Der Neue Merker

WIEN / Theater an der Wien: LAZARUS

Lazarus Szene~1 
Fotos: Theater an der Wien

WIEN / Theater an der Wien: 
LAZARUS. Musik von Franz Schubert
Szenische Fassung von Claus Guth, Christian Schmidt und Konrad Kuhn
Premiere: 11. Dezember 2013 

Claus Guth ist ein Regisseur, dem die Wiener Theaterlandschaft – neben nicht zu vermeidenden Flops – eine Menge interessanter Abende verdankt. Vor einigen Jahren hat er zu dem Händel-Oratorium „Messiah“ eine Handlung erdacht und einen „Opernabend“ daraus gemacht. Ähnliches versucht er nun mit Schuberts unvollendetem Oratorium „Lazarus“ von 1820, wobei das Endergebnis  allerdings als „Musiktheater der anderen Art“ zu bezeichnen ist. Immerhin, die Auseinandersetzung mit dem Tod, die hier angestrebt wird, findet überzeugend statt.

Claus Guth ließ sich von Christian Schmidt, der auch an der szenischen Fassung mitarbeitete, die Abflugshalle eines Flughafens auf die Bühne stellen, mit großer Treppe in der Mitte  – ein überzeugender Raum zwischen „hier“ und „dort“, zwischen zwei Welten. Wenn hier im Gewirr der Reisenden (der Arnold Schoenberg Chor ist nicht nur Schubert-sängerisch hervorragend, sondern gibt auch perfekt geführte Statisten ab) ein Mann zusammenbricht und stirbt, nehmen das vielleicht dessen herbeigerufene Schwestern wahr, kaum aber die Leute ringsum – wie im wirklichen Leben.

Allerdings ist die Sache so einfach nicht, weil ja Schuberts Oratorium schon nach einer Stunde abbricht. Für die weitere Stunde nach der Pause hat Guth nun, wieder vordringlich zu Schubert-Musik, aber auch zu jener von Charles Ives, weitere Szenen aus dem „Andersleben“, sprich: dem Jenseits, entworfen, die den Protagonisten (ua. in Gestalt seines Alter Ego, einem Tänzer) tragisch herumirren lassen. Als Parallelfigur hat Guth den Tod suchenden Simon eingeführt, der dann symbolschwer die Treppe hinaufgeht…

Zweifellos kann man, zumal im zweiten Teil, nicht alle Details nachvollziehen, die Guth hier auf die Bühne brachte. Warum muss die relativ strahlende, von einem hellen Tenor zu singende „Nachthelle“ (ausgezeichnet: Jan Petryka) einem Mann in die Kehle gelegt werden, der mit dem Putzwagen daher kommt? Warum wird die Auferstehung des Lazarus am Ende geradezu außer Kraft gesetzt, wenn er dann vor seinen beiden Schwestern und Jemina steht (letztere in der Uniform einer Stewardess) und alle ihn offenbar nicht sehen? Die Flugscheine, die man in der Hand hat, spielen vermutlich eine große Rolle – Abflug ins Jenseits?

Aber man sollte sich nicht lustig machen, denn dass hier eindrucksvolle Bilder zum Sterben gefunden werden, die natürlich (das hat dieses Thema in sich) den Betrachter auf sich selbst zurückwerfen, kann nicht geleugnet werden. Auch die Teilung des Lazarus (der Sänger und der Tänzer) entspricht einer immer wieder kolportierten Erfahrung, dass beim Tod der Geist aus dem Körper heraustritt, diesen zurücklässt und sich selbst als Toten beobachtet… Anderes, besonders Choraktionen (plötzlich wird von den Herrschaften ein Pianino herumgeschoben und immer wieder müssen sie zusammenklappen und „tot“ spielen), bleiben eher im Dunkeln. Aber im großen und ganzen ist der Abend, wenn auch nicht eben kurzweilig, verdammt eindrucksvoll. Das fand auch das Publikum, das das Leading Team einhellig und widerspruchsfrei bejubelte.

Lazarus Streit x

Die Sänger sowieso, denn die Besetzung war, einige Details ausgenommen, makellos. Kurt Streit ist ein idealer Oratoriensänger und vermag den verhemmten Todkranken (der teilweise mit seinem Röntgenbild herumlaufen muss) höchst plastisch zu machen. Von seinen beiden Schwestern Maria und Martha ragt Annette Dasch eindeutig hervor – dieser klare Sopran, auch sie hier ideal eingesetzt, eine Sängerin, die an allen Bühnen der Welt gefragt ist, nur an der Wiener Staatsoper offenbar nicht. Gut für das Theater an der Wien. Stephanie Houtzeel hingegen besticht als andere Schwester mit fettigerer Stimme und schrillen Höhen weit weniger. Çigdem Soyarslan vom Jungen Ensemble des Hauses durfte als Jemina (wie gesagt: in Stewardessen-Uniform) Jubeltöne liefern.

Als zweiter Tenor des Abends stand Ladislav Elgr als Nathanael (im Priesterkragen) dem ersten nichts nach, und Florian Boesch als Simon darf dramatisch Verzweiflung verströmen (den „Wegweiser“ aus der „Winterreise“ hat man allerdings schon schöner interpretiert gehört). Bleibt noch Paul Lorenger, der geschmeidige Tänzer, als der „andere“ Lazarus, sein Körper, seine Seele, so ganz klar wird das Bühnengeschehen ja nie, aber das muss es ja auch nicht. Ganz schön esoterisch ist es jedenfalls – und strahlt einen kalten Bühnenzauber aus, wie man ihn von Claus Guth kennt.

Es ist lächerlich, solche Dinge niederzuschreiben, aber es muss ja doch sein – Schubert, das sind Lieder, das ist Kammermusik, das sind Symphonien auf allerhöchster künstlerischer Ebene. Seine Opern, seine Oratorien haben große Schönheiten, aber bei „Lazarus“ meint man beim Hören zu verstehen, dass der Komponist das Werk bleiben ließ, es klingt einfach nicht nach tiefgreifender Inspiration. Michael Boder holte mit Hilfe des erwähnten meisterlichen Chors, der Solisten und vor allem der Wiener Symphoniker immer noch genügend weihevolle Schönheit aus den Musikstücken (zumal aus jenen, die man zum zweiten Teil zusammen gestoppelt hat).

Das Publikum feierte den anspruchsvollen Abend, der es den Zuschauern nicht leicht macht.

Renate Wagner

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