Der Neue Merker

WIEN / Staatsoper: TRISTAN UND ISOLDE

 Tristan 
Foto: Wiener Staatsoper

WIEN / Staatsoper:
TRISTAN UND ISOLDE von Richard Wagner
9.Aufführung in dieser Inszenierung
8. Dezember 2013 

Nach fünf Aufführungen rund um die Premiere am Ende der letzten Saison und drei weiteren im September mit Linda Watson zu Seifferts Tristan hat nun für die Dezember-Serie von „Tristan und Isolde“ die Besetzung fast zur Gänze gewechselt, wobei allerdings das Paar Urmana / Dean Smith die Titelrollen schon in der vorangegangenen Inszenierung gemeinsam verkörpert hat.

Zuvor noch ein Wort zur Inszenierung von David McVicar, die viele Wagnerianer auf Anhieb umarmt haben, weil sie das Stück bringt, der Musik Raum gibt und außerdem noch hoch ästhetisch ist. Beim Wiedersehen jedoch erscheint es ärgerlicher als beim ersten Ansehen, dass der Regisseur eine für Japan erarbeitete Produktion für Wien nicht adaptiert hat: Die Japaner haben sicher genossen, dass die Matrosen im ersten Akt im japanischen Bewegungsduktus agieren und dass Marke mit einer japanischen Soldatengarde erscheint – für uns ist das sinnlos. David McVicar hat in Wien sicher keine reduzierte Gage erhalten: Er hätte auch die „nebensächlichen“ Details auf Wien zuschneiden können…

Und noch etwas: Das Ende bleibt einfach sinnlos. Da hat Isolde gerade etwas gesungen, was die Welt als ihren „Liebestod“ kennt: Da könnte man doch erwarten, dass sie bei ihrem toten Tristan bleibt, zumal die beiden die „höchste Lust“ des gemeinsamen Sterbens im zweiten Akt so ausführlich wie legendär besungen haben: Dass sie entschreitet, ist einfach nicht zu begründen – und wenn es um das Schlussbild ginge, das sie als „rote“ Silhouette mit endloser Schleppe im Hintergrund erscheinen lässt, während der Vorhang fällt, wäre das einfach ein miserabler Grund für diese Lösung. David McVicar hat doch sonst so viel richtig gemacht (besonders schön am Ende des 2. Akts, wie Tristan Melot quasi für seinen Selbstmord benützt und Isolde sich mit ausgebreiteten Armen vor diesen hinstellt, quasi: Töte mich auch). Warum diese Sinnlosigkeit?

Neue Besetzungen also, Violeta Urmana (vor ziemlich genau vier Jahren in der Krämer-Inszenierung zu sehen) hat sich ihr Leben lang hochdramatisch durch alle Stimmlagen gesungen. Dafür ist ihr Material noch erstaunlich intakt, wenn auch nicht wirklich schön. Aber sie schmettert Isoldes Höhen, sie vermag sich (zumal im zweiten Akt) wunderbar zurückzunehmen, und sie sang einen sehr schönen Liebestod (wobei der letzte Ton, die höchste „Lust“ nach Piano-Ansatz verhuschte, was vielleicht nicht beabsichtigt war). Im übrigen bestach sie durch Kraft – wenn Peter Schneider am Pult richtig loslegte, war sie immer noch imstande, auf den Wellen der Musik zu reiten, während ihr Partner teilweise völlig unterging.

Robert Dean Smith ist ein Tristan-Veteran, er hat die Rolle zahllose Male (darunter jahrelang in der unsäglichen Marthaler-Inszenierung in Bayreuth) verkörpert, er kann damit umgehen. Dass er kein Temperamentsbündel und kein extrovertierter leidenschaftlicher Darsteller ist, weiß man auch. Anfangs wirkte er geradezu unbeteiligt, im zweiten Akt brauchte er Anlaufzeit bis zum „Sink hernieder“, wo er sich dann in schöner Verhaltenheit entfaltete und gleichzeitig für den dritten Akt sparte. Ein Tristan muss sich seine Kräfte einteilen, dann kann man noch am Ende auch gesangliche Effekte setzen. Wenn man darauf hofft, in dieser Rolle einmal Kraft, Technik für die Endlos-Bögen und „Belcanto“ (wenn es erlaubt ist, sich auch bei Wagner solches zu wünschen) vereint zu finden, muss man wohl auf Botha warten (2016 in Berlin und dann hoffentlich bald auch in Wien).

Elisabeth Kulman sang erstmals in Wien die Brangäne und hatte wahrlich kein Persönlichkeitsproblem: Diese schlanke Erscheinung mit der aparten Kurzhaarfrisur erfüllt ihre dramaturgisch entscheidende Funktion im ersten Akt mit allem Nachdruck und ist auch im Duett mit Isolde im zweiten Akt ganz stark präsent. Die Stimme ist allerdings in den hohen Lagen stärker als in den tiefen, und für „Habet acht“ würde man sich ein dunkleres, geheimnisvolleres Timbre wünschen. (An diesem „Habet acht“ wird wohl eine Brangäne gemessen, und die Magie, die Christa Ludwig da unter Karajans Stabführung „zauberte“, wirkt über Jahrzehnte nach…) Das Publikum jedenfalls feierte die Kulman besonders und zweifellos zurecht.

Eine Enttäuschung war Matthias Goerne als Kurwenal. Nicht nur, dass man im dritten Akt das alte Phänomen beobachten konnte, dass der Amerikaner Dean Smith weit ordentlicher artikulierte als der gebürtige Deutsche, der zudem ein berühmter Liedersänger ist, der Stimme ermangelte der „Kern“, sie floss quasi gestaltlos auseinander – mit seltsamer, nicht überzeugender Wirkung.

Gleichfalls eine Premiere für Wien war der Marke des Albert Dohmen, und man kann den durch viele Wotans gewonnenen Eindruck einer spröden, trockenen, gelegentlich reibeisenhaften Stimme nicht korrigieren.

Wie schon früher war Clemens Unterreiner ein nachdrücklich eifernder Melot, wie bei der Premiere sangen Carlos Osuna (Hirt) und Marcus Pelz (Steuermann), dazu kam Sebastian Kohlhepp (als Stimme eines jungen Seemanns).

Was man an Peter Schneider, dem erwünschtesten aller Einspringer, schätzt, ist die klare Strukturierung, die er Wagners Musik angedeihen lässt, dass er nie in irgendeinen gestaltlosen Brei verfällt, die Motive liebevoll ausziseliert und mit dem Orchester immer das Stück erzählt, ob in philosophischer Lyrik, ob in peitschender Dramatik: Er erreichte mit den Wiener Philharmonikern stellenweise jede Intensität, die man meint, wenn vom „Sog“ und „Suchtcharakter“ des Wagner’schen Musik die Rede ist. „Tristan und Isolde“ ist nun einmal die Oper der Opern, und wenn die Wiener Philharmoniker sie (voll motiviert!!!) unter Peter Schneider spielen, dann erglüht sie in ihrer uneingeschränkten, verzehrenden Pracht. Der starke Applaus legte noch ein paar Dezibel zu, als der Dirigent sich verbeugte.

Renate Wagner

P.S. Wenn die Wiener Staatsoper „Tristan und Isolde“ am Freitag im Live-Stream anbietet, ist das eine sehr hörens- und sehenswerte Aufführung. Dächte man allerdings an eine DVD dieser Produktion, sollte man auf Stemme / Seifert zurückgreifen, Kulman dazu geben und für Marke und Kurwenal optimale Besetzungen suchen.

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