Der Neue Merker

WIEN / Theater der Jugend: GRIMM!

Szenefotos

Fotos: Rita Newman / Theater der Jugend

WIEN / Theater der Jugend / Renaissancetheater: 
GRIMM! DIE WIRKLICH WAHRE GESCHICHTE VON ROTKÄPPCHEN UND IHREM WOLF
Text von Peter Lund / Musik von Thomas Zaufke
Premiere: 16. Februar 2017 

Da gibt es doppelten Boden, wohin man schaut. „Grimm“, das sind natürlich die Brüder Grimm mit ihren Märchen als die ursprünglichen Erfinder der Geschichte. „Grimm!“ mit Rufzeichen steht auch für den bösen, grimmigen Wolf des Märchens, der hier so böse nicht ist. Es geht ja auch, obwohl der Subtitel „Die wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf“ lautet, nicht wirklich um Rotkäppchen, die selbst von sich sagt, dass sie eigentlich Dorothea heißt und dass die meisten Märchen nicht wahr sind. Was ist das also?

Es ist eine Brüder-Grimm-Paraphrase, die ein politisches Gleichnis erzählt, nicht weniger – für diesen Text ist Peter Lund verantwortlich. (Wir kennen Lund übrigens auch in anderer Funktion –  er hat den über die Maßen amüsanten, gelungenen „Axel an der Himmelstür“ an der Volksoper inszeniert.) Es ist auch ein Musical, und das dank der Musik von Thomas Zaufke, die ungemein griffig und schmissig ist und auch in die Ohren geht – mehr, als man von vielen der schwerfälligen Werke behaupten kann, die sich auf Wiens großen Bühnen herumwälzen.

Nun, als Polit-Spaß und Musical ist dieser „Grimm!“ vollinhaltlich eine Sache für Erwachsene – das Theater der Jugend spielt ihn im Renaissancetheater für Kleinkinder ab 6 Jahren. Und auch das funktioniert. Die Kleinen lachen bei derben Witzen, und je lauter und stürmischer es zugeht, umso mehr vergnügen sie sich. Das tiefere Verständnis der Geschichte wird für sie graduell verschieden sein – aber auch, wenn es sich gar nicht einstellt, haben sie noch einen lustigen, bunten Abend erlebt.

Tatsächlich lässt man sich gerne belehren. Wie könnte man eine Multi-Kulti-Geschichte besser erzählen als in einem Dorf, wo die Schweine, die Hunde und die Geißlein zusammen leben (sind ja alles Tiere, nicht wahr?), sogar ein Mensch (Rotkäppchen) hat sich zu ihnen verirrt. Die Demarkationslinie verläuft genau vor dem Wald – dort ist der „böse“ Wolf. Und noch ein Eber. Und auch das, was einst die Großmutter war und hier zur weisen Eule mutierte. Die „Anderen“ jedenfalls. Und im Grunde ist nur Rotkäppchen, Verzeihung, Dorothea eine unerschrockene Grenzgängerin. Und weil sie so ohne weiteres auf den Wolf zugeht, stellt sich heraus, dass der gar nicht so „böse“ ist, wie alle sagen…

Szenefotos

Freilich, die Macher dieses Stücks wollen nicht lügen: Der Versuch, den Wolf in die Dorfgemeinschaft zu integrieren, gelingt nicht wirklich – trotz des „Willkommen“-Getues (Parodie auf eine „Willkommens-Kultur“, die sich selbst feiert und es so gar nicht ernst meint). Es wird nicht klappen für den Wolf im Dorf, nicht nur der Schweine wegen, die sich als solche verhalten (Schweinchen Schlau gar mit blonder Donald-Trump-Schmolle, damit man es ja mitkriegt). Und andere, wie der Hund, die sind halt ein bisschen feig und duckmäuserisch. Und die Ziege wurschtelt sich verlogen so durch – ganz wie die Menschen eben.

Und außerdem ist der Wolf ja doch zu anders, als dass er sich letztendlich im Dorf wohlfühlen könnte… das muss auch gesagt werden. Aber die versöhnende, „alle Menschen werden Brüder“-Tendenz des Stücks wird ausführlich genug gepredigt und gesungen, so dass sie alles durchdringt.

Das könnte penetrant sein, aber die Geschichte ist so bunt, schnell, turbulent und letztlich auch kabarettistisch, dass dies nicht wirklich passiert: Dafür sorgt schon Regisseur Werner Sobotka, der solches wirklich kann, und Choreograph Simon Eichenberger, der den Darstellern gnadenlos alles abfordert – als stünden sie auf einer großen Musical-Bühne (wo oft weniger überzeugend agiert wird).

Freilich, so ganz großartig fällt es am Ende dann doch nicht aus, weil man hier bewusst mit Anfängern gearbeitet hat, mit Studenten der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien, und der 2. und 3. Jahrgang der Abteilung für Musikalisches Unterhaltungstheater hat zwar viel guten Willen und viele gute Ansätze, aber weder die Routine noch, im Ganzen, die nötigen Musical-Stimmen.

Immerhin, der titelgebende Grimm-Wolf Lukas Weinberger ist spürbar kein kompletter Neuling und beim Singen und Spielen schon weiter als die anderen. Und Florine Schnitzel als Rotkäppchen, Verzeihung, Dorothea, wird sicher nie Probleme haben, sich mit ihrem handfesten Temperament auf der Bühne durchzusetzen. Die schönste Stimme des Abends hat die Eulen-Oma, aber die ist ja auch schon wirklich erfahren (und hat einen voluminösen Namen: Enny Alejandra Grijalva Villalobos). Und sehr witzig versucht die Mutter Ziege der sieben Geißlein (nein, es sind ja nur vier, was in diesen Märchen gelogen wird!), den attraktiven Wolf zu verführen – Alexandra-Yoana Alexandrova holt auch noch aus ihrem Akzent Wirkungen. Das Schweinchen Wild (Katharina Gorgi) und das ganz schlanke Schweinchen Dicklinde (Diana Schniererova) kompensieren durch die frische Frechheit ihrer Darstellung, was ihnen noch an stimmlicher Reife fehlt. Und Schweinchen Schlau (Kaj Luis Lucke) ist der Intrigant, wie er im Buche steht. Vater und Sohn Hund (Thomas Wagenhammer / Raphael Groß) haben ihre Möglichkeiten und nützen sie, so wie das dritte Schweinchen (Lukas Müller) und die schrillen kleinen Geißlein.

Sie alle machen als Typen und Darsteller gute Figur, und manchmal überdeckt die aufgeheizte Musik (Musikalische Leitung: Michael Schnack) auch die Stimmen, und jedenfalls spielen die praktische Bühne (Karoline Hogl) und vor allem die fetzigen Kostüme (Elisabeth Gressel) sehr wichtig und erfolgreich mit.

Eine vielschichtige Angelegenheit – so „geschichtet“, dass sie wirklich für jeden etwas zu bieten hat. Bis 11. März im Renaissancetheater. Man sollte einmal vorbeischauen.

Renate Wagner

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