Der Neue Merker

WIEN / Staatsoper: TOSCA

WIEN / Staatsoper: 
TOSCA  von Giacomo Puccini
563. Aufführung in dieser Inszenierung
5. September 2013  

Die dritte Staatsopern-Aufführung der neuen Spielzeit brachte nun anlässlich von Puccinis „Tosca“ Einblick in die Hohe Schule des italienischen Operngesangs. Dass eine Rumänin, ein Argentinier und ein Serbe das vormachten, bedeutet gerade in der so internationalen Welt der Oper gar nichts – Stil ist keine Frage der Nationalität, sondern des Feelings und des Könnens. Und in dieser Hinsicht hatte die Wiener Staatsoper optimal besetzt.

Angela Gheorghiu mag sich mit vollmundigen Statements in ihren Interviews nicht nur Freunde machen, aber wenn sie auf die Bühne kommt, muss jeder Einwand verstummen. Das ist genau jene Primadonna Assoluta, die gerade die Rolle der „Tosca“ braucht, wenn de Gheorghiu auch von jedem kraftvollen, weit ausholenden Diven-Gehabe weit entfernt ist. Sprechen wir zuerst von ihrer Stimme: ein wundervoller, leichter, schöner  Sopran, der souverän geführt wird und nie an seine Grenzen stößt. Die Gesangskultur der Gheorghiu ist außerordentlich – endlich eine Tosca, die ihre Rolle nicht dramatisch brüllt, schreit, „drückt“, schrillt, sondern vollendet schön und kultiviert singt, in keinem Spitzenton (und sie hat sie alle, auch die dramatischen Ausbrüche) je das Ohr beleidigt, und die auch noch besondere Kunststücke schafft wie etwa jenes, ihr „Vissi d’arte“ tatsächlich mit jenen Tränen in der Stimme zu singen, die quasi im Text stehen…

Dazu kommt, auch das muss man erwähnen, dass die Gheorghiu einfach eine unglaublich schöne Bühnen-Erscheinung ist, und das bekommt man nicht geschenkt, zumal wenn man gut jenseits der 40 ist. Eine solche Figur, ein solches Gesicht sind das Ergebnis eiserner Disziplin. Dass sie die Rolle der Tosca nicht nur mit Eleganz, sondern in jedem Detail mit richtigen psychologischen Reaktionen erfüllt, geht auf die lange Erfahrung mit dieser Figur zurück, aber sie verlässt sich spürbar nicht auf ihre Routine: Das Geheimnis großer Künstler ist die Präsenz, jeden Abend vor einem immer neuen Publikum immer ganz da zu sein.

Raffiniert auch die Kostüme, die sie sich mitgebracht hat – wenn Tosca mit ihrem Strohhütchen in die Kirche kommt (das hat man tatsächlich noch nicht gesehen), dann gibt ihr das etwas Jugendliches, das zu dem hellen Kleid und dem eleganten Mantel passt – hier ist sie nicht Diva und große Sängerin, hier schaut sie ja nur als liebende Frau bei ihrem Mario vorbei (wobei die Gheorghiu erstaunlich wenig zickig ist – da hat man schon Damen in diesem 1. Akt gesehen, die nicht nur Cavaradossi, sondern auch das Publikum genervt haben). Im zweiten Akt das Goldkleid mit der schwarzen, mit goldenen Sternen bestickten Samtschleppe – sehr elegant, die Frisur mit Diadem hochgesteckt. Am Ende im blaugrünen Reisekleid mit dem lila Mantel, die Haare offen – eine sorgfältige Komposition, auch optisch drei Gesichter der Tosca zu zeigen. Man darf im Theater wirklich nichts dem Zufall überlassen. Das Ergebnis lohnt sich.

Auf Augenhöhe agierte ihr Cavaradossi in Gestalt von Marcelo Álvarez, der tatsächlich seit sieben Jahren nicht mehr in Wien zu hören war. Für seine erste Arie brauchte er einen kleinen Anlauf, um sicher in seiner Stimme zu stehen, aber dann steigerte er sich im Lauf des Abends bis zur  „Lucevan le stelle“-Arie im dritten Akt, die man meinte, seit Pavarotti nicht mehr so schön gehört zu haben. Alle dramatischen Höhepunkte von „La vita mi costasse“ über „Vittoria“ bis zu den Ausbrüchen im dritten Akt gelangen fabelhaft und souverän, sein besonderes Timbre leuchtete. Dabei passte er sich etwa im ersten Duett völlig dem lockeren, leichten, unforcierten Gesangsstil der Gheorghiu an und zeigte, wie man Puccini singen statt pressen kann (was man zu oft vorgesetzt bekommt).

Und auch der Scarpia von Zeljko Lucic, der darstellerisch ein hintergründiger Widerling war (man hat schon fürchterlichere, auch eindrucksvollere gesehen…), hielt es weit mehr mit Belcanto als mit veristischem Gebrülle. Nur beim „Te Deum“ hätte man ihm mehr Nachdruck gewünscht, aber die Stimme ist im Zweifelsfall eher schön als besonders stark. Immerhin ein Scarpia, der das Terzett der kultivierten Sänger vollendete.

Alfred Šramek als immer witziger Mesner, Janusz Monarcha als gehetzter Angelotti (da kann die Stimme schon ein bisschen brüchig werden), Benedikt Kobel mit schneidendem Charaktertenor als Spoletta, dazu Marcus Pelz und Alexandru Moisiuc, das ist eine solide Ensemblebesetzung rund um ein besonderes Trio.

Damit dieses so reüssieren konnte, brauchte es einen Maestro vom Schlag des Marco Armiliato, der Tosca und Cavaradossi etwa bei ihrem Mezzavoce-Liebesduett im ersten Akt geradezu auf den Händen trug, im übrigen aber das Orchester zum gewaltig dramatischen Mitgestalter des Ganzen machte, ohne den Sängern Forcieren abzuzwingen. Ein ausbalanciertes Meisterstück, in dem die Philharmoniker wieder einmal Puccini-himmlisch klangen.

Und man braucht für einen solchen Abend, auch das muss gesagt werden, natürlich eine Inszenierung wie jene von der Wallmann (oder auch von Zeffirelli). Natürlich haben auch jene Opernfreunde ihr Recht, die einfach etwas Interessantes auf der Bühne sehen wollen. Aber wenn Regisseure die Tosca in einem Gestänge hängen lassen oder durch Folterkeller schicken oder was immer ihnen heutzutage noch einfällt – dann wird man diese einfach aus den Figuren geholten, im Sinne der Musik erfüllten Rollengestaltungen nicht sehen. Nicht nur, weil „Stars“ wie Frau Gheorghiu, die genau weiß, was sie will und braucht, um zur Geltung zu kommen, sich nicht darauf einlassen. Sondern weil es dann um die Inszenierung geht und nicht ums Werk. Und weil Sänger dann Erfüllungsgehilfen anderer Art werden – oft auf Kosten der eigenen Wirkung.

Wie dem auch sei – auch Opernfreunde, die in „Tosca“ einfach „Tosca“ sehen wollen und das mit der denkbar besten Besetzung, haben ein Recht. Und das wurde an diesem Abend erfüllt, wie es besser und schöner nicht hätte sein können.

Renate Wagner

 

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