Der Neue Merker

WIEN / Theater an der Wien: ELISABETTA, REGINA D´INGHILTERRA

ElisabettaL5 Kleider 
Foto: Theater an der Wien / Herwig Prammer

WIEN / Theater an der Wien:
ELISABETTA, REGINA D´INGHILTERRA von Gioachino Rossini
Premiere: 17. März 2017 

Wüßte man es nicht, man würde bei der Ouvertüre die Ohren spitzen und sich im falschen Stück wähnen: Denn was man hört, ist eindeutig als die Einleitung zum „Barbier von Sevilla“ bekannt und passt auch viel besser zu einer Buffa als zu einer durch und durch ausnahmslos tragischen Oper wie „Elisabetta, Regina D´inghilterra“.

Obwohl Schilderungen der Uraufführungs 1815 in Neapel von einem Erfolg berichten, glaubte Rossini möglicherweise selbst nicht an ein besonderes Fortleben, denn er bediente sich an seiner „Elisabetta“, als er schon im Jahr darauf, 1816, für Rom den „Barbiere“ schrieb – mindestens zweimal horcht man ausgiebig auf, und beide Male hatte der Komponist recht: Das Heitere an der Partitur war in Sevilla weit besser aufgehoben als in London…

Wenn man heute aus dem Theater an der Wien kommt, knapp zweihundert Jahre nach der Wiener Erstaufführung der „Elisabetta“ hier (1818, und angeblich ein Misserfolg, der 1822 im Kärntnertortheater durch die Mitwirkung der Uraufführungssängerin Isabella Colbran korrigiert wurde), versteht man dennoch, warum diese „Elisabetta“ alles andere als ein Repertoirestück wurde. Die Handlung ist zähe und nicht sehr lebendig, und Rossini absolut nicht am Gipfel seiner Inspiration. Wenn die berühmten Koloraturdiven sich nach englischen Königinnen umsehen, dann hat ihnen Donizetti Effektvolleres geschrieben.

Und trotzdem: Opernfreunde sind neugierig, sollten es zumindest sein, und so dankt man dem Theater an der Wien die Kenntnis des Werks, auch wenn es musikalisch über weite Strecken zäh ist. Das mag im Fall der Wiener Aufführung zum Teil übrigens auch am Orchester liegen. Nicht jeder versteht den Hype um den „Originalklang“, der oft genug ein Häßlichklang ist, aber dass man ein Instrumentarium wie das Ensemble Matheus auch einsetzt, wenn es wahrlich nicht um „alte Musik“ geht – das ist wohl nur mit den Notwendigkeiten einer logistischen Weiterverwertung zu erklären: Jean-Christophe Spinosi wird mit der gesamten Besetzung weiter reisen, zuerst nach Versailles, dann sicher auf dem konzertanten Pfad der Gastspiele „alter Musik“, die ein so treues Publikum haben – vielleicht auch, wenn es nicht wirklich alte Musik ist.

Um beim schroffen Klang zu bleiben, den das Orchester vorgibt, so hatte man an diesem Abend im Theater an der Wien den Eindruck, es seien gezielt „nicht schöne“ Stimmen geholt worden, von einem Belcanto-Fest (Rossini! Auch wenn er nicht sein Bestes liefert, ist er immer noch besser als die meisten anderen!) konnte nicht die Rede sein. Den Vogel schoß diesbezüglich die Titelrollensängerin ab: Alexandra Deshorties ließ eine harte, abgehackte Stimme hören, oft mit trockenem Sprechgesangs-Beiklang, in den schrillen Höhen eine wahre Ohrenfolter.

Ein Sopran mit wenigen Eigenschaften war Ilse Eerens in der zweiten großen Frauenrolle, Leicesters heimliche  Gattin Matilde; sicher keinen typischen und folglich entsprechend schmelzend-federnden Rossini-Tenor hatte Norman Reinhardt in der Liebhaber-Rolle zu bieten; Barry Banks konnte die Stimmschärfe zumindest auf den „Charakter“ des Bösewichts Norfc schieben; Erik Årman als Elisabettas treuer Diener wirkte mehr als Figur denn als Sänger (man bedenke – drei Tenöre nebeneinander, keine dunkle Stimme, Rossini schrieb für die Sänger, die damals in Neapel da waren), und Mezzo Natalia Kawalek bekam nicht viel zu tun. Nein, alles andere als ein Sängerfest.

Und sonst? Regisseurin Amélie Niermeyer hat zur Geschichte von Elizabeth I., die hier das Übliche behandelt – sie liebt Leicester, der hat eine andere geheiratet (sogar noch eine Tochter der Maria Stuart…), am Ende muss die Königin verzeihen und verzichten – eine einzige Idee: Sie wollte das Schicksal der einsamen Mächtigen darstellen. In einem Ambiente, das in den Kostümen (Kirsten Dephoff) reizlos von heute bis lächerlich ist (der karierte Dreiteiler des Leicester ist eine Geschmacksverirrung, fraglos), im Bühnenbild (Alexander Müller- Elmau) eher seltsam (bräunlich-„goldene“ Wände, aber nicht hart, sondern aus weichem Material, so dass sie immerzu zu anderen runden Gebilden geformt werden können), ist das Symbol für Elizabeths Herrschaft das Gewand – vielmehr jene hart-starren Gewänder, in denen sie immer wieder dargestellt wurde, mit den engen Oberteilen, langen Ärmeln und steifen riesigen Röcken.

ElisabettaL und Leicester

Und diese Roben stehen nun gewissermaßen „freihändig“ auf der Bühne, können hinten geöffnet werden, Elisabetta tritt hinein, sie klappen zu – und dann der Clou: Diese Kleider sitzen auf stählernen Reifen, die wiederum auf zahlreichen Rollen fahren. Die Königin schwebt, gleitet geradezu irrational durch das Geschehen, sobald sie sich eben (dann auch mit der charakteristischen roten Perücke) als Königin „verkleidet“, was sie oft tut (wodurch sich auch der Effekt abnützt). Sonst sind Hose und Bluse und heutiger Haarschnitt angesagt.

Ja, natürlich, man versteht das Gleichnis, die Herrschenden – zumal die Frauen – sind die wahren Opfer, weil sie dauernd etwas vorspielen müssen und das wahre, ganz normale Glück der Zweisamkeit nicht zu ihnen kommt. Das Kleid ist auch so weit Symbol, dass eines davon zerrissen wird, als der „Bösewicht“ Norfolc die Königin am Ende stürzen will. Warum die Soldaten, die ihren Leicester fordern und vor der Hinrichtung retten, auch in Krinolinen erscheinen, das versteht man nicht so ganz. Eher noch, dass Elisabettas Haushofmeister ihrer als Mann verkleideten Rivalin brutal die Kleider vom Leib reißt und sie solcherart in Unterwäsche als Frau präsentiert… Man braucht schließlich den einen oder anderen Effekt, denn die ganze Sache ist vor den goldbraunen Wänden einförmig genug, auch wenn der Arnold Schoenberg Chor wieder einmal nicht nur bestens singt, sondern auch meist recht klug geführt wird.

Nehmt alles nur in allem, so wurde zwar heftig applaudiert, aber dass die Rettung der englischen Rossini-Königin im Theater an der Wien nicht stattgefunden hat, das kann man mit voller Überzeugung versichern…

Renate Wagner

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