univ.Prof. Prof. Dr. Peter Reichl skizziert diesen unglaublichen Lebensweg des Pianisten in seinem profunden Einleitungsstatement und liefert auch eine instruktive Analyse der drei Sonaten dieses Abends mit, „drei Gipfelpunkte für die jeweilige Zeit“, so Reichl.

Bohuslav Martinů: Sonate Nr.1 für Klavier (1954), gewidmet dem aus Wien stammenden, legendären Pianisten Rudolf Serkin. Ein typisches Werk in Martinůs später Periode.Dreisätzig, mit formaler Freiheit, dramatischer Spannung, teilweise schroff dissonant. Das Intervall der None dominiert – nach Es-Dur-Beginn schließt das Werk in E-Dur. Mährische Choräle, Polkarhythmus im 3. Satz: Ein spannendes Kapitel Klavierliteratur.

Ludwig van Beethoven: Die Klaviersonate op.53, „Waldsteinsonate“. 1803, unmittelbar vor dem „Fidelio“ entstanden. Auch Beethoven verlässt hier erstmals die strenge Sonatenform, man bezeichnet dieses auch technisch besonders anspruchsvolle Werk oft als „Symphonie für Klavier“.

Schließlich ein besonderer Meilenstein der Klavierliteratur: Die h-Moll-Sonate von Franz Liszt. Hier erprobt sich der geniale Raidinger an der „Mehrsätzigkeit innerhalb der Einsätzigkeit“ und verlangt den Pianisten bis zur genialen Schluss-Apotheose samt leisem Verklingen eine staunenswerte technische Brillanz und klangliche Bandbreite ab.

Josef Bulva 1
Copyright: Andrea Masek

Josef Bulva spielt dieses Programm in einem so genannten Exklusivkonzert für Wien. Auf dem eigenen Steinway Nr 582310, mit drittem Pedal. Bewusst in dem  kleinen, intimen Rahmen des hübschen, akustisch sehr guten Vivaldi-Saales in der Johannesgasse Nr. 8.

Hier geht es ganz allein um die Essenz der Musik. Keine großen Gesten, keine dramatischen Gebärden. Keine pianistische Show, keine vordergründigen „Demonstrationen“. Beinahe verhuscht, der Auftritt, scheue Andeutung einer Verbeugung.

Alle drei Werke sind dem introvertierten Bulva Herzensangelegenheiten. Die Hände spielen wieder, was in langen Nachdenkpausen nur im Kopf imaginiert werden konnte. Klar und transparent die Struktur der Werke. Abgeklärt die Spielweise. Sachlich und souverän, mit Erfahrungs- und Erkenntnisschatz, spielt der mittlerweile Vierundsiebzigjährige. Scharfer Intellekt bricht sich Bahn. Von Tempoarchitektur kann man da ruhig sprechen. Sein Spiel hat „Puls“, es braucht keine aufgesetzten Effekte, keine Rubato-Exaltiertheiten.

Entschlossen der Zugriff, verblüffend die ansatzlose Kraft von Fingern und Handgelenken, scheinbar ohne körperlichen Nachdruck. Fast regungslos sitzt Bulva am Klavier, der Vergleich mit Vladimir Horowitz scheint da nicht abwegig. Auch der hat sich kaum bewegt – und dann hat er donnernde  Akkordballungen in den Steinway gemeißelt, aberwitzige Läufe hingelegt, ohne viel Brimborium. Ich war Zeuge, damals im Musikverein, 1987, bei seinem letzten Wiener Klavierabend.

Die Zuhörer werden auf eine Zeitreise mitgenommen, auf einen Flug durch eineinhalb Jahrhunderte. Bulva ist der Pilot, den nach vielen Lebensturbulenzen nichts mehr schrecken kann. Mit der Schluss-Apotheose in Liszts h-Moll-Sonate legt er eine Bilderbuchlandung auf den „selbst gebauten Glücks-Flughafen“ hin.

Scheue Verbeugung. Er huscht hinaus, so wie er hereingekommen war. Man geht bereichert nach Hause.

Karl Masek

 

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