Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper/Staatsballett: „MACMILLAN / McGREGOR / ASHTON“ – Tanzphantasien auf dreierlei Art. Premiere

31.10.2017: Premiere des Wiener Staatsballetts: „MACMILLAN / McGREGOR / ASHTON“ – Tanzphantasien auf dreierlei Art

 

„MacMillan/McGregor/Ashton“ steht als Titel über dem neuen dreiteiligen Programm des Wiener Staatsballetts. Ein an Ballett interessiertes Publikum kann sich einem anregenden und mit großer tänzerischer Virtuosität bewältigten Abend hingeben. Wandelnd durch Großbritanniens jüngere Ballettgeschichte. Frederick Ashton (1904–1988) und Kenneth MacMillan (1929–1992) zählen zu den choreographierenden Größen des britischen Balletts des 20. Jahrhunderts. Und Wayne McGregor, Jahrgang 1970, ist seit 2006 ‘Resident Choreographer‘ des Londoner Royal Ballet. Die jetzt einstudierten Piecen der drei Briten sind völlig unterschiedlich in Stil und Aussage, und divergierend können auch die Ansichten über dieses Programm  ausfallen.

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„Concerto“. Roman Lazik, Nina Polakova. Copyright: Ashley Taylor

Durch den Abend spaziert und mit Kenneth MacMillan zum vergnüglichen Einstand: „Concerto“ heißt es am Beginn, und es geht zurück ins Jahr 1966. MacMillan – seine Tanzdramen „Manon“ und „Mayerling“ sind gelegentlich im Wiener Repertoire zu sehen – führte damals als Ballettdirektor in Berlin sein Ensemble mit diesem handlungslosen Ballett auf Dmitri Schostakowitschs 2. Klavierkonzert zu einem technisch sehr anspruchsvollen, dabei spritzigen tänzerischen Konzertieren. „Concerto“ bietet abstraktes Ballett in feiner neoklassischer Ausformung, hochmusikalisch Schostakowitschs amüsanten Einfällen folgend. Schnittig bravourös stimmten Nikisha Fogo und Denys Cherevycko in diese vertanzte Musik ein. Gefühlvoll gaben sich Nina Poláková und Roman Lazik dem ruhig fließenden romantischen Andante-Mittelsatz hin. Alice Firenze trumpfte im Finale mit einem virtuosen Solo auf. Rund um sie werden vom Ensemble etliche choreographische Pointen frisch und lebendig hingetupft.

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„Eden Eden“. Copyright: Ashley Taylor

„Eden/Eden“ mag bei einigen Besuchern eine gewisse Unruhe aufkommen lassen. Wayne McGregor kreierte für das Stuttgarter Ballett 2006 dieses zweiteilige Tanzfurioso. Somit ist es auch nicht mehr ein gar so taufrisches Stück. Doch es passt nach wie vor in die gängige ‚contemporary‘-Mode. Welche eine Geschichte wird unter diesem eigenartigen Titel zu heftig krachenden und allzu gleichförmig rumorenden Tonband-Klängen von Steve Reich erzählt? Computergenerierte Klone tauchen aus dem Untergrund auf, mutieren hier zu Robotern oder vielleicht auch zu einigermaßen menschlichen Kreaturen. Gefüttert wird dieses ruppige Zukunftspanorma mit Filmeinblendungen und ständig übertönendem Sound mit schrillen Gesangsfloskeln sowie den kaum verständlichen Statements und Dialogen der mit dem Klonen beschäftigten Wissenschafter.

Ist alles auch verständlich? Ein dürrer Baum im dunklen Raum signalisiert: Dies ist der Garten Eden von heute. Neun TänzerInnen sind gerade dem Entstehungsprozess entsprungen, turnen als superquirlige Superakrobaten in fleischfarbenen Trikots herum, gleichsam gesichtslose Gummipuppen. Kleider schweben von oben aus dem dunklen Horizont herab, für alle ebenfalls nur gleiche beigefarbige fahle Schurze. Gott scheint es hier keinen zu geben, der allen im unentwegten Auf und Ab auch eine Seele einhauchen könnte. Dafür überzeugt die offensichtliche große Stärke des Choreographen: Er fordert den Tänzern einen faszinierenden Bewegungsreichtum ab, und mit faszinierender Artistik formen diese zum akustischen Getöse solch eine extrem gelenkig hüpfende Melasse an Klonen. Diese immense Dynamik verhilft ihnen in diesem Modestück zu solch einem unentwegt bewegten anonymen Bühnenleben.

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Marguerite and Armand“. Jakob Feyferlik, Liudmila Konovalova. Copyright: Ashley Taylor

Marguerite and Armand“ wurde von Frederick Ashton 1963 für Margot Fonteyn und Rudolf Nureyew auf eine Orchesterfassung von Franz Liszt´ ausladender Klaviersonate in h-Moll choreographiert und erwies sich damals als hochgelobtes Erfolgsstück. In dieser knapp gehaltenen Tanzversion von Alexander Dumas‘ „Kameliendame“-Liebesdrama ist Ashton mit schöpferischem Feingefühl auf die Qualitäten des damaligen Traumpaares eingegangen. Schleiervorhang und Design von Ausstatter Cecil Beaton künden zwar nun von langsam verblassender Poesie, doch sehr elegant, sehr intensiv spielend schlüpft Liudmila Konovalova in die Rolle der innerlich bewegten, begehrenden und sterbenden Kurtisane. Jakob Feyferlik als ätherischer, in Liebesspielen noch unerfahrener Jüngling lässt seelisches Verlangen als glücklich wie unglücklich Liebender inmitten einer distanzierten Kavaliersrunde in aller Reinheit spüren.

Valery Ovsyanikov stand als das Orchester strikt lenkender, nicht ganz so sorgsam auf die Tänzer achtender Dirigent am Pult und führte die Musiker bei Schostakowitsch zu einem recht herben, nicht allzu spielerisch heiteren, bei Liszt gerade noch zu einem einigermaßen poesievollen Musizieren. Pianistische Brillanz boten Igor Zapravdin (Schostakowitschs Klavierkonzert) und Shino Takizawa (Liszts orchestral verbrämte Klaviersonate). Steve Reichs Sperrfeuer für „Eden/Eden“ kam aus den Lautsprechern und nervte nicht wenige im Publikum.

Meinhard Rüdenauer

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