Der Neue Merker

WIEN / Theatermuseum: DER MAGISCHE RAUM

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WIEN / Theatermuseum:
DER MAGISCHE RAUM
Bühne – Bild – Modell
Vom 20. April 2017 bis zum 12. Februar 2018

Kulissenzauber der besonderen Art

Einzelne Bühnenbildmodelle sieht man immer wieder einmal in Theaterausstellungen, dreidimensionaler Aufputz zu Bildern und Dokumenten. Diesen Theatermodellen eine eigene Ausstellung zu widmen, erweist sich im Theatermuseum im Palais Lobkowitz als überaus gewinnbringender, lehrreicher, reizvoller Spaziergang durch die Geschichte. Wer, der sich für Theater und Oper interessiert, schaut nicht gerne einmal „hinter die Kulissen“: Hier kann man es im Wortsinn tun – auch mit verdrehtem Hals…

Von Renate Wagner

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Fotos: Theatermuseum

Wie stellt man Modelle auf?     Das Theatermuseum in Wien besitzt annähernd tausend Bühnenbildmodelle, das ist außerordentlich viel, und Ulrike Dembski und Rudi Risatti als Kuratoren konnten reich wählen, um verschiedene Epochen für Stücke und Ausstattungen zu versinnbildlichen. Vermutlich wäre es den Ausstellungsgestaltern Karin Müller-Reineke und Gerhard Vana langweilig erschienen, die einzelnen großen „Kästen“ mit ihrem Inhalt einfach in Reih und Glied aufzustellen. Ihre „verschränkte“ Darstellungsweise hat auf den ersten Blick den Nachteil, dass man des öfteren einfach vor der „Rückenfront“ steht und sich entweder verdrehen oder rundum auf die andere Seite gehen muss: Aber das Prinzip des „Raums“ wird solcherart klarer, und man muss es sich quasi erarbeiten.

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Reinhardts „Wald“

Auf den Spuren von Legenden     Wer sich ein bisschen mit Theatergeschichte befasst hat, weiß, dass man 1905 in Berlin am Abend zu einander gesagt hat: „Jetzt dreht sich bei Reinhardt der Wald.“ Max Reinhardt hatte für seine legendäre Aufführung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ in seinem Neuen Theater von Karl Kaiser tatsächlich einen „Wald“ mit Baumstämmen, Gras und Laub auf die Drehbühne stellen lassen, eine Sensation damals, Theater gewordene Bühnenpoesie. Will man über die beiden Ausstellungsräume im Parterre des Palais Lobkowitz hinausgehen, die Treppen hoch, vorbei am Eroica-Saal, noch einen Stock höher, findet man da die „Zusatzausstellung“ mit dem Titel „Spielräume“, wo einige überdimensionale Modelle permanent präsentiert werden – darunter die ebenso legendäre „Faust“-Stadt, jene Simultanbühne, die Clemens Holzmeister einst für Reinhardts „Faust“-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen in die Felsenreitschule gestellt hat…

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„Phädra“ auf Russisch

Antike     Man hat die Bühnenbilder nicht chronologisch gegliedert (was natürlich auch seinen Reiz gehabt hätte), sondern in sieben thematische Schwerpunkte aufgeteilt. Wobei „Antike“ nicht bedeutet, dass man hier mit Modellen griechischer und römischer Bühnenbauten konfrontiert wäre (Stein ist haltbar, vieles ist noch „live“ in unserer Welt aufzufinden), sondern dass es um Bühnenbildern zu Werken geht, die antike Themen behandeln. Das müssen nicht nur die griechischen Klassiker sein, auch Shakespeare schrieb einen „Julius Caesar“, Oscar Wilde eine „Salome“. Und wenn man auf den bunten, kubischen und nach wie vor ungemein „modern“ wirkenden Raum für Racines „Phädra“ blickt, dann macht man sich klar, dass dieses Bühnenbild von Aleksander Vesnin schon 1921 für das Moskauer Künstlertheater entstanden ist und in engster Verbindung mit den damaligen Kunstrichtungen der Moderne stand. Und man erinnert sich noch, welche Sensation es bedeutete, als kein Geringerer als Fritz Wotruba in den sechziger Jahren am Wiener Burgtheater einen Antike-Zyklus ausstattete und dabei „seine“ spezifische Form des bildhauerischen Ausdrucks auf die Bühne brachte: Sein Palast von Mykene zu „Elektra“ ist hier zu betrachten.

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„Zauberflöte“ à la Barock

Der Traum von der Vergangenheit    Bühnenbilder reflektieren, wie sich das Theaterverständnis verändert hat. Frühere Zeiten haben Goethes Faust noch keine Jeans angezogen, sondern ihn in das Mittelalter versetzt, in dem die „Geschichte vom Doktor Faustus“ ursprünglich angesetzt war. Aber auch Passionsspiele, natürlich der „Jedermann“ oder auch Franz Schmidts Oper „Notre Dame“ sind klassische Mittelalter-Sujets, die oft gewissermaßen „folkloristisch“ umgesetzt wurden. Tatsächlich aber hat man aber auch hier schon relativ früh zur Abstraktion gegriffen, wie etwa Robert Kautskys Bühnenbilder zu „König Lear“, 1958 im Burgtheater, zeigen. Über Renaissance, Barock und Rokoko bis zur Romantik und gar erst bei Mythen und Märchen (eine „Zauberflöte“ stellte man auch später in barockes Ambiente) hat sich das Verständnis früherer Zeiten oft im schönen Bild festgemacht, wobei die Ausstatter auch als Kinder ihrer jeweiligen Zeit zu verstehen sind. (Der „moderne“ Duktus der Opern-Ära von Gustav Mahler war ja auch mit den Abstraktionen von Alfred Roller verbunden.) Unsere nüchterne Zeit, die in der Ausstellung geringer repräsentiert ist, muss sich aber auch den Genres fügen, die sie bedient: Wenn man ein Musical ausstattet wie „Cats“, das sich an ein Massenpublikum wendet, bekommt auch eine Müllhalde einen gewissermaßen „romantischen“ Touch…

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„Cats“ im Theater an der Wien

Reiz der Technik     Betrachtet man die Ausstellung unter dem Gesichtspunkt der Theatergeschichte und des künstlerischen Ausdrucks, ist sie schon ergiebig genug. Aber reizvoll ist es auch, den Weg von den alten Kulissenbühnen des Barocks bis zu den Abstraktionen zu gehen, die man auf Drehbühnen stellt, wobei das Theater ja auch längst die konventionellen Räume verlassen hat und sich immer wieder alternative Spielstätten mit ebensolcher Ausstattung (oder auch schon „Nicht-Ausstattung“) sucht. Wie grenzenlos die Möglichkeiten sind, wie viel Phantasie und auch technische Künste aufgewendet werden, um „Theater“ letztlich auch durch die Optik zu bestimmen, das kann man weiterführend in dem voluminösen Katalog genießen, den Ulrike Dembski herausgebracht hat und der weit über die Ausstellung hinaus geht. Dort wurde übrigens der originelle Zugang gewählt, Opern und Theaterstücke (und ihre Ausstattungen) schlichtweg nach dem Alphabet aufzulisten – was ein herrliches Durcheinander durch die Epochen ergibt.

Theatermuseum: DER MAGISCHE RAUM  Bühne – Bild – Modell
Bis zum 12. Februar 2018, täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr
Hörstationen, Filme, digitales Infomaterial sind in die Ausstellung eingebaut

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