Der Neue Merker

WIEN / Staatsoper: TRISTAN UND ISOLDE

Tristan mit Dirigent x~1

WIEN / Staatsoper:
TRISTAN UND ISOLDE von Richard Wagner
16.Aufführung in dieser Inszenierung
12.
März 2017

Vier Hauptrollen –  Tristan, Isolde, Brangäne, König Marke –  neu besetzt, und auch der Dirigent war für Wien ein „Tristan“-Neuling – und alle Namen hochkarätig. Abgesehen davon, dass man in „Tristan und Isolde“ ohnedies immer gehen kann, soll, muss, es sei denn, die Besetzung ist schlecht (das ist unverzeihlich), reizen natürlich neue Interpreten. Man kann immer etwas gewinnen, immer etwas lernen.

An diesem Abend war das As Stephen Gould in der Titelrolle. Man hat ihn ja, entweder live oder per Fernsehübertragung, schon als Tristan in Bayreuth gesehen, in der Katharina-Wagner-Inszenierung mit Evelyn Herlitzius als Partnerin und Thielemann am Pult. Aber die „japanische“ Produktion, die wir hier in Wien eingekauft haben, ist für Gould – wie man im „Prolog“ nachlesen kann – besonders wichtig: Damals in Tokio hat er unter der Regie von David McVicar die Rolle nach sechswöchigen Probenarbeiten erstmals gesungen, in dieser Inszenierung – die nicht viel tut und nicht viel verlangt, einfach die Sänger leben lässt – kennt er sich aus, hier gestaltet er einen reifen Mann, fast steif in seine „Ehre“ zurückgezogen, der sich von der Liebe geradezu wegtragen lässt…

Fraglos wird in den kommenden Jahren und länger der Tristan Goulds wichtigste Rolle sein, denn sie passt dem Mittfünfziger jetzt einfach perfekt. Er hat die Kraft, sie ohne die geringsten Ermüdungserscheinungen durchzuhalten (da hat man Kollegen schon verenden gesehen und gehört), seine Spitzentöne sind gewaltig und schön, sein Timbre strahlt besonders, wenn er jede Gelegenheit wahrnimmt, Wagner „legato“ zu singen – und der dritte Akt ist bekanntlich das Schwerste, was nicht nur Wagner, sondern je ein Komponist einem dramatischen Tenor zugemutet hat. Hier aus der Tiefe des Vergessens zu erwachen, sich in das Furioso von Erinnerung, Verzweiflung, Hoffnung hineinzusteigern und mit einem unglaublich gehauchten „Isolde“ zu sterben, das können bekanntlich nur die Besten, und zu denen zählt Stephen Gould jetzt in dieser Rolle. Wunderbar.

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Bei dem letzten „Tristan“, den ich im Jänner 2015 gesehen habe, war Petra Lang noch die Brängäne, ihre letzte Vorstellung in dieser Rolle, wie es hieß, schon auf dem Sprung vom Mezzo zu den hochdramatischen Wagner-Heldinnen (als Kundry hatten wir sie ja ohnedies schon im Haus, ihre ersten Wiener Brünnhilden stehen bevor). Nun, ihre Isolde war – seltsam. Ihres wahren Alters um Jahrzehnte spottend, spielte sie im ersten Akt eine Art mutwilliges, fast boshaftes junges Mädchen, zierlich und mit dem Langhaar-Rotschopf fast wie ein irischer Kobold wirkend. Im zweiten Akt durch die Liebe kaum gereift, ist sie trotz der dramatischen Situation immer noch vor allem Sonnenscheinchen, und im dritten Akt – sie lächelt zu viel. „Mild und leise“ kann man nicht darstellerisch strahlend singen, mit dieser Miene geht man nicht ins Nirwana ein, sondern fährt in die Karibik… Auch gesanglich stand es nicht zum besten: Die Stimme nasal, meist zu leise, versandet immer wieder in der Mittellage, befreite sich nur in den Spitzentönen, vieles ging einfach in gesanglicher Beiläufigkeit verloren. Nach so vielen Spitzen-Isolden, wie wir sie schon gesehen haben, ist Petra Lang ein Leichtgewicht.

Von Sophie Koch haben wir Strauss, Mozart und einiges Französische gesehen, nun also erstmals Wagner in Wien: Sie ist eine sehr anteilnehmende, dabei elegante Brangäne, die ein bisschen mit der Würde einer Norn im Hintergrund steht – aber die Stimme ist hörbar nicht mehr in Topform, für „Habet acht“ nahm sie ihre ganzen Kräfte zusammen, um einigermaßen wirkungsvoll in das Liebesduett hinein zu klingen.

Wir haben schon genügend ältere Herren gehört, die zwar wussten, dass König Marke ein alter Mann ist, dies aber dennoch mit des Basses voller Grundgewalt (und mancher auch mit schöner „Schwärze“ in der Stimme) georgelt haben. Nicht so Kwangchul Youn (der in Wien als Gurnemanz vor allem hören ließ, welch phantastischer Wagner-Sänger er ist): Das war stimmlich und darstellerisch die absolut eindrucksvolle Studie eines gebrochenen Mannes, bei der man sich doch dachte, ob’s stimmlich nicht ein bisserl mehr hätte sein dürfen…

Immer ein Problem als Kurwenal ist Matthias Goerne, diese schwammige Stimme ohne Kontur kann bei Wagner einfach nicht überzeugen, und die Figur bringt er auch nicht – am Ende, wenn er Tristan mit Waffengewalt verteidigen will, macht er sich schlechtweg lächerlich.

Die kurzen Passagen, die er als Melot hat, lädt Clemens Unterreiner mit allem geifernden Gift des Bösewichts auf, während Carlos Osuna den Hirten mit aller Anteilnahme erfüllt.

Bleibt Dirigent Mikko Franck, der bei uns eher umstrittene Finne, was sich in der ersten Pause zeigte, nach der er nicht nur Applaus, sondern auch heftige Buh-Rufe erntete. Unverständlich, denn es war ein „Tristan“, der zwar mehr auf Tempo und zielbewusste Steigerungen bis zum Fortissimo ausgerichtet war als auf chromatische Verwirrungen, aber etwa im Liebesduett und in der Begleitung von Tristans Verzweiflungsausbrüchen die stärksten und legitimsten Wirkungen erzielte. Man darf es auch so versuchen.

Das Publikum differenzierte seltsamerweise kaum beim Applaus, als seien alle Leistungen gleichwertig gewesen – aber jedenfalls meinte am Ende niemand mehr, Mikko Franck für diesen seinen bemerkenswerten Abend ausbuhen zu müssen…

Renate Wagner  

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