Der Neue Merker

WIEN/ Theater an der Wien: WOZZECK

TadW – WOZZECK 21.10.2017 (Premiere am 15.10).

Wozzeck 12_© Werner Kmetitsch
Copyright: Werner Kmetitsch

Wenn man sich Alban Bergs Psychokrimi „Wozzeck“ ansieht, kann man kaum nachvollziehen, dass sich das zu Grunde liegende Drama „Woyzeck“ von Georg Büchner im Nachlass des 1837 verstorbenen Dichters lediglich als „Fragment“ auffand. Aber nicht nur Alban Berg (1885-1935) konnte sich für Büchners Fragment begeistern, sondern auch der nur fünf Jahre jüngere deutsche Komponist Manfred Gurlitt (1890-1972), der den gleichen Stoff vertonte. Die Parallelen sind auffallend. Bergs Oper umfasst drei Akte und 15 Szenen und wurde am 14.12.1925 in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin uraufgeführt. Gurlitts „Wozzeck“, op. 16, umfasst hingegen 18 Szenen und einen Epilog und wurde am 21.4.1926 in Bremen uraufgeführt. Und der Vollständigkeit halber sei noch daran erinnert, dass in der Kammeroper Wien 2012 die Oper „Woyzeck 2.0 – Traumfalle“ des 1977 geborenen deutschen Filmkomponisten Markus Lehmann-Horn aufgeführt wurde, die auf der Novelle „Suchbild Woyzeck“ des 1943 geborenen deutschen Schriftstellers Michael Schneider beruht und die ebenfalls einige Handlungsstränge aus Büchners Fragment frei verarbeitete.

Der deutsche Dirigent und Komponist Eberhard Kloke (geb. 1948) hat nun eine reduzierte Orchesterfassung, passend zur Größe des Orchestergrabens im Theater an der Wien, erstellt, die für mein Erachten kaum klangliche Einbußen gegenüber der Originalpartitur aufwies. Die Wiener Symphoniker unter Leo Hussain unterstrichen auf beeindruckende Weise die ganze Bandbreite seelischer Ausbrüche und Abgründe von Wozzeck, Marie und dem brutalen Tambourmajor. Dieses tödliche Dreieck treibt die Handlung nicht nur in musikalischer Hinsicht, sondern auch durch die Darstellung dreier hervorragender Interpreten voran. Da ist einmal Florian Boesch in der Titelrolle als gehetzte und getretene Natur, die alles auf sich nimmt, nur um Marie und ihrem gemeinsamen unehelichen Kind eine halbwegs würdige Existenz bieten zu können. Gleich zu Beginn muss er die Stiefel des Hauptmanns putzen und nicht wie üblich diesen rasieren. Ein Symbol dafür, wo Wozzecks Platz ist. Nicht auf Augenhöhe, sondern auf Höhe der unteren Extremitäten. Und später darf er dann noch den Hundekot vom Stiefel des Hauptmanns entfernen. Es ist erschütternd mitanzusehen, wie dieser Wozzeck seine Menschenwürde Schritt um Schritt verliert, sich für medizinische Experimente zur Verfügung stellt, und schließlich noch zum Gespött aller Soldaten in dieser beklemmenden Kasernenatmosphäre wird. Die US-Amerikanerin mit skandinavischen Wurzeln, Lise Lindstrom, die ich Ende April als Färberin in Hamburg in sehr guter Erinnerung habe, gestaltete eine bemitleidenswerte Marie, die sich nach Liebe und Zärtlichkeit sehnt, die ihr Wozzeck nicht geben kann, weil er sie vernachlässigt. Alleingelassen flieht sie aus ihrer Tristesse indem sie sich Opium spritzt und dem Werben des Tambourmajors nachgibt und sich von diesem billige Ohrringe schenken lässt. Dieser Kraftlackl, der Wozzeck vor den anderen Soldaten demütigt und in den Unterleib tritt wurde vom tschechischen Tenor Aleš Briscein eindrucksvoll porträtiert. Stefan Cerny beschwor als ruhmsüchtiger Doktor mit seinen zweifelhaften medizinischen Experimenten Erinnerungen an die menschenverachtenden Umtriebe von KZ-Ärzten im dritten Reich. Markig fiel demgemäß auch sein robuster Bass aus. Der britische Tenor John Daszak war ein moralisierender Hauptmann par exemple, eine fast schon groteske Figur. Aus dem Vereinigten Königreich stammt auch Benjamin Hulett, der Wozzecks Arbeitskollegen Andres seinen gut geführten Tenor verlieh. Juliette Mars gefiel als gewiefte Nachbarin Margret mit eindringlichem Mezzo. In der Szene im Wirtshaus traten noch der polnische Bass Lukas Jakobski und der isländische Bariton Kristján Jóhannesson in den Rollen von zwei Handwerksburschen nachhaltig in Erscheinung. Der schwedische Tenor Erik Årman gefiel als „Blut riechender“ Narr, der die spätere Tragödie gleichsam voraus ahnt. Samuel Wegleitner oblag als Mariens Knabe das erschütterndeHopp-Hopp“, dieses Mal nicht auf einem Steckenpferd vorgeführt, sondern – als erschütterndes Memento –auf einem zurück gelassene Gewehr. Auch er wird wohl als Erwachsener ein ähnliches Schicksal erleiden wie Wozzeck… Erwin Ortner hatte wieder einmal den von ihm geleiteten Arnold Schoenberg Chor bestens vorbereitet und auch die von Matthias Unterkofler einstudierten Grazer Kapellknaben waren mit vollstem Einsatz im letzten Bild präsent.

Wozzeck 1_© Werner Kmetitsch
Copyright: Werner Kmetitsch

Regisseur Robert Carsen gelang es die große Hoffnungslosigkeit, die Wozzeck und Marie umgibt, in der kargen Ausstattung von Gideon Davey besonders eindringlich aufzuzeigen. Camouflagefarbene Zwischenvorhänge trennen die einzelnen Szenen optisch voneinander ab, während Alban Bergs Zwischenspiele die musikalischen Übergänge bilden. In dieser beklemmenden Sichtweise bleibt natürlich kein Raum für expressionistische Naturschilderungen. Und der düstere Innenraum einer Kaserne bietet naturgemäß auch keinen Ausblick auf den Mond oder einen Teich. Und da keine Stöcke vorhanden sind, bemalen Wozzeck und Andres einfach die Kasernenwand. In der sensiblen Ausleuchtung der einzelnen Szenen stand Regisseur Carsen noch sein stets bewährter Mitarbeiter Peter van Praet zur Seite. Keine Minute Langeweile entstand bei dieser gut durchdachten Sichtweise von Altmeister Carsen auf „seinen“ Wozzeck. Und das Publikum spendete auch reichlichen Beifall und bedachte Lise Lindstrom, Florian Bösch und auch den kleinen Samuel Wegleitner mit verdienten Bravorufen.

Harald Lacina

 

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