Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: TRISTAN UND ISOLDE

Wiener Staatsoper: 13.12.2013: „TRISTAN UND ISOLDE“

Nach der sommerlichen Premiere und einigen Aufführungen im September nahm die Staatsoper das Liebesdrama des Bayreuther Meisters zum Abschluss des  Gedenkjahres für den Komponisten wieder in den Spielplan auf. Die Besetzung der fünf Hauptpartien war vollkommen verändert und auch das Dirigat war neu besetzt. Zunächst war der  chinesische Dirigent Chung vorgesehen, der aber kurzfristig absagte, so dass Peter Schneider einsprang. Nun ist beim „Tristan“ der Dirigent eigentlich der wichtigste Mann an Bord, weil dieses Werk orchestral so komplex ist, dass Anfänger oder zweitklassige Kapellmeister die Aufführung schmeißen können. Und mit den Dirigenten ist es so, wie mit gutem Rotwein: Sie müssen  lang und gut gelagert worden sein. Schneider geht auf seinen 400. Abend am Pult des Hauses am Ring zu. Deshalb kennen Orchester und Dirigent einander so gut, dass sie sich voll aufeinander verlassen. Zudem ist der Maestro mit Wagner außerordentlich vertraut, hat er doch gerade dieses Werk in Bayreuth häufig dirigiert. Und so kam ein ungemein aufregender und orchestral wunderschöner Abend zustande. Die unendliche Melodie Wagners floss und flutete. Keine Ecken und Kanten waren zu hören, traumhafte Übergänge erfreuten vielmehr das Ohr. Aber auch die Dramatik dieses ungeheuren Werkes kam großartig zur Geltung. Riesige Orchesterwogen und präzise Rhythmik pulsten aus dem Graben. Welche Farben diese Musik enthält, machte man sich an diesem Abend dank des Dirigenten wieder einmal klar. Schneider lässt die wunderbaren Holzbläser des philharmonischen Staatsopernorchesters besonders zur Geltung kommen und verwebt ihren kostbaren Klang mit den silbernen Streichern perfekt. Die Sänger kommen zu ihrem Recht und werden nicht gedeckt. Dieser Abend schmeckte eben wie edelster und reifer Rotwein.

 Dem Dirigenten stand eine hervorragende Besetzung zur Verfügung, die sich nahtlos in die ästhetische Inszenierung von David McVicar einfügte. Violeta Urmana war eine hoheitsvolle, äußerst temperamentgeladene Isolde, die auch im Liebesrausch nie ihre adlige Herkunft leugnet. Dazu passt die riesige, jede Orchesterflut übertönende metallische Sopranstimme. Ihren satten Tiefen, die an ihre Herkunft aus dem Mezzofach erinnern, steht eine gleißende Höhe beiseite, verbunden durch eine sehr stabile Mittellage, ohne die man keine hochdramatische Partie erfolgreich singen kann. Über das Timbre lässt sich – wie immer – streiten. Ihr Tristan war Robert Dean Smith, der sowohl darstellerisch als auch stimmlich einen reizvollen Gegensatz bildete. Der zurückhaltende Sänger spielte einen vornehmen, in sich gekehrten Helden, der an seiner unendlichen Liebe zu Isolde zerbricht. Ihm steht nicht die Riesenstimme zur Verfügung, die seine Isolde besitzt. Dafür phrasiert er besonders eindrucksvoll. Die in allen Lagen ausgeglichene, bruchlos geführte Stimme besticht durch ihren schönen Klang, auch wenn sie manchmal in den Orchesterfluten versinkt. Fast alle Tristane können die beiden ersten Akte nicht mit voller Stimme durchsingen, dafür hielt Smith im Fieberwahn des 3.Auzuges bewundernswert durch.

Sicherlich erbrachte Elisabeth Kulman sowohl stimmlich wie auch darstellerisch die Spitzenleistung des Abends. Auf eine solche Brangäne haben wir seit Christa Ludwig gewartet. Die ungemein farbenreiche Stimme setzt sie ohne hörbaren Registerwechsel ein. Sowohl in den dramatischen Ausbrüchen als auch in den lyrischen Wachgesängen begeistert sie den Hörer. Der Abschied von Isolde klingt wie ein vorweggenommener Liebestod.  Ihre schlanke Gestalt und ihr mitfühlendes Mienenspiel zeigen sie auch als große Schauspielerin. Letzteres kann man von Mathias Goerne (Kurwenal) nicht behaupten. Der überwiegend als Liedersänger tätige Künstler besitzt offenbar keine dramatische Ader. Er steht oft recht steif herum und auch sein Bühnengang wirkt nicht natürlich. Seine dunkle, durchaus schöne Baritonstimme müsste noch besser fokussiert eingesetzt werden. Positiv überrascht Albert Dohmen als König Marke. Als seriöser Bass  klingt seine Stimme wesentlich besser als zum Beispiel im Baritonfach als Scarpia. Hier stimmen die Proportionen, die Diktion und das Volumen, zumal er auch persönlichkeitsstark mitspielt. Clemens Unterreiner lässt als Melot einen hellen Bariton erklingen und agiert engagiert. Carlos Osuna müsste sich als Hirt einer deutlicheren Aussprache befleißigen, während Markus Pelz als Steuermann seinen einzigen Satz gut verständlich über die Rampe bringt. Der neue Seemann von Sebastian Kohlhepp wartet mit einem sehr geraden lyrischen Tenor auf.

Riesiger Jubel, in den der vorzügliche Chor zu Recht einbezogen wird. Diesmal erhält eindeutig der Dirigent die größten Ovationen. Er hat sich selbst übertroffen, was dem offenbar kundigen Publikum nicht entgangen ist.  

Johann Schwarz

 

                                                                                 

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