Der Neue Merker

WIEN/ Theater an der Wien: GHOSTS – (Gastspiel des Norwegischen Nationalballetts Oslo) – Ibsens „Gespenster„ – als ein „ballet noir“ ?

Theater a.d. Wien: 3.4.2017: „GHOSTS“ (Gastspiel des Norwegischen Nationalballetts Oslo) – Ibsens „Gespenster„ – als ein „ballet noir“ ?

 Wie vertanzt man Ibsen? – Zehn Personen sind nicht auf der Suche nach einem Choreografen! Zwei Frauen verantworten im Tandem – (Begriffe wie „leading-team“ lassen sich nicht gendern): Die Inszenierung besorgte Marit Moum Aune, die Choreografie von Cine Espejord gewann 2014/15 den Tanzkritikerpreis.

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Copyright: Erik Berg

 Warum fand ich so lange keinen Einstieg in das Tanz-Stück bei nur 70 Minuten Gesamt-Dauer?   

Vielleicht, weil ich noch immer das Ibsen-Schauspiel vor Augen (und in den Ohren) hatte? Seinerzeit vom 4. bis 25.2.1970 war Paula Wessely beim Gastspiel des Thalia-Theaters Hamburg im Burgtheater die Helene Alving! Seit damals wird mir bei den Worten von Osvald (damals Ralf Schermuly) beim Ausbruch seines Wahnsinns durch die venerische Krankheit seines Vaters „…gib mir die Sonne Mutter!…“ der kreatürliche erstickte Schrei von Wesselys Frau Alving ewig in den Ohren klingen! Ein derartiger hochdramatischer Moment kann via Tanz nur mit ganz anderen choreographischen Mitteln transferiert werden als eben gesehen. Etliche der expressionistischen Tanz-Gesten, noch tradiert zumeist aus den Dreißigern, müssten viel mehr und stärker direkt ans Herz eines Zuschauers greifen und ihn damit berühren können.

Diesem norwegischem Schauspiel aus 1881 stets inhärent ist das große Familien-Drama und wurde ergreifend – wo und wann auch immer – belebt von den größten Bühnen-Darstellern. Geht es doch primär um schuldhafte Wiederkehr eines Ereignisses aus der verdrängten Vergangenheit! Wenn starke Emotionen derart unterkühlt, oder gar „entschlackt“ präsentiert werden, wie sie mich am so kurzen Abend erreichten, dann ziehe ich persönlich lieber diesen Stoff auf der Schauspiel-Bühne vor! – Dabei war diese preisgekrönte Tanz-Version sogar ausdrücklich versehen „n a c h  dem gleichnamigen Drama von Henrik Ibsen“…

Der sich kalt anfühlende Eiswind dieser düster schwarzen Präsentation – Bühne Even Borsum – noch verstärkt durch den Einsatz eines coolen Solo-Trompeters mit Grabes-artigen „Zapfenstreich“-Klängen, ließ einen frösteln. Mich berührte er zu wenig, um zu überzeugen. Genauso wie die vom Tonband kommende Komposition von Niels Petter Molvaer, mit streckenweise grummelnder spooky „Anlehnung“ an eine Minimal Music wie von Philip Glass. Der hohe technische Standard der erst 1945 gegründeten Anfänge des späteren Norwegischen Nationalballetts Oslo sowie die darstellerische Präsenz von Tanzenden konnten überraschen und sind pauschal hervorzuheben.

Das ganze düster-schwarze Setting der Dekoration, ein zweistöckiges „Puppenhaus“, imponierte mehr durch seine Ausmaße als durch die Notwendigkeit, die Bühne randfüllend bespielen zu müssen. Ein derartiges „Kammer-Spiel“ ist von der Anlage her eine „“Zimmerschlacht“ und bedarf keiner weiteren gebauten Ebenen, wie im 1. Stock ausgestattet mit Badewanne, Schlaf- und sonstigen Nebenräumen. Derartiges ist, weil unnötig, absolut entbehrlich! – Einige der Rollen erscheinen verdoppelt als Figuren (jeweils als Kind oder Jugendliche), wie die von Oswald, Frau Alving, Pastor Manders und Regine. Das putzt vorwiegend das Personen-Register auf und trägt keinesfalls zur Klarheit der Figuren bei (doch ermöglicht es zusätzliche Auftritte außer zu ebener Erde auch im ersten Stock). 

 „ghosts“ versus „Gespenster“

Gar nicht überzeugend für mich ist die Wahl des Stücktitels: Im Tanzstück-Original heißt es „ghosts“, Ibsens Theaterstück aus 1881 spricht hingegen von „gengangere“ (=Wiedergänger), ,übersetzt mit „Gespenster“ – liegen da nicht echt Welten dazwischen in diesem Stück einer „Familien-Zerstörung“? Der Schicksalschlag des Aufflackerns der Krankheit in der Familie und die Verdrängung des Gewesenen ist das eigentliche Drama. Als das hier vertanzt gezeigt wurde, fand ich es eher an der Oberfläche und wenn überhaupt, nicht klar sichtbar und vor allem nicht gut rollenmäßig unterscheidbar angerissen. – Meiner Meinung nach hat die Vertanzung dem so brennenden Stoff nicht wirklich eine weitere Dimension hinzu gefügt…

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Diese vertanzte „Gespenster“-Präsentation erinnerte mich an ähnlich Gelagertes, sogar noch viel Gravierenderes. Nämlich an das Regie-Debut von Alvis Hermanis am 24.9. 2011 am Burgtheater. Damals blieb diese Premiere vom Burg-Publikum nicht ohne Widersprüche: Hermanis nicht aufgegangenes Konzept hatte eine hiesige Theater-Ikone, Arthur Schnitzlers „Das weite Land“ quasi vom Sockel gestoßen, mitsamt allen großen Erinnerungen von früher. Aus der Tragikomödie hatte Hermanis einen „film noir“ neu erfunden, mit unterstützender dräuender Musik vom Band, wie der sound-track eines Krimi-Films, dazu ausgeleuchtete spukhafte schwarz/weiß-Effekte voller Schatten plus dramatisch wehender Vorhänge etc. In solchem Ambiente agierten die Schauspieler!– Fazit: Aus Schnitzlers vielschichtigem Wiener Gesellschafts-Drama wurde ein Hitchcock-Movie á la „Rebecca“.

Norbert A. Weinberger“…

Vorschau Theater an der Wien:

Carmenvon Liam Scarlett und dem Norwegischen Nationalballett Oslo: 8./9./ 10./11. April. „Bizet“-Live-Musik vom Wiener Kammer-Orchester.

                                                                     

 

ACHTUNG nur dieses Foto von Foto-CD: Bildtext=

 

Auf die Spitze getrieben und doch nicht berührend – Mutter Alving r.: Camilla Spidsoe, v. l.: Grete Sofie Borud Nybakken als Regine, daneben Andreas Heise als Osvald, im Hintergrund sitzend seine Verdoppelung als Kind.    /c: Erik Berg)

 

 

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