Der Neue Merker

WIEN/ Theater an der Wien: ELISABETH KULMAN MIT „LA FEMME C‘EST MOI“ bei „Osterklang Wien“

Theater an der Wien: Elisabeth Kulman mit „LA FEMME C‘EST MOI“ bei „Osterklang Wien“

am 12.4. 2017 – von Karl Masek

elisabeth kulman
Elisabeth Kulman. Copyright: Werner Kmetitsch

Mit einem fulminanten Abend meldete sich Elisabeth Kulman auf einer Wiener Bühne zurück. Aber nicht mehr in einer Opernrolle. Davon hat sie sich verabschiedet. Sie möchte nicht mehr dauernd künstlerisch fremdbestimmt sein. Nicht mehr ständig gesagt zu bekommen, was man auf der Bühne zu tun hat. Nicht selten von ich-bezogenen, eitlen, der Musik und ihren Schöpfern gegenüber respektlosen Regisseuren, für die der Fokus überhaupt nicht auf der Musik liegt. Die Lust auf Freiheit und künstlerische Selbstbestimmung gewann immer mehr die Oberhand.

Und so hat sich die Kulman ein Soloprogramm zurecht geschneidert, das ihr wie angegossen passt. Keine Bühnenbilder. Ein Sessel genügt. Schnelle Kostümwechsel und eine unprätentiöse Lichtregie (Michael Temme). Gemeinsam mit sieben Musikern – von Wiener Philharmonikern, die gern auch mal aus dem “seriösen“  Opernbetrieb ausbrechen, um eine enorme stilistische Bandbreite zu demonstrieren. Auch Jazziges, Improvisatorisches, Klezmer-haftes kommt zu seinem Recht. Womit wir bei der „Seele“ des Abends sind (die Kulman wird auch gleich gebührend gelobt!): Ohne die genialischen Arrangements des musikalischen Alleskönners Tscho Theissing wäre der Abend nicht so, wie er ist! Wie er nebst der Viola etliche sonstige (Schlag)instrumente bediente, war verblüffend, pointiert, witzig, aber auch elegische Stimmungen illustrierend.

So, jetzt Elisabeth Kulman: Im Gegensatz zu einer Opernrolle kann sie unzählige Facetten von Frauenfiguren zeigen und Seelenzustände ausleben. Die „Femme fatale“, die Verführerin „Carmen“ (deren Habanera sie chansonhaft-lässig auf die Bretter stellt). Federleicht der Habanera-Rhythmus in diesem kammermusikalischen Arrangement. Fabelhaft! Im Teil vor der Pause („ABOUT LOVE AND TIME“) geht die Reise teilweise mit medleyhaften Verkürzungen und Weiterführungen von Cole Porter (I hate men) über Benjamin Britten (Tell me the Truth about love aus den Cabaret songs) bis zu Schubert (berührend der Ausschnitt aus „Der Tod und das Mädchen“!). Völlig anders als der elegische erste Teil, in dem auch der tränentreibende „Traurige Sonntag“ vorkommt (Szomorύ vasárnap klingt gleich noch viel trauriger!) das Programm nach der Pause: „ALL ABOUT POLITICS“.  Beißend satirisch Friedrich Hollaenders Song „Raus mit den Männern aus dem Reichstag“.Auch breiten Wiener Vorstadt-Dialekt hat die Kulman drauf: „Olle Mauna haum an Huscha,,, olle Mauna san am Saund…“: Den Nöstlinger-Text aus der Gedichtsammlung Iba de gaunz oaman Fraun vertonte kongenial der Wiener Komponist Herwig Reiter. In einer Nummer kamen Fricka, Erda und Brünnhilde vor, des Switchens war kein Ende. Vom Ausschnitt  der Escamilla – Arie (sie singt tatsächlich auch den Torero, und bei ihr kommt keine heiße Luft bei den tiefen Tönen wie bei vielen Baritons)! Höhepunkt an Höhepunkt mit Weills Seeräuberjenny bis hin zum programmatischen Schluss mit Edith Piafs Non, je ne regrette rien („Nein, ich bereue nichts“). Zwei Zugaben: Grandios und urkomisch das Schluss-Ensemble aus Verdis Falstaff: Tutto nel mondo è burla, da singt sie gleich alle Rollen. Mit Liszts zärtlichem „Es muss ein wunderbares sein“ wurde ein begeistertes Publikum in die Nacht entlassen…

 Etwas will ich nicht ausblenden:: Als die Kulman den Zeitmonolog aus dem „Rosenkavalier“ anstimmte, schien tatsächlich die Zeit stehen zu bleiben: Hier möchte man ihr am liebsten zurufen: „Wenn schon sonst keine ganze Rolle mehr auf der Opernbühne kommen soll: Zur Marschallin soll dich ein Wiener Operndirektor zwingen!“ Da war alles: Liedhafte Zurücknahme, herrliche Schwebetöne, meisterhafte Sprachbehandlung mitsamt dem perfekten wienerischen Schönbrunner-Deutsch. Auch die Bühnenpräsenz, und keine Spur larmoyant! „Aber wie kann das wirklich sein, dass ich die kleine Resi war und dass ich auch einmal die alte Frau sein werd? Die alte Frau, die alte Marschallin! Siegst es, da geht die alte Fürstin Resi“… Da müsste ihr eine Persönlichkeit, von der sie sich etwas sagen lässt, wirklich strengen Auftrag geben, dem Wiener Publikum diese Rolle nicht schuldig zu bleiben…

Handverlesen die sieben Musiker am Podium: Der Violinist  Aliosha Biz mit Klezmer-Wundern  auf seiner Geige. Franz Bartolomey, der Jahrzehnte lang scheinbar so Ernste und Seriöse, zeigte entfesseltes Musikertemperament und eine komödiantische Ader, so treffsicher setzte er einen Abend lang Pointen! Die euphorische „Femme c‘est moi“ bedankte ihn als „Bartolomey, der Unvergleichliche“! Alois Posch, auch er Weltklasse auf seinem Instrument, grundierte in Meistermanier. Gerald Preinfalk, der Großmeister aller Klarinetten und Saxophone, brachte die nachhaltigsten Jazz-Farben ein. Und wie er die „Hojotohos“ blies: Da blieb kein Auge trocken! Maria Reiter zauberte auf dem Akkordeon feine, zarte Farbtupfer, wenn es um „Innerlichkeit“ ging.

Last, but not least: Eduard Kutrowatz, der langjährige Kulman-Liedbegleiter und musikalische Partner am Klavier. Die beiden sprechen nicht nur dieselbe Sprache, sondern sogar den gleichen lokalen Dialekt. Die verstehen einander blind …

Tosender Applaus, großer Jubel für alle. Viel Lust auf mehr in dieser Art. „In Lüfte heben, wieder auf die Erde holen, in Tiefen absteigen und wieder die Balance finden“, wie Kulman das so treffend in der Begrüßung formulierte. Acht Meistern dabei folgen zu können, war ein besonderes Erlebnis an diesem Abend. Ja, und vielleicht wird‘s sogar mit der Marschallin noch was …

Karl Masek

 

 

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