Der Neue Merker

WIEN / Theater an der Wien: DON GIOVANNI

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Fotos: Werner Kmetitsch / Theater an der Wien

WIEN / Theater an der Wien: 
DON GIOVANNI von W.A. Mozart
Neueinstudierung der Theater an der Wien-Produktion aus dem Jahre 2006 anlässlich 10-Jahre-Theater an der Wien
Premiere: 12. Dezember 2016 

Vor zehn Jahren tat die Direktion von Roland Geyer ihre behutsamen ersten Schritte im wieder gewonnenen, dem Musical und der Beiläufigkeit abgetrotzten „Operhaus“ Theater an der Wien, und man kann sagen, dass der „Don Giovanni“ von Keith Warner im Juli 2006 der erste große Erfolg war.

Damals schon bot der Engländer, der in Wien fest „im Besitz“ des Theaters an der Wien ist, alles, was nun bei der Reprise zur Zehn-Jahres-Feier-der-Direktion-Geyer genau so beeindruckt wie anno dazumal – die konsequent und intelligent durchgearbeitete „Menschen im Hotel“-Interpretation der Geschichte, das schaurige Horror-Ende, das den fast fröhlichen Zynismus bis dahin wirklich bedrohlich kippt, dazu die „Wiener Fassung“ des Werks ohne das moralisierende Sextett am Ende, ohne „Il mio tesoro“ (dafür erscheint Don Ottavio auch als Priester, der soll keine Liebesarie singen), mit einem zusätzlichen Duett Zerlina-Leoporello.

Man kennt es, das Publikum vermutlich auch, und so interessieren vordringlich Sänger und Dirigent. Dieser ist erstmals für den „Don Giovanni“ Ivor Bolton, der mit dem Mozarteumorchester Salzburg zusammen arbeitet, dem er lange verbunden war. Er legt schönen „Drive“ hin, setzt auf Tempo, weniger auf Exaktheit, da schwamm schon das eine oder andere zwischen Bühne und Orchesterraum, und verblasen hat sich auch schon mal einer. Dafür dass diese Salzburger Mozart auf ihr Banner geschrieben haben, war es nicht unbedingt eine Meisterleistung.

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Attraktiv wie ein Filmstar: Nathan Gunn

Nach Gerald Finley und Erwin Schrott (bei der Reprise 2009, er wird auch diesmal wieder die letzten Vorstellungen singen) ist nun Nathan Gunn der Don Giovanni, auch ein Sänger, den sich das Theater an der Wien vorbehalten hat. So wie er aussieht, könnte er vor jede Filmkamera (Russell Crowe ist auch nicht schöner), und als Darsteller ist er ein Meister des Konzepts, der seine Abenteuer in seltsamer Mischung aus Getriebenheit und Gleichgültigkeit quasi achselzuckend absolviert, ein Mann von heute, dem ein Abenteuer ist wie das nächste. Wenn er am Ende, weißhaarig geworden, blutüberströmt in einer Mischung aus gläsernem Sarg und Schaufenster landet, hat er in allen Stationen dieser immer grausam marmorierten Geschichte gefesselt. Der Bariton von Nathan Gunn ist allerdings eher trocken, man versteht seine Neigung zu modernen Werken, wo er sicher ideal am Ort ist, Mozart sollte etwas leichter strömen und sinnlicher klingen.

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Die Königin des Abends: Mari Eriksmoen, hier mit Tareq Nazmi

Königin des Abends war die Norwegerin Mari Eriksmoen, auch wenn ihre Stimme schon weit über die Soubrette hinaus ist. Ihre durch und durch „erwachsene“, durchtriebene, Sex- und Sado-Spielchen überzeugend exekutierende Zerlina (hier ein Stubenmädchen) hat manchmal etwas fast Erschreckendes – aber man muss ja nur die Zeitungen lesen, um immer wieder zu erfahren, wie es in Hotels zugeht?

Die beiden Donnas – Jane Archibald als Donna Anna, Jennifer Larmore als Donna Elvira – legten sich so gewaltig ins Zeug, dass ihnen im Eifer des Gefechts die Stimmen wegrutschten, aber das Publikum nahm quälende Höhen als Dramatik und feierte die beiden Damen gleichfalls.

Herrlich donnerte Lars Woldt den Komtur, am Ende als schauerliche Gipsfigur, die offenbar nur Don Giovanni erscheint, dramatisch nahm Einspringer Saimir Pirgu den Don Ottavio stimmlich, verbissen ernsthaft darstellerisch (wenn er doch ein Priester ist), sehr komisch ließ sich der Masetto des schönstimmigen Tareq Nazmi von seiner Zerlina manipulieren, drollig bekam Jonathan Lemalu den Hotelportier und den Leporello unter einen Hut. Vorzüglich wie immer der Arnold Schoenberg Chor (geleitet von  Erwin Ortner), die singen nicht nur, die spielen bekanntlich auch alles mit derselben Überzeugungskraft, was immer man ihnen abfordert.

Warners Produktion ist ein Beweis dafür, dass „Regietheater“ durchaus gelingen kann, wenn eine Idee konsequent durchdacht und durchgeführt wird und immer noch das Werk erzählt. In diesem Sinne – in zehn Jahren wieder. Eine gescheite Interpretation wird nicht alt.

Renate Wagner

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