Der Neue Merker

WIEN / Theatermuseum: SPETTACOLO BAROCCO!

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WIEN / Österreichisches Theatermuseum:
SPETTACOLO BAROCCO! – Triumph des Theaters
Vom 3. März 2016 bis zum 30. Jänner 2017

Spektakel müssen sein!

Eine gewisse Vorliebe für Spektakel ist den Österreichern, zumal den Wienern bis heute nicht abzusprechen. Nie hingegen ist die Kunst in ihrer Farbigkeit, Aufwändigkeit, Vielfältigkeit, in Phantasie, Organisation, Ideologie dermaßen explodiert wie im Barock. Das Österreichische Theatermuseum im Palais Lobkowitz in Wien, das heuer selbst etwas zu feiern hat, nämlich sein 25jähriges Bestehen an diesem Ort, dokumentiert zu diesem Anlaß so üppig, wie man es sich nur wünschen kann, den „Triumph des Theaters“, wie er sich als „Spettacolo barocco!“ im 17. bis 18. Jahrhundert überschäumend offenbarte.

Von Heiner Wesemann

Barock  IMG_3281Lobkowitz~12 Barock  Fassade heute~12

Das Theatermuseum    Eine jener Wiener Stadtansichten, die Bernardo Bellotto im Wien Maria Theresias um 1760 malte, galt dem Palais Lobkowitz. Tatsächlich sah es von außen damals schon so aus wie heute noch immer – eine mächtige Fassade, ein gewaltiger Bau, vor dem sich noch ein großer Platz erstreckte (wo heute nur noch eine enge Straße ist). 1991 zogen die gewaltigen Sammlungen an Theatermaterial hier ein, die man in Wien im Lauf der Zeiten an verschiedenen Orten tatsächlich schon seit dem Barock gehortet hatte – wie die derzeitige Ausstellung nachdrücklich beweist. Die letzte Erweiterung ergab sich übrigens, als das Staatsopern-Museum aufgelöst wurde und man die dortigen Bestände übernahm. Oper – immer ein Thema für das Theatermuseum. Dass man sich heute im Verband des Kunsthistorischen Museums befindet, ermöglichte auch Zugriff auf viele Sammlungen des Hauses, auf die Gemäldegalerie, die Bestände der Wagenburg oder die Sammlung alter Musikinstrumente.

Theater und Barock    Immer wird sich eine Epoche im Theater spiegeln, aber selten wird sie dermaßen Sinnbild und Ausdruck sein wie im Barock. Wenn auch Österreich und dann wieder Wien im Zentrum der Ausstellung steht, so haben die vier Gestalter (Daniela Franke, Rudi Risatti, Andrea Sommer-Mathis und Alexandra Steiner-Strauss) doch die Blicke schweifen lassen – denn was im Paris und Versailles des Sonnenkönigs passierte, war Konkurrenz (auch politisch aufgefasst), die Entwicklung der Musik und der Oper in Italien war Vorbild, zumal in einer Welt, wo die Habsburger so musikalisch waren, dass einige Kaiser auch als ernst zu nehmende Komponisten reüssieren konnten. Darüber hinaus war der Repräsentationswille eines absoluten Herrschertums offenbar nur mit überbordendem Aufwand zu stillen.

Ludwig 14 tanzt2016_09  ThMus x~1 Foto: Theatermuseum

Anlässe und Ausdrucksformen     Im Zentrum dessen, was die Wiener Ausstellung „Spettacolo austriaco“ nennt, stand die Familie des Kaisers. Gefeiert wurden Hochzeiten, Krönungen, die Geburt von männlichen Erben, Geburtstage. Dazu kamen in einer extrem katholischen Welt (zumal nach einem Religionskrieg, wie es der Dreißigjährige war) die Feste des Kirchenjahres. Man feierte vor allem mit Opernaufführungen, aber auch „Rosse-Balletten“ und Schlittenfahrten, Balletten und Bällen, Feuerwerken und Auftritte exotischer Tiere. Es scheint heute unglaublich, welche Vermögen man in solche Aufführungen investiert hat, für die manchmal eigene Theater gebaut wurden. Und gelegentlich mochten die Fürsten auch selbst mitwirken – zumindest ließen sie sich gerne auch in Theaterkostümen darstellen. Man sieht es gleich im ersten Raum anhand der berühmten Gemälde von Kaiser Leopold I. und seiner ersten Gattin Margarita Teresa (der berühmten „Velasquez“-Infantin), die in kostbaren „Schäfer“-Gewändern erscheinen. Leopold zeigt sich auch mit voluminösem Federschmuck beim „Rosse-Ballett“. Und – auch Ludwig XIV. tanzte bei seinen glanzvollen Ballettaufführungen mit…

Die Dokumentation des Geschehenen   Immer schon wusste man, dass Ereignisse – und seien sie noch so groß und prächtig – vergänglich sind, nur unvergänglich, wenn man sie dokumentiert. Neben Ölgemälden waren die Kupferstiche, ob als Bilder, ob in Büchern verbreitet, das Medium, die Erinnerung wach zu halten. Mit kleinteiliger Ausführlichkeit hielt man jedes Detail von Kostümen, von Bühnenbildern, von theatralischen Strukturen fest: Szene für Szene wollte man die Aufführungen mit ihren ganzen Effekten unvergesslich machen. Ganz abgesehen davon, dass Bücher auch als Leitfäden dienten, etwa um die barocke Theaterarchitektur zu erklären und ihre Funktion auch zwecks Nachahmung zu beschreiben. Theaterausstattungen und Maschinerien, in vielen Darstellungen nachzuvollziehen, konnten an Effekten gar nicht genug tun.

Die Konkurrenten     Auf keiner Ebene war Europa internationaler als in der Kunst – die Musiker, die Maler, die Theatermacher und –Architekten reisten, waren manchmal ihres Ruhmes wegen begehrte „Beute“ von Höfen (wie die Familie Galli-Bibiena, die in Wien großartige Ausstattungen schufen). Denn, wie die Ausstellung zeigt, ob Frankreich, ob Italien, überall benützte man die Künste zur Bestätigung der eigenen Pracht, die Bourbonen taten es ebenso wie die Medici und die anderen zahllosen Fürstenhäuser Italiens. So wird die österreichische Entwicklung in den großen Zusammenhang gestellt.

Barock  Pantalone_Arlecchino_Capitano ThMus~1 Foto: Theatermuseum

Arlecchino und Hanswurst     Neben den „hehren“ höfischen Theaterformen widmet sich die Ausstellung auch den trivialen, der Commedia dell’arte und den Anfängen einer Wiener Volkskomödie, wobei gerade bei den Italienern auch hier der barocke Hang zum Grotesken stark nachzuvollziehen ist. Zu den Bildern, die die Parodie des Hehren hinunter zum Trivialen nachvollziehbar machen, hat das Theatermuseum hier viele anschauliche Objekte zu bieten – Kostüme, Hüte, Schuhe.

Von der Frömmigkeit zur letzten Fröhlichkeit   Die Ausstellung führt mit einem ausführlichen Exkurs zur sakralen Ausprägung barocker Theaterkunst (die der fürstlichen oft nicht nachstand) bis zur Welt Maria Theresias, in der zwar auch noch gefeiert wurde („Spektakel müssen sein“, lautete ein berühmter, Maria Theresia zugeschriebener Ausspruch) – aber eine Epoche der Kriege sorgte dafür, dass man weniger Zeit und Lust zum Feiern hatte und das Geld für anderes benötigte. Und als Maria Theresias trockener Sohn Joseph II. auf den Thron kam, hatte das Zeitalter des Barocks ausgedient (und es bedurfte des Wiener Kongresses, um Feste noch einmal überborden zu lassen). Pracht, Prunk und Farbenfreude, wie sie im Hochbarock geherrscht hatten, blieben in dieser Form einmalig.

Barock  Krumau Theater Wesemann x~1

Leihgaben der Tschechei   Die Tschechischen Republik ist Mitveranstalter dieser Ausstellung hat außergewöhnlich kostbare Exponate aus Český Krumlov, dem ehemaligen Krumau, beigesteuert, darunter ein großes Holz-Modell des berühmten Barocktheaters sowie Kostüme (darunter jenes, das Plakat und Katalog schmückt), Kulissen und Teile der Bühnenmaschinerie. Nachblättern und reichlich nachlesen kann man in dem voluminösen Katalog, der zu dieser Ausstellung erstellt wurde. (Michael Imhof Verlag, 340 Seiten)

Österreichisches Theatermuseum:
Spettacolo barocco! – Triumph des Theaters
Bis 30. Jänner 2017, täglich außer Di 10 – 18 Uhr

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