Der Neue Merker

WIEN / Theater der Jugend: DER NUSSKNACKER

Der Nussknacker • Theater der Jugend • Renaissancetheater
Alle Fotos: Rita Newman

WIEN / Theater der Jugend / Renaissancetheater:
DER NUSSKNACKER Nach E.T.A. Hoffmann von Gerald Maria Bauer
Uraufführung
Premiere: 14. Dezember 2016 

Es stimmt schon, dass man den „Nussknacker“ im Grunde nur als Ballett kennt und sich – eigentlich ist es ja eine Schande! – gar nicht mehr bewusst macht, von wem die Geschichte stammt: Von E.T.A. Hoffmann nämlich, und sie eignet sich bestens als „Kinderstück“, weil es echte Familienszenen bringt (samt Zank und Streit) und eine wunderschöne Aussage hat: „Alle Macht der Phantasie!“

Die kleine Marie kann sich vorstellen, dass der Nussknacker (er sei so hässlich, sagt ihre ältere Schwester verächtlich), den ihr Onkel Drosselmeier schenkt, nicht nur eine tote Puppe sei, sondern dass ein Mensch mit einem Schicksal dahinter steckt. Und so ist es auch, wobei der böse Mausekönig da noch gewaltig dazwischen fährt und für Turbulenzen sorgt…

Gerald Maria Bauer hat aus der Erzählung ein Stück gemacht, es temperamentvoll (und manchmal, in den Szenen mit dem lebendigen Nussknacker und dem Mäusekönig, fast zu laut) inszeniert und auch noch zusammen mit Magdalena Wiesauer das wirklich schöne Bühnenbild geschaffen, geeignet, eine großbürgerliche Geschichte im Bamberg des 19. Jahrhunderts zu erzählen. Entsprechend nobel hat auch Stephan Dietrich die Darsteller eingekleidet.

Für die Rahmenhandlung schickt Bauer den Dichter E.T.A. Hoffmann persönlich auf die Bühne, der die Kinder einstimmen kann und dann als Onkel Drosselmeier mitspielt: Er erzählt der kleinen Marie phantastische Geschichten, während ihre Familie lieber fest am Boden der Realität verhaftet bleibt. Am Ende allerdings sind alle bekehrt, und so soll es auch sein.

Matthias Mamedof, den man 2009 in eben diesem Renaissancetheater in Neil Simons „Brooklyn Memoiren“ regelrecht entdeckt hat, der dann eine wunderbare Entwicklung an Schottenbergs Volkstheater machte und mit der Intendanz Badora (wie alle seine Kollegen mit ganz wenigen Ausnahmen) aus dem Ensemble flog, ist wieder an das Theater der Jugend zurückgekehrt und mit seiner Präsenz, seiner hervorragenden Sprache und seiner seelenvollen Vis Comica der denkbar beste Zentralpunkt des Stücks, um den sich alles dreht.

Der Nussknacker • Theater der Jugend • Renaissancetheater
Matthias Mamedof, Tanja Raunig

Ähnlich ideal ist Tanja Raunig, die sich – nein, nein und nochmals nein! –  ihre Phantasie von niemandem rauben lässt, und im übrigen bewundert man immer wieder die durchgehende Qualität des Theater der Jugend-Ensembles, ob das Pia Baresch und Janina Stopper als Mutter und Schwester sind oder Florian Stohr als Vater, Stefan Rosenthal als Bruder, Luka Dimic als Nussknacker. Besonders drollig fegt Barbara Spitz als englische Haushälterin durch die Szene, und alle verdienen sich ihr Geld vielfach, indem sie mehrere Rollen spielen müssen.

Wär’s nicht so laut gewesen, hätte die Poesie noch stärker walten können, aber ein Triumph der Phantasie war diese andere „Hoffmanns Erzählung“ allemale.

Renate Wagner

 

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