Der Neue Merker

WIEN / Theater im Zentrum: THE MIRACLE WORKER

THEATER DER JUGEND • THE MIRACLE WORKER • VON WILLIAM GIBSON
Fotos: Theater der Jugend / c_RitaNewman

WIEN / Theater der Jugend im Theater im Zentrum: 
THE MIRACLE WORKER von William Gibson
Premiere: 18. Oktober 2016,
besucht wurde die Vorstellung am 24. Oktober 2016 

Es gibt Dinge, die unvorstellbar sind. Kann man sich schon kaum ausdenken, wie es ist, blind zu sein; wie es ist, taub zu sein. Aber blind und taub, gänzlich abgeschlossen von der Welt, ausgeschlossen von allem Leben, nur mit den Händen in Kontakt mit den paar Menschen, die sich mit einem abgeben… das war das Schicksal von Helen Keller (1880-1968), die, als normales Kind geboren, im Alter von 19 Monaten nach einer Gehirnhautentzündung Augenlicht und Gehör verloren hatte. Ihre Geschichte ist weltberühmt geworden, denn es gibt wenige Beispiele für eine ähnliche Bewältigung eines Schicksals, das jedermann als aussichtslos betrachten musste.

Helen Keller, die blind und taub blieb, aber sprechen lernte, ist die Heldin eines oft und gern gespielten (auch verfilmten) Bühnenstücks von William Gibson. Dabei ist „The Miracle Worker“ auch die Geschichte jener Lehrerin Annie Sullivan, die ihr den Weg ins Leben und ins Bewusstsein wies. Sie hat das Wunder vollbracht, und das kleine Wunder des Stücks besteht darin, dass dieser vermutlich hochkomplizierte Prozeß perfekt in ein glaubwürdiges Theaterstück „gegossen“ werden konnte.

Sandra Cervik beweist im Theater der Jugend – nach „Freak“, 2015 – zum zweiten Mal ihr Talent, die Geschichte von Jugendlichen mit fester und geschickter Hand auf die Bühne zu bringen, wobei sie das Thema keinesfalls weichspült. Denn Helen, die Tochter reicher, liebender, vor Mitleid überfließender Eltern, war eine Jugendliche, der man nie Grenzen gesetzt hatte, die völlig disziplinlos durchs Leben tobte, in dem sie sich nicht zurechtfand. Die Bändigungsversuche von Annie Sullivan gehen in Cerviks Inszenierung dermaßen unter die Haut, weil sie manchmal geradezu einem Exorzismus gleichen.

THEATER DER JUGEND • THE MIRACLE WORKER • VON WILLIAM GIBSON

Das muss man spielen können, da liegt die Latte der Ansprüche weit höher als üblicherweise. Und die Darsteller erweisen sich als perfekt. Maresi Riegner, die man aus dem Kino kennt, wo sie Egon Schieles Schwester hervorragend verkörpert hat, ist die (keinesfalls als Sympathieträgerin gezeichnete) verlorene kleine Tobsüchtige, bei deren „Menschwerdung“ am Ende man die Tränen kaum zurückhalten kann. Felicitas Franz als Annie Sullivan bringt mit trockenem Humor das ganze Persönlichkeitsgewicht einer jungen Frau mit, die entschlossen ist, dieses Geschöpf Helen dem Leben wiederzugeben.

Sehr stark auch die Eltern, Stephanie K. Schreiter und Uwe Achilles sowie die treue Dienerin mit trockenem Humor: Lynne Williams.

Cervik hat das alles in dem überaus praktikablen, dabei stimmungsvollen Bühnenbild von Nathalie Lutz perfekt im Griff, und das jugendliche Publikum (der Abend ist ab 11 Jahren vorgesehen) klatschte hingerissen.

Renate  Wagner

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