Der Neue Merker

WIEN / Theater an der Wien: DIE ZAUBERFLÖTE

Zauberflöte 21_Klagemauer~1
Fotos: Herwig Prammer / Theater an der Wien

WIEN / Theater an der Wien:
DIE ZAUBERFLÖTE von W.A. Mozart
Premiere: 17. September 2017

Zuerst ein wenig Verwirrung beim Wiener Publikum, das ja schließlich seine Erwartungen und Erfahrungen hat. Wenn man liest: Prokofieffs „Spieler“, Händels „Ariodante“, Einems „Dantons Tod“, würde man das glatt ins Theater an der Wien schieben. Liest man „Zauberflöte“, „Wozzeck“ und gar „Ring“, bugsiert man es in die Staatsoper. Nun, in dieser Spielzeit ist es umgekehrt, die Dinge laufen anders. Die Staatsoper bringt als Premieren die Raritäten heraus, das Theater an der Wien die Repertoirestücke. Wenn man also die „Zauberflöte“ anbietet, muss einem schon etwas dazu einfallen. Kein Zweifel – das ist Regisseur Torsten Fischer geglückt.

Zuerst fällt auf, dass er alles weglässt, was man gemeiniglich als integralen Bestandteil der „Zauberflöte“ betrachtet: die Freimauer (wen interessieren die heute noch, meint der Regisseur im Programmheft), das „Ägpytische“, das Romantische, das Mystische, das Wiener Volkstheater. Kahlschlag. Statt dessen: Geschlechterkampf; Traumspiel; absurdes Theater; knüppeldickes politisch-ideologisch-religiöses Lehrstück; noch dicker: politische Korrektheit. Das alles ist eine intelligente Kopfgeburt, die allerdings der Musik nicht so recht zuhört. Und den Zuschauer zwar immer wieder überrascht, aber auch am laufenden Band vor die Frage stellt: Was hat er (der Regisseur) jetzt schon wieder gemeint? Was will er (der Regisseur) uns jetzt schon wieder sagen?

Zu Beginn ist es der Geschlechterkampf, der sich allerdings im Lauf des Geschehens dann etwas verliert. Zur Ouvertüre gibt es ein Vorspiel, eine empörte, vom Gatten entmachtete Königin der Nacht. Die Damen brechen zur Rache auf – diese gefährlichen Weiber sind es, die schwarz gekleidet, die „Schlange“ bilden, die Tamino bedroht. Zumindest ist Pamina keine wirklich radikale Gender-Kämpferin, wenn sie auch in einer schwarzen Hose einherkommt, ein Mittelding aus Latzhose und Hosenträger – aber wenigstens liebt sie ihren Tamino innig. Und die beiden sind auch sehr bildungsbedürftig, lesen auch „in einem Buch“ (wie wir aus dem Programm erfahren, welches Buch, das wird nicht gesagt).

Nein, klar, das ist keine schöne, bunte Oper, fern von jener Leichtigkeit, die Mozarts Musik (bei aller Gewichtigkeit in manchen Passagen) ausstrahlt. Das ist auf einer leeren, von Lichtröhren umgebenen Schräge (Ausstattung: Herbert Schäfer / Vasilis Triantafillopoulos), die gelegentlich im Hintergrund gespiegelt wird, eine kalte, schwarze Welt. Absurd genug, um immer wieder als Traumspiel durchzugehen. Ein solches hat den ungeheuren Vorzug, dass man eigentlich nichts erklären muss – im Traum darf alles, muss gar nichts sein. Das hilft.

Die Veränderungen, die Fischer vorgenommen hat, sind gravierender, als man auf den ersten Blick sieht – im Text, in der Handlung (und der Dirigent trägt auch seinen Teil zu Veränderungen bei). Dass man keine Geharnischten braucht, sei dahingestellt, es gibt ja auch keine wirkliche Wasser- und Feuerprobe, es gibt vieles nicht (das die am Boden Liegenden als Flüchtlinge a la Ai Weiwei gemeint sind, das muss man sich schon aus dem Programmheft holen). Gut, in Wien ist die Kenntnis der „Zauberflöte“ vorauszusetzen. Wer sie nicht kennte, hätte wohl seine Schwierigkeiten, sich auf das Geschehen einen Reim zu machen.

Dass man in unserer Welt dem Publikum neuerdings immer mit dem Holzhammer einzubläuen versucht, was man zu denken und begreifen habe, ermüdet. Zu Beginn des zweiten Teils ist eine Mozart-Kantate eingeführt, die Tamino als Arie singt (da sie zur selben Zeit wir die „Zauberflöte“ entstanden ist, gibt es keinerlei Stilbruch). Darin fordert er die Herrschaften auf der Bühne auf, sich wie Brüder zu lieben – und da stehen sie, die Vertreter aller Religionen (die buddhistischen Mönche und die orthodoxen Juden erkennt man am leichtesten). Wie so vieles verspielt sich auch dieses Element in der Inszenierung wieder, die – Traumspiel! – alles ein- und hinwerfen kann, was sie möchte, inklusive riesige umgefallene Buchstaben und eine „Klagemauer“, deren Schriftenchaos verwirrt.

Vor allem gibt es einen wahrlich grotesken Purzelbaum in die politische Korrektheit. Wie oft ist die „Zauberflöte“ – man nennt sie die berühmteste Oper aller Zeiten – wohl seit Mozart gespielt worden (das war 1791)? Man kann von ein paar Hunderttausend Mal schon ausgehen. Und jedes Mal klagte Pamina: „Der böse Mohr verlangte Liebe.“ Aber nein, bei uns gibt es keine Mohren, nicht Mohr im Hemd und schon gar keine bösen! Sie singt: „Monostatos verlangte Liebe“ – und man fragt sich, was die Beteiligten getan hätten, wenn die vier Silben nicht gestimmt hätten! (Wäre ihnen wahrscheinlich auch wurscht gewesen.) Nun ist dieser Monostatos hergerichtet wie ein Maori, Schminke und Tätowierungen passen dazu (Achtung: Auch Maori sind, wie Aborigines und Schwarzafrikaner oder Afroamerikaner, geschützte Biotope!). Trotzdem darf er singen „Weil ein Schwarzer hässlich ist“, denn das ist eine politische Anklage. Mehr noch – Monostatos wird nicht mehr schlecht behandelt, im Gegenteil, als er ins Feuer springen will, rettet man ihn, Tamino gibt ihm sogar seine Zauberflöte, die er triumphierend schwenkt. Bloß – in der nächsten Szene ist er als Verräter bei der Königin der Nacht, was wohl weit eher zu begreifen wäre, wenn er den obligaten Fußtritt bekommen hätte! Wie auch immer, Ideologie ist schon etwas Verwirrendes.

Zauberflöte  1_© Papageno allein~1

Was ist denn noch so ganz anders? Na, Papageno natürlich. Haare fast im Irokesen-Look (zumindest steil hochgekämmt), wild geschminkt, grell-grüne Socken, Lederhosen, und gelegentlich eine Ledermaske als käme er aus dem Sado-Maso-Shop – dem möchte man nicht im Dunkeln begegnen. Er frißt Burger und ist auch kein liebenswerter Mensch: Die Sprache, die da auf den Proben erarbeitet wurde, geht schwer unter die Gürtellinie. („Schleich di, du alte Schaastrommel!“ Na, Oida…!)

Mit einem Tamino, mit dem man nicht viel anfangen kann, mit einem Sarastro, der zwar Anstalten macht, Pamina sexuell zu belästigen, aber am Ende ihre Mutter in die Arme schließt, mit drei Damen, die ebenso heftig ans Werk gehen wie Papagena (das Duett mit Papageno muss rasch zu Ende gehen, denn die beiden haben sich so weit ausgezogen, dass sie nur noch schnell ins Zelt hüpfen können, um endlich zur Sache zu kommen) – ja, damit ist ein seltsames Personal aufgestellt. Eines muss man Torsten Fischer lassen: Das ist einmal wirklich anders als sonst. Ist es auch gut?

Anders als sonst ist – programmatisch – auch René Jacobs am Pult der Akademie für Alte Musik Berlin. Was man da alles nicht hört, damit könnte man einen Abend bestreiten. Was alles dazukam – immerhin. Nicht nur musikalisch dazugedichtet (das ist eher geringfügig), wohl aber seltsam verändert: Was da an absichtsvollen Rubati und Ritardandi in „Das klinget so herrlich“ drinnen war (Hört Ihr auch, wie anders wir sind?), klang dem Mozart-Freund nicht wirklich herrlich.

Was hörte man sonst? In Nina Minasyan eine Königin der Nacht, die ihre Koloraturen geradezu „ritt“ und eine „Der Hölle Rache“ bot, wie sie so kraftvoll-akzentuiert nicht alle Tage passiert, in Dimitry Ivashchenko einen Sarastro im blauen Anzug und mit weniger Schwierigkeiten in der Tiefe als viele Kollegen. Sebastian Kohlhepp, darstellerisch ein wenig steif, hat stellenweise einen goldenen Mozarklang, während die Stimme von Sophie Karthäuser zu tremoloreich ist, um dem Ideal schlanken Mozart-Klangs zu entsprechen. Daniel Schmutzhard war ein Prolo-Papageno, dem man gesanglich mehr Präzision gewünscht hätte. Eine herrliche Show zog Katherina Ruckgaber vor allem als alte Papagena ab.

Die Nebenrollen entsprachen, während der Arnold Schoenberg Chor (geleitet von Erwin Ortner) immer mehr als entspricht, zumal auch, wenn so viel zu „spielen“ ist.

Am Ende gab es viel Applaus und gar keine Einwände gegen die Inszenierung. Hat man nun die „Zauberflöte“ sozusagen „neu erlebt“? Nicht wirklich. Aber man hat eine Inszenierung gesehen, die alternativ genug ist, dass die gelegentliche Zauberflöten-Langeweile, die sich im Alltag schon einmal einschleichen mag, keine Chance hatte. Man war immer heftig hinterher, den Regisseur mit seinen oft undurchsichtigen Ideen einzuholen…

Renate Wagner

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