Der Neue Merker

WIEN/ Theater an der Wien: LEONORE (1805). Halbszenisch

THEATER AN DER WIEN – „LEONORE (1805)“. Halbszenisch am 24.10.2017

„Fidelio“ ist Beethovens einzige Oper. Aber nein, eigentlich sind es drei Opern. Zwei Versuche namens „Leonore“ und erst der dritte Start wurde dann der allbekannte „Fidelio“, doch ein sehr anderes Werk.

Der Abend war dem Leonoren-Erstling aus dem Jahr 1805 gewidmet.

Musikalisch sind natürlich große Ähnlichkeiten vorhanden, aber gleich ist überhaupt nichts, also man kann nie so richtig geistig mitsingen. Es beginnt schon mit einem a capella Gesang der Marzelline (Ich liebe dich, so wie du mich), dann gibt es ein Terzett Marzelline, Jaquino und Rocco oder ein Duett zwischen Marzelline und Fidelio. Diese Teile hat der Meister später dankenswerter Weise gestrichen. Auch Pizarro hat eine Arie mehr, diese wäre bei einem starken Pizarro wahrscheinlich ein Gewinn. Zusätzlich ist die Textstelle des Pizarro dabei, die im „Fidelio“ meist gestrichen ist: „die Beiden (Rocco und Leonore) muss ich auch noch loswerden“ Dagegen ist die Rolle des Don Fernando wesentlich geändert und dann kommt gleich ein leicht überhudeltes Finale.

Musikalisch wurde es vom Freiburger Barockorchester auf Originalinstrumenten wunderschön unter René Jacobs umgesetzt Auch der Chor Zürcher Sing Akademie unter Florian Helgath sang ausgezeichnet. Die Gefangenen haben nur den ersten Chor mit zwei guten Solisten, diese Chorkomposition  wurde als einziges ebenso in die Letztfassung übernommen. Der Schlusschor hat Ähnlichkeiten, aber einen komplett anderen Beginn.

Schlimm war die Texterneuerung der gesprochenen Prosa auf heutigen Stil, und von konzertanten Aufführung war nicht viel zu merken. Der Wettstreit der Damen um das schönere Abendkleid fiel flach, weil es halbszenisch gespielt wurde, das Regietheater konnte absolut hilflos zuschlagen. Marlis Petersen in der Titelrolle hatte sicher die bequemsten Treter und das unkleidsamste Freizeitkostüm, überweite Hose und T – Shirt und natürlich eine Art Baseballmütze. Ihre Rolle ist von Beethoven noch lyrischer angelegt, speziell die große Arie, die auch viele Koloraturen hat. Das Orchester ist natürlich viel sanfter und somit hatte sie auch in den dramatischeren Stellen keine Probleme, hörbar zu bleiben. Allerdings wird die Stimme in den Fortehöhen doch eher steif und schrill. Die in Fidelio verknallte, etwas dümmlich wirkende Marzelline darf ein kurzes Nachmittagskleid im Stile der „50ger“ tragen. Die Stimme von Robin Johannsen ist klein, wenig differenziert und klingt eigentlich noch sehr unfertig. Maximillian Schmitt wäre vom Stimmtyp ein idealer Florestan, würde er weniger forcieren. So klingt alles mit viel zu viel Vibrato im Einheitsforte unschön. Er durfte in einem weißen Trainingsanzug und barfuss von Rocco auf die Bühne geführt werden, natürlich mit einem Tau gefesselt. So wurde er auf einen Hocker gesetzt. Das wirkte einfallslos und störend. Rocco war schon einer von den normal Gekleideten, schwarze Hose und Hemd. Der russische Bass Dimitry Ivashchenko singt und spricht außerordentlich gut deutsch mit schöner schwarzer Stimme. Er bietet sicher die beste Gesangsleistung des Abends. Auftrittsstark und stimmlich schwach ist der Don Pizarro von Johannes Weisser. Die Stimme scheint nicht allzu groß zu sein, weil er nur auf Lautstärke setzte und auf die Differenzierung komplett verzichtete. Er trug einen schwarzen Anzug mit schlecht passendem Sakko. Mit schwarzer Hose und Gilet zum weißen Hemd erschien der ewig abgewiesene und daher grantelnde Jaquino. Johannes Chum hinterließ einen stimmlich ziemlich schwachen Eindruck  In der sehr kleine Rolle des Don Fernando, er hat noch etwas weniger zu singen als im fertigen „Fidelio“,  natürlich im passenden Anzug,  ließ Tareq Nazmi eine sehr schöne Stimme ahnen.

So ist „Leonore 1805“ in ihr Uraufführungshaus zurück gekehrt. Eine konzertante Aufführung sollte aber auch eine solche bleiben. Die Sprechstellen hätte man sicher kürzer gestalten können, so geistreich sind diese wirklich nicht.  Wer diese „Schauspielversion“ zu verantworten hat, wird nicht verraten.

Der Applaus war bis auf die  Berufsjubler eher verhalten.

Elena Habermann

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