Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: TRISTAN UND ISOLDE

Wien/Staatsoper: TRISTAN UND ISOLDE –am 15.3.2017

(Valentino Hribernig-Körber)

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Sophie Koch (Brangäne). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Vor ausverkauftem Haus, was die Sitzplätze betrifft, jedoch überaus schütter besetzten Stehplätzen ging die zweite Vorstellung von Richard Wagners „traurig‘ Stück“ (wie er sich selbst in den Meistersingern zitiert) über die Bühne und versprach die Begegnung mit gleich einer Reihe von Protagonisten in für sie bislang eher ungewöhnlichem Zusammenhang.

In besonderem Maß galt dies für die Isolde von Petra Lang, die zwar als optische Erscheinung durchaus der landläufigen Vorstellung von der irischen Königstochter entsprechen mochte, jedoch durch ihre– man möchte fast sagen: zickige – Rollengestaltung weder die tiefe Demütigung der dem Vasallen als Ehefrau Zugeführten noch das Pathos der todessehnsüchtig sich der liebenden Auflösung in die Ich-Du-Einheit mit Tristan Hingebenden glaubhaft machen konnte. Stimmlich zeigte die bis vor Kurzem dem Mezzofach Zugehörige immer wieder, dass möglicherweise das Potential einer Hochdramatischen in ihr steckt, manche Phrase ging wunderbar auf und ließ aufhorchen, wirklich schön auch das Liebesduett „O sink hernieder, Nacht der Liebe“.  Dann aber – wie etwa in der 1. Szene des 2. Aufzugs – rutscht ihr die Stimme in den Hals (und bleibt für eine ganze Weile dort), die Höhen werden nur noch durch „Schiebung“ erreicht, unedel-metallisches schleicht sich ein und die Intonation leidet. Möglicherweise sollte sie tatsächlich bei ihrem Fachwechsel „Tempo herausnehmen“, und auch nicht zu rasch mit den ganz exponierten Partien in die großen Häuser streben.

Dass es allerdings auch schwer ist, mit einer an sich nicht besonders großen Stimme den Vergleich mit dem Tristan eines Stephen Gould zu bestehen, steht auf einem anderen Blatt. Was der amerikanische Heldentenor in der angeblich anstrengendsten Tenor-Partie überhaupt zu leisten vermag, ist kaum noch in Worte zu fassen. Wobei aus der Sicht des Rezensenten der 2. Akt aus einer perfekten Gesamtleistung noch einmal hervorstach, in dem Gould anscheinend ohne die geringste Mühe sein Organ üppig strömen, zugleich nobelste Phrasierungskunst und Pianokultur hören ließ, und das alles in einer Wortdeutlichkeit zum Mitschreiben. Womit jedoch nicht der Eindruck erweckt werden soll, dass nicht die beiden anderen Akte auch auf höchstem Niveau gelangen, und die ganz leichten Ermüdungserscheinungen kurz vor Isoldes Wieder-Erscheinen im Finale seien nur um der Objektivität willen erwähnt – sie gehen ohnehin vor allem auf das Konto eines Dirigats, das in Lautstärke und Tempowahl gnadenlos gegen die Sänger agierte. Darstellerisch ist Goulds Tristan über weite Strecken eher verhalten, die psychologische Aufschlüsselung des komplexen Charakters ist seine Sache nicht unbedingt – ein Eindruck, der freilich durch die streckenweise teilnahmslose Haltung seines jeweiligen Gegenübers noch verstärkt wird.

Womit eine Überleitung zu Matthias Görnes Kurwenal gefunden ist, der aus dem Kampfgenossen Tristans einen vierschrötigen Kumpel macht, dem man eher die Obsorge um die heimatliche Burg denn kühne Schlachterfahrungen zutraut. Sein quallig-kehliger Gesang passt hier durchaus ins „Konzept“. Tatsächlich unverständlich bleibt allerdings seine bereits erwähnte geradezu desinteressierte Haltung während Tristans ekstatischen Monologen im 3. Aufzug. Dem gegenüber ist mit Sophie Koch eine überaus elegante und einfühlsame Brangäne an Isoldes Seite, die vor allem in den Szenen einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt, wo sie sich aktiv im Geschehen einbringen kann. Ihre an sich nicht gerade hochdramatische Stimme verfügt in der oberen Mittellage und in der blühenden, niemals durch Schärfen beeinträchtigen Höhe durchaus über die nötigen Mittel, um auch gesanglichpräsent ihre Rollenauffassung umzusetzen, ihre tiefere Lage ist für den Wagnerschen Orchesterteppich leider nicht (mehr) kräftig genug, und mit dem Wache-Gesang während des Liebesduetts im 2. Aufzug überschreitet sie unüberhörbar die Grenze ihrer Möglichkeiten. Dennoch eine wirklich berührende Gesamtleistung. Das gilt auch für Kwangchul Youn, der als betrogener König Marke seinen beiden Szenen majestätische Würde, tiefe Erschütterung und menschliche Anteilnahme in gleicher Weise Ausdruck verleihen konnte. Der Koreaner war dabei offensichtlich um höchste Intensität auch in der stimmlichen Gestaltung bemüht, wobei ihm, leider, ein gänzlich unkontrolliertes Vibrato einen ziemlichen Strich durch die Rechnung machte.

Clemens Unterreiner lieh Melot, dem Widersacher Tristans, sein gut geführtes Organ, allerdings geriet sein Spiel (zu) reichlich manieriert. Sehr verlässlich und trotz Akzents recht wortdeutlich Carlos Osuna als Hirt, unauffällig Marcus Pelz als Steuermann und Bror Magnus Todenes als Stimme eines jungen Seemanns. Spannungsarm die musikalische Auffassung von Maestro Mikko Frank, dem es offenbar vor allem darum ging, die Möglichkeiten eines so großen Orchesterapparats hinsichtlich der Lautstärke unter Beweis zu stellen – was ihm ohne Zweifel gelang.

Die Zustimmung des Publikums fiel diesmal dennoch zwar kurz, aber eindeutig positiv aus, mit heraus ragenden Ovationen für Gould und Koch.

Valentino Hribernig-Körber

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