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WIEN/ Theater an der Wien: ELISABETH KULMAN „La femme c’est moi“ Championsliga!

THEATER AN DER WIEN, 12. März 2017

Elisabeth Kulman „La femme c’est moi“

Championsliga!

elisabeth kulman
Elisabeth Kulman. Foto: Werner Kmetitsch

Wie die Gewinnerin der Fußball-Championsliga, so präsentierte sich die österreichische Mezzosopranistin Elisabeth Kulman bei der Wien-Premiere ihres Soloprogrammes „La femme c’est moi“.Sicherlich, der Vergleich hinkt! Aber Kritiken leben eben von Vergleichen und da fielen mir eben die zeitgleich zum Konzert ausgetragenen drei Partien im Championsliga-Viertelfinale ein. Aber hier sah man kein Viertefinale, sondern das Endspiel mit einer souveränen Siegerin. Am Ende hatten sich Kulman und ihre sieben Musiker nach fulminanten 2 ¼ Stunden im ausverkauften (!) Theater an der Wien einen Riesenehrenpreis verdient. Dieses Team spielte einfach alle Stückln, wie man in Wien zu sagen pflegt. Oder im Fußballerjargon ausgedrückt: Ein Messi hier, ein Christiano Ronaldo dort, ein Manuel Neuer im Tor, ein Zlatan Ibrahimovic, aber auch ein Schlitzohr wie David Alaba – lauter unterschiedliche Typen, jeder für sich Weltklasse. Und genau so unterschiedlich, abwechslungsreich und hochklassig präsentierten sich die Sängerin und ihre Band.

Mit überbordendem Spielwitz und purer Freude an der Musik ging es durch die unterschiedlichsten Genres der Musikliteratur. Wie oft gehen solche Cross-Over-Projekte daneben, meist scheitern klassische Musiker ja an den Herausforderungen von Jazz und Pop. Nicht so Kulman und ihre Mannen! Schon der Beginn faszinierte – Eduard Kutrowatz am Klavier ließ das Publikum bereits in den ersten paar Takten am munteren Ratespiel „Erkennen Sie die Melodie“ teilhaben, ehe Kulman mit der Arie der Dalila schmerzlich in Erinnerung rief, dass man diese Traumrolle für jeden Mezzo von ihr nicht live auf einer Opernbühne hören wird. Denn die gebürtige Burgenländerin hatte sich ja vor geraumer Zeit aus dem regulären Opernbusiness zurückgezogen und tritt nur noch in Konzerten oder in konzertanten Aufführungen auf. Im Interview äußerte sie sich mit dieser Situation absolut zufrieden, auch in ökonomischer Hinsicht („Es fallen ja auch die langen Probenzeiten weg.“) Auch sonst bereute sie ihren Schritt nicht, wie sie auch dem Publikum mit der berühmten Piaf-Nummer „Je ne regrette rien“ zum Schluss des Programmes bekannte.

Zuvor zog sie aber alle Register ihres Könnens. Dem schwelgerischen Klang der Dalila ließ sie nämlich ansatzlos Cole Porters bissig-jazziges „I hate men“ folgen, die Carmen durfte später ebensowenig fehlen wie auch ein Ausflug in die Bassliteratur, als sie den Escamillo zum Besten gab. Musicalhits (etwa aus Jesus Christ Superstar) standen unmittelbar neben Schubertliedern. Immer wusste Kulman den Schalter rechtzeitig umzulegen, sofort erklang ihre Stimme in der geforderten Färbung. Ihre klassische Opernstimme betört einen immer wieder aufs Neue. Ihr warme und vibratoarme Klang istselbstverständlich noch vorhanden, ihre Jazzphrasierungen gewannen im Laufe der Zeit jedoch immer mehr an Qualität. Das Highlight vor der Pause: Die Marschallin aus dem Rosenkavalier, der sie die gleiche Thematik (von den Beatles komponiert) folgen ließ: When I’m sixty-four!

In der zweiten Hälfte ging es kunterbunt weiter. Absolut gelungen ihre Seeräuberjenny von Weill/Brecht, Gänsehautfeeling inkludiert.Der Ritt durch Wagners Ring gewürzt mit einer Königin der Nacht sorgte für Staunen und Heiterkeit. An dieser Stelle muss auch die Band vor den Vorhang: Tscho Teissing(Viola und Percussion) sorgte mit wunderbaren minimalisierten Bearbeitungen der Originalliteratur für den idealen Klangteppich. Es gelang ihm die Ideen Kulmans in witzige Partituren zu bringen und die übrigen Instrumentalisten (allesamt keine Unbekannten) taten das Ihre dazu. Eduard Kutrowatz ließ neben seinem Klavierspiel auch seinen sonoren Bariton in der Rolle des Wotanhören. Franz Bartolomey, dessen wunderschönes Cello einst im Graben der Wiener Staatsoper für so viele schöne Momente gesorgt hatte, war der Spaß an der Sache in jeder Sekunde am Gesicht abzulesen. Alois Posch am Kontrabass, Maria Reiter am Akkordeon und Aliosha Biz an der Geige (mit jazzig-orientalischer Färbung) hießen die weiteren Mitstreiter. Eine besondere Würdigung verdient Gerald Preinfalk, der die nicht einfache Aufgabe hatte, für die gesamten Bläsersätze verantwortlich zu sein. Und zwar mit zwei Klarinetten und einer Reihe von Saxofonen – Chapeau! Sein Walkürenritt allein verdiente Extrabeifall.

Und als letztes Highlight folgte noch Kulmans Böse-Frauen-Trilogie: Eboli („O don fatale“) und Salome (inklusive Herodes’ letztem Ausruf: „Man töte dieses Weib“!) verflochten sich ineinander und waren eingebettet in Porters „Miss Otis regrets“ – das sprühte nur so von Witz und Kehlkopfakrobatik. Diese war auch bei der ersten Zugabe gefragt, als sich die Sängerin durch den halben Falstaff sang – vom Bass bis zum Sopran! Riesiger Jubel für eine Frau und Sängerin, die eigene und nicht immer bequeme Wege geht. Ein besonderes Kompliment galt an diesem Abend aber auch dem Publikum.Nur selten folgt das Auditorium dem Bühnengeschehen mit so einer Aufmerksamkeit und Konzentriertheit, wie an diesem außergewöhnlichen Abend – zur Nachahmung empfohlen.

Ernst Kopica

MERKEROnline

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