Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: UN BALLO IN MASCHERA

WIEN/ Staatsoper: UN BALLO IN MASCHERA am 20.1.2012

Der Verdi-Schwerpunkt im Jänner neigt sich dem Ende zu – ein guter Anlass, über die Entwicklung der „Verdi-Kultur“ in der Wiener Staatsoper zu sinnieren. Einerseits haben wir noch einige gnadenlos realistische Inszenierungen im Repertoire, die völlig inspirationsfrei den Standardbetrieb ermöglichen – einzige Regieanwesung: stell dich hin und singe.

Einer der Tiefpunkte dieser Gruppe ist dieser „Un ballo in maschera“ mit seinen schwülstigen, überladenen Pappendeckelkulissen und mit barocken Kostümen – weit über der Grenze zur Peinlichkeit reichend. Andererseits wurden uns in letzter Zeit mit z.B La traviata, Macbeth, La forza, und Otello Regiearbeiten zugemutet, die den Eindruck erwecken, dass sie in erster Linie zur Eigentherapie der Neurosen der Regisseure dienen. Traurig stellen wir fest, dass keine der Neuinszenierungen eine Verbesserung gebracht hat – das grösste Kompliment, das man hier machen kann lautet: „gar nicht so schlecht – damit sollten wir leben können“. Begeisterung klingt anders. Gibt es wirklich niemanden, der eine Verdi-Oper zeitgemäß, intelligent und mit Respekt vor dem Werk auf die Bühne bringen kann? Mal sehen, was demnächst aus dem italienischen Don Carlo wird.

Beim gestrigen Maskenball gab es wieder ein hervorragendes Staatsopernorchester mit schwelgerischem Klang unter der Leitung von Philippe Auguin zu hören. Die Soli von Cello und Querflöten/Harfe waren echte Höhepunkte. Auch der Chor war eindrucksvoll wie (fast) immer – hier waren sogar Ansätze einer Personenregie zu bemerken.

Gesanglicher Höhepunkt des Abends war diesmal mit Abstand die Ulrica von Zoryana Kushpler. Mit ihrem tiefen, von samtig schön bis bedrohlich  phrasierendem Mezzo zeigt sie, dass sie auf einem guten Weg zu den grossen italienischen Mezzo-Rollen ist – man kann sich freuen und einiges erwarten.
Die zweite Freude des Abends war der Oscar der Julia Novikova. Ihre Stimme ist gewachsen – ist wärmer und voller –  aber für eine spritzige Interpretation noch beweglich genug.

Tae-Joong Yang (Christian), Alexandru Moisiuc (Graf Horne), Sorin Coliban (Graf Warting) – wieder mit besonders schönem, samtigen Bass – und Benedikt Kobel (Richter u. Diener) zeigten in den kleineren Rollen, dass das bestens besetzte und gepflegte Ensemble zu den grössten Schätzen der Wiener Staatsoper zählt.

Ach ja, Neil Shicoff (König Gustaf), Leo Nucci (Graf Ankarström) und Barbara Haveman (Amelia) sangen auch. Alle drei waren gut hörbar und erhielten höflichen Applaus.

Johann und Maria Jahnas

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