Der Neue Merker

WIEN/ Theater an der Wien: RING-TRILOGIE „BRÜNNHILDE“

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Theater an der Wien DIE RING-TRILOGIE: BRÜNNHILDE – 19.12. 2017 (Premiere am 3.12.2017)

Der dritte Teil dieser Ring-Trilogie setzt mit der berühmten Gretchen-, nein Brünnhilden-Frage an ihren Vater Wotan aus dem dritten Akt der Walküre ein, ob es denn so schmählich gewesen sei, was sie verbrochen hatte? Und die Szene wird dadurch gedoppelt, dass man zur Rechten der Bühne den noch jungen Wotan mit seinem Lieblingskind Brünnhilde scherzen sieht, während der gealterte Sänger des Wotan inzwischen von dieser Abschied nimmt und in ein tranceartiges Wachkoma in ihrer Felsenklause versetzt. Da Loge offenbar verhindert ist, wird er den Feuerzauber wohl irgendwann später einmal nachholen…

Im Zeitraffer findet sich das Publikum dann im zweiten Bild des Vorspiels zur Götterdämmerung. Auf die Nornen konnte man ja getrost verzichten, da diese ja doch langatmig berichtet hätten, was sich in den vorangegangen Teilen des Originalringes ereignet hatte. Brünnhilde spielt auf ihrem Hauspiano und Siegfried übt sich im Lesen. Aber sie leidet wohl an der Zweisamkeit mit Siegfried in dieser schäbigen und engen Behausung und so ist sieeigentlich erleichtert, dass Siegfried zu neuen Taten aufbricht. Und schon ist der Hallodri weg, begleitet von den possierlichen Rheintöchtern, mit denen er gemeinsam den Rhein hinab zu den Gibichungen rudert. Dass er dort auch ankommt, wissen wir bereits aus dem Hagen-Teil. Und das Produktionsteam hielt es hier, was dramaturgisch gesehen nicht nachvollziehbar erscheint, für angepasst, dem Publikum eine Pause zu gönnen.

Danach befinden wir uns wieder am Walkürenfelsen, also in der dritten Szene des ersten Aktes. Nachdem es Waltraute nicht gelang, die vom Liebesrausch noch völlig vernebelte Brünnhilde davon zu überzeugen, den Fluch beladenen Ring den Rheintöchtern wieder zurück zu erstatten, gelingt dies Siegfried in Gestalt von Gunther, wobei dieser auch tatsächlich die Szene spielt und singt. Und rasch wechseln wir in die vierte Szene des zweiten Aktes und wohnen der Erschütterung Brünnhildens bei, dass ihr geliebter Siegfried sie nicht mehr kennen will und obendrein noch einer anderen zugetan ist. Da das mit dem Schwur an des Speeres Spitze als Unschuldsbeweis Siegfrieds nicht so recht anerkannt wird, verlässt er gemeinsam mit der sich ein wenig sträubenden Gutrune den Schauplatz und kann somit nicht mehr Zeuge des gegen ihn geschmiedeten Mordkomplottes werden, was allerding bereits im Hagen-Teil zu erleben war. Und nach einer weiteren Pause erlebt man als Finale den ungekürzten dritten Akt der Götterdämmerung.

Die optisch zu Sandlerinnen verkommenen Rheintöchter versuchen vergeblich, Siegfrieds „Schlagring“ wieder an sich zu bringen. Hierauf erscheint die Jagdgesellschaft in ihrer lächerlichen Baseballbekleidung und zieht den völlig gebrochenen Gunther von der Leiche des soeben ermordeten Siegfrieds weg, verpackt diesen in Plastik und legt ihn auf einen Krankenwagen, musikalisch eingerahmt vom berühmten Trauermarsch. Zum Schwanengsang Brünnhildes erscheint dann Überpapa Wotan als Greis in einem Rollstuhl, während die Rheintöchter diverse Versatzstücke des Geschehens, so auch das alte Piano auf einen Haufen legen, der wohl den nicht zum Einsatz gelangenden Scheiterhaufen markieren soll. Den mit goldenem Konfettiregen eingeläuteten Weltuntergang beobachten dann die beiden Kinder Brünnhilde und Hagen händchenhaltend.

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Ingela Brimberg war die unumstrittene Hauptattraktion dieses Abends. Und sie bestach nicht nur durch ihre famose eher knabenhafte Figur und ihr männlich resolutes Auftreten, sondern auch oder gerade wegen ihres ausdrucksstarken Sopranes. Daniel Brenna ließ sich vom Hausherrn Roland Geyer mit einem Luftröhrenkatarrh entschuldigen. Sein Siegfried erhielt von zwei hinter mir sitzenden US-Amerikanern sogar – meiner Meinung nach – unverdiente Bravo-Rufe, denn sowohl seine Betonung einzelner Worte wie seine Aussprache im Allgemeinen erforderten eine grundlegende Schulung, aber auch seine Treffsicherheit im Hinblick auf die vorgeschriebenen Noten seiner Partie litt stellenweise besonders stark, weil es der darstellerisch so bemerkenswerte Künstler mit der „Melodei“ doch allzu frei hielt.

Aris Argiris drehte bei „Wotans Abschied“ für die reduzierten Verhältnisse des Hauses viel zu stark auf, hinterließ aber trotzdem einen gewaltigen Eindruck. Kristján Jóhannesson gefiel als Jammerlappen eines Gunthers. Die drei Rheintöchter Mirella Hagen als Woglinde, Raehann Bryce-Davis als Wellgunde und Ann-Beth Solvang als Floßhilde gaben ein stimmiges Terzett, wobei Letztere auch starke Akzente als Waltraute setzte. Liene Kinča hielt sich dieses Mal als Gutrune gesanglich besser als im Hagen, punkten konnte sie jedoch viel stärker in der Rolle der Sieglinde, die ihr offenbar auch mehr lag. Der Arnold Schoenberg-Chor agierte darstellerisch als eine Horde unsympathischer Flegel, denen sich der gebührende Umgang mit Frauen bisher verschlossen hatte…

Constantin Trinks trieb das ORF Radio-Symphonieorchester Wien an manchen Stellen zu besonderer Schärfe an und so waren dann auch einige Fehler bei den Holzbläsern deutlich zu hören. Dennoch heimste auch er am Ende dieser Marathon Brünnhilde vom Publikum gebührenden Applaus ein.

Wenn man bei diesem reduzierten Ring zwar nicht einer besonders genialen Schöpfung begegnet ist, will ich es lieber mit den weisen Worten des Geheimrats von Goethe halten: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen!“ Und dieses Streben kann man dem Regieteam bei ihrem Ring-Projekt keinesfalls absprechen. Das nicht alles aufgegangen ist, mag schon stimmen, erfreulich und vor allem abwechslungsreich war dieses Mammutvorhaben der Theaterintendanz aber allemal.

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Auf dem Reißbrett des Regieteams fielen vor allem die Götterszenen zwei und vier des Rheingolds zum Opfer, das heißt Fricka, Freia, Erda, Donner und Froh wurden eliminiert. Des Weiteren alle Walküren bis auf Brünnhilde und Waltraute, der Zweikampf der Riesen Fasolt und Fafner, wobei Letzterer zumindest während des Drachenkampfes besoffen auftreten durfte. Die Wissenswette zwischen Wotan und Mime fand nicht statt und auch die drei Nornen ersparten sich, das bisher Geschehene zusammen zu fassen.

Die Ring-Trilogie versuchte also in allen drei Teilen einen ähnlichen Entwicklungsgang aufzuzeigen. Wie nämlich aus schwer geschädigten und missbrauchten Kindern psychotische Erwachsene werden. Und um eben diese Entwicklungslinie zu verstehen ist es leider unumgänglich den originalen Ring halbwegs zu kennen. Das bedeutet aber wiederum, dass sich dieser Alternativ-Ring als einmaliges Experiment betrachtet nicht durchsetzen wird können. Wer ist denn schon am Remake interessiert, wenn er das Original haben kann?

Der Applaus hielt sich in Grenzen und die Bravorufe galten in erster Linie Ingela Brimberg.

Harald Lacina

 

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