Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: TRISTAN UND ISOLDE

WIEN/Staatsoper: TRISTAN UND ISOLDE am 13.12.2013


Violeta Urmana und Robert Dean Smith. Foto: Wiener Staatsoper/Pöhn

So soll Oper sein: Eine repertoiretauglich Inszenierung (von David Vicar), ästhetische Kostüme (von Robert Jones) und ein Ensemble für die „Oper aller Opern“ (Anm.d. Red.: Diese Bezeichnung wird auch für „Don Giovanni“ herangezogen) , die zwar auf den ersten Blick nicht ganz so glamourös aussieht, aber nach den fünf Stunden der süchtig machenden Musik von Richard Wagner den Besucher in eine Art Trance versetzt hat. Einzig die auf die Premiere in Japan ausgerichtete Choreographie (Andrew George) ist in Wien so unnötig wie der berühmte Kropf. Aber was will man meckern oder matschkern wenn ein Mann wie Peter Schneider am Pult des Wiener Staatsopernorchesters steht und diesen „alten Hasen“ immer noch etwas Neues beibringen kann, was sich in der Partitur von Tristan und Isolde versteckt. Etwa die Tatsache, dass Wagner nicht nur Crescendo-Zeichen verwendet, sondern bei ausgewählten Stellen noch das Wort Crescendo extra dazu schreibt und damit zusätzliche Effekte schuf. Auch das F-Moll-Vorspiel zum dritten Akt habe ich in dieser Klarheit und in diesem Mystizismus noch nie so gehört. Die „Philis“ wuchsen an diesem Abend richtig über sich hinaus!

Und so geht der Durchschnittswagnerianer mit einer Vielzahl von neuen Klangerlebnissen aus der Oper. Am Bühnetürl hörte ich den Satz: „Das war mein 30. Tristan, aber ich habe immer noch Neues entdeckt!“ Und im Gegensatz zu Welser-Möst nimmt Schneider bei den entscheidenden Stellen auch die Lautstärke wieder runter, was ihm nicht nur die Sänger danken, sondern der Wortdeutlichkeit auch sehr dient. Die war nämlich bei dieser Abo-Vorstellung von exzellenter Güte, wobei besonders die Sänger mit nicht-deutscher Muttersprache extrem positiv überraschten: Frau Urmana und Herr Smith! Wie überhaupt das Titelpaar in sängerischer Hinsicht keine Wünsche offen ließ. Violeta Urmana beeindruckt mich schon seit langer Zeit auf höchstem Niveau, sei es als Sopran oder Mezzo, sei es im italienischen oder im deutschen Fach. Nach so einer Karriere eine Stimme mit so wenig „Wobble“ zu haben spricht für eine gediegene Technik. Die Litauerin verdient aber nicht nur Bewunderung für ihr handwerkliches Können, sondern sie berührte auch mit einem hinreißenden Liebestod der Isolde.

Robert Dean Smith präsentierte sich in einer Bomben-Tagesform und zeigte mit seinem lyrischen Heldentenor als Tristan viel Schmelz. Auch wenn ihm der Ruf vorausgeht nicht der allermotivierteste Darsteller zu sein, die Kampfszene am Ende des zweiten Aktes und sein Sterben auf Kareol gelangen ihm diesmal wirklich gut.

Bei Elisabeth Kulman weiß man hingegen, dass sie eine tolle Sängerschauspielerin ist und jetzt klappte es in Wien endlich mit ihrem Brangäne-Debüt, nachdem vor zwei Jahren ein Probenunfall beim Bochumer Ruhrtriennale-Tristan beinahe ihr Karriere-Ende bedeutet hätte. Mit dieser Partie geht sie wieder in die oberen Sängerinnen-Regionen (die Brangäne ist eine Mezzo-Partie, die relativ hoch notiert ist) und sorgte für uneingeschränkte Begeisterung. Satte Tiefen, wunderbar „gerade“ gesungen und strahlende Höhe, wo es notwendig war, dazu eine differenzierte Rollengestaltung. Auf die Frage, ob sie nicht auch noch eine Isolde werden könnte, winkt sie aber ab: „Das ist eine Mörderpartie, ich weiß überhaupt nicht wie man das singen kann!“

Bleibt noch Matthias Goerne als Kurwenal zu nennen, der etwas Anlaufzeit brauchte, aber im Schlussakt voll punkten konnte. Sein etwas sprödes Timbre ähnelte dem von Albert Dohmen. Der viel gescholtene Bassbariton, der offenbar im Kritikerlager nicht viele Freunde hat, besitzt eine ähnliche Stimmfärbung, ideal für den König Marke. Mehr als achtbar schlug sich auch Clemens Unterreiner, der aus der kleinen Partie des Melot ein Minidrama machte und das mit erstaunlichem Volumen. Erfreulich, so einen Sänger im Ensemble zu haben. Auch Carlos Osuna (Hirt), Marcus Pelz (Steuermann) und Sebastian Kohlhepp (Stimme eines jungen Seemanns) passten sich dem hohen musikalischen Niveau an.

Enttäuschend war an dieser Vorstellung eigentlich nur die Tatsache, dass es im Zuschauerraum bereits zu Beginn eine ganze Reihe von leeren Plätzen gab, auch der Stehplatz bot reichliche Lücken. Nach der zweiten Pause hatten sich die Reihen noch mehr gelichtet! Aber die eingefleischten Fans bejubelten die Protagonisten so, als ob es eine ausverkaufte Premiere wäre. Extra-Phonestärken gab es für Kulman, Schneider und das Orchester.

 Ernst Kopica

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