Der Neue Merker

WIEN/ Theater an der Wien: DIE RING-TRILOGIE – HAGEN

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Theater an der Wien DIE RING-TRILOGIE – HAGEN 17.12. 2017 (Premiere am 1.12.)

Richard Wagners opus magnum wird in einer entschlackten Form aus dem Blickwinkel der zweiten Generation, welche die Schuld der Väter nun bewältigen und sühnen muss. Es geht dabei naturgemäß um Konfliktbewältigung, Verarbeitung von erlittenen Traumata und der Sehnsucht nach Liebe, die sich trotz allem wie ein roter Faden durch den gesamten Ring zieht. Die Regisseurin Tatjana Gürbaca hat nun gemeinsam mit der Dramaturgin Bettina Auer und dem Dirigenten Constantin Trinks eine Fassung erarbeitet, die als Uraufführung betrachtet werden darf.

Zu Beginn sieht man wie Hagen Siegfried meuchlings mit dem Speer tötet, gefolgt vom obligatorischen Trauermarsch, während dessen eine völlig gebrochene Brünnhilde über dem Leichnam von Siegfried zusammenbricht und Überpapa Wotan die Szene regungslos beobachtet und dafür vorwurfsvolle Blicke erntet. Während der junge Hagen in Jürgen Flimms Bayreuther Siegfried Inszenierung von 2000 bereits der Szene vor der Neidhöhle als stummer Zeuge beiwohnen darf, nimmt ihn Alberich bei Gürbaca gleich mal zu den Rheintöchtern mit, obwohl er ja eigentlich noch gar nicht geboren ist, aber was soll‘s, wer hinterfrägt schon solche Details… Wollte man nämlich alles im „Ring“ auf seine Logik hin überprüfen, dann müsste man sich gleich zu Beginn die Frage stellen, wie können Alberich und die Rheintöchter bloß unter Wasser singen? Immerhin weiß der Knabe bereits, was Huren sind, denn das sind sie für ihn und er kritzelt es auch auf die Wand, wofür er von einer der Damen eine schallende Ohrfeige empfängt… Das Thema „Gewalt an Kindern“ wird also gleich mit abgehandelt… und, wenn auch etwas feinfühliger, der Missbrauch derselben, denn die Rheintöchter „begrapschen“ den Knaben lustvoll und reiben ihn mit Schlamm ein, wobei die Grenzen – wie so oft im Leben – fließend ineinander übergehen und es der Interpretation des Betrachters und der Betrachterin überlassen bleibt, diese zu ziehen. Zuvor aber redet Alberich noch auf den erwachsenen Hagen ein, ihm den Ring zu beschaffen, womit wir zu Beginn des zweiten Aufzugs der Götterdämmerung gelangt sind…

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Wieder zurück zum Rheingold, wo Alberich dieses bereits an sich genommen und die drei Rheintöchter dazu gedungen hat, das Gold heran zu schaffen, schließlich hat er ja bereits den „Ring“, der ihn zum Meister des Universums macht. Mime darf etwas jammern und schon stolzieren Wotan und Loge als Bonvivants gekleidet und mit dunklen Sonnenbrillen, die sie im unterirdischen Reich Alberichs eigentlich gar nicht benötigen würden, gleichsam „incognito“, heran. Alberichs Metamorphose in einen Wurm wird mit Hilfe der drei Rheintöchter fellatierend bewerkstelligt, als Kröte hingegen duckt er sich in seine Unterhose. Auf einen Sessel gefesselt wird er dann nach allen Regeln der Kunst gefoltert und gequält und zum Schluss wird ihm die Hand mitsamt des Ringes gleich abgesägt, wofür Gürbaca ausgiebig Anleihe bei Kasper Bech Holtens Kopenhagener Rheingold von 2006 genommen hat, wo diese Szene allerdings noch um ein vielfaches drastischer vorgeführt wird. Danach leitet Alberichs Fluch in die wohlverdiente Pause über.

Nach der Pause sind wir bereits in der Gibichungenhalle, also im ersten Akt der Götterdämmerung. Der Ernst der Handlung weicht nun der Satire, die Geschwister Gunther und Gutrune sind beide mit schottischem Tweed bekleidet, Gutrune versucht verbissen zu stricken, ihr Bruder Gunther wiederum beschäftigt sich mit dem neuesten Gameboy. Auf tritt ein infantiler Siegfried mit einer roten Plastiktröte anstelle seines Hornes und zwei weiteren Hörnern, die ihm vom Gürtel baumeln und den Tarnhelm symbolisieren sollen, was als Verweis auf Friedrich Hebbels Trauerspiel „Der gehörnte Siegfried“, das den ersten Teil seiner drei Abteilungen fassenden Dichtung „Die Nibelungen“ bildet, gedeutet werden kann. Siegfrieds „Kinderschwert“ dient der Verbrüderung und während sich Siegfried gleich selber zur Ader lässt, muss Hagen bei dem wehleidigen Gunther selbst Hand anlegen. Und dann bricht Siegfried auf, um Brünnhilde im Namen Gunthers zu freien und packt seinen Reisesack sicherheitshalber auch ein Kondom mit ein.

Zeitsprung: Siegfried kehrt von Island zurück, im Gepäck einen schäbigen Konzertflügel, dessen er sich aber rasch entledigt, denn so etwas kann man seiner Geliebten nicht wirklich schenken. Hagens Mannen wirken genauso infantil wie Siegfried und tragen weiße Sakkos mit kurzen weißen Hosen. Brünnhilde erschrickt dann ganz kurz als sie Siegfried an Gutrunes Seite erblickt und ist im nächsten Augenblick schon bereit, Siegfried fällen zu lassen. Mit einer Flasche Schnaps bewaffnet trinkt sie sich gleich den gehörigen Mut zu diesem mörderischen Komplott an, während im Hintergrund Siegfried und Gutrune glücklich vereint Hochzeit feiern…

Auf der musikalischen Seite bot Constantin Trinks am Pult des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien die vom Bratschisten Alfons Abbass (1856-1924) im Jahr 1905 erstellte Fassung für 62 Musiker in einer spannenden und – für mein Dafürhalten – durchaus gelungenen Interpretation. Natürlich wirkt der Orchesterteil demgemäß nicht so wuchtig, was Trinks aber durch deutliche Akzente auf gelungene Weise wett macht und, das muss hervorgehoben werden, auch die Übergänge sind im Geiste Wagners komponiert.

Bei Samuel Youn in der Titelrolle klafften die sängerische und die gestalterische Seite des dämonischen Hagen allzu sehr auseinander. Während seine mächtiger Bass majestätisch über die Rampe kam, verblasste seine Darstellung des Albensprosses. Ja, er wirkte geradezu sympathisch oder anders gesagt: wie eine ferngesteuerte Marionette, unfähig zu eigenem Handeln. Auch wenn dieser erste Abend der Nibelungen Trilogie „Hagen“ gewidmet ist, bleibt der eigentliche Held doch sein Vater Alberich, der mit Martin Winkler einen gleichermaßen stimmlich wie darstellerisch ausdrucksstarken Interpreten mit leichtem Hang zum Outrieren gefunden hat. Jedenfalls ein gelungenes Kabinettsstück eines Alberichs. Bravo! Auch sein Bruder Mime war mit Marcel Beekman hervorragend besetzt. Kristján Jóhannesson gefiel als bebrillter und noch kindlicher Gunther, der noch der halbbrüderlichen Führung seines ränkeschmiedenden Bruders Hagen bedarf. Eine gute Diktion und eine perfekte Aussprache zeichnen seinen etwas herben Bariton aus. Aris Argiris und Michael J. Scott als das Götterduo Wotan und Loge ergänzen einander beim Quälen Alberichs stimmlich wie lustvoll agierend ideal. Die Rheintöchter standen dem aberwitzigen Götterpaar in nichts nach wenn sie den sich nach Liebe verzehrenden Alberich peinigten. Mirella Hagen als Woglinde, Ann-Beth Solvang als Floßhilde und vor allem Raehann Bryce-Davis als Wellgunde gefielen als eingeschworenes Nixentrio. Der kurze Auftritt der Schwedin Ingela Brimberg als Brünnhilde, unterlegt mit einem satten, stählernen Sopran, lässt gespannt auf die weiteren Teile dieser Trilogie warten. Zu den Wermutstropfen dieses Abends zählten in gesanglicher Hinsicht leider die Gutrune der Lettin Liene Kinča, deren Höhen sich regelrecht kreischend an diesem Abend anhörten. War sie vielleicht indisponiert? Aber auch der amerikanische Tenor Daniel Brenna in der Rolle des jungen Siegfried traf zu Beginn fast keinen Ton sauber, besserte sich aber zunehmend im Verlauf des Abends. Gesangliche Mängel konnte er aber hinter seinem lausbubenartigen Spiel geschickt kaschieren. Der von Erwin Ortner geleitete Arnold Schoenberg Chor musste als schrullig debiler Mannenchor einiges darstellerisch aushalten. Gesanglich aber gab es nichts zu bemäkeln.

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Copyright: Herwig Prammer

In Szene gesetzt hat das Ganze Tatjana Gürbaca. Henrik Ahr stellte ihr dafür eine ziemlich unansehnliche, teils mit Schlamm angefüllte praktikable Drehbühne zur Verfügung, die den einzelnen Schauplätzen aber einiger Maßen gerecht wurde. Barbara Drosihn kleidete die Mitwirkenden ihrem Stande gemäß bieder, dandyhaft, partymäßig und als Baseballteam ein. Stefan Bolliger zeichnete laut Programmheft für die Lichtregie verantwortlich.

Das Publikum beklatschte alle Mitwirkenden, enthielt sich der sonst so zahlreich gespendeten Bravorufen jedoch bei Gutrune und Siegfried. Im Abgehen konnte ich noch eine Bemerkung eines jungen Opernbesuchers aufschnappen, der meinte, er kenne sich überhaupt nicht aus und müsse das Ganze erst zu Hause nachlesen. Und damit hat dieser Besucher den Nagel dieser Produktion auf den Kopf getroffen. Sie wendet sich an Wagner, respektive Ring-Kenner und Kennerinnen. Wer zum ersten Mal mit diesem Stoff konfrontiert wird, verlässt das Theater wohl ebenso ratlos wie der junge Besucher.

Harald Lacina

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