Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper/ Staatsballett: „THOSS / WHEELDON / ROBBINS“ – ein reines Tanzvergnügen

Wiener Staatsoper, 21. und 25.11.2016: Ballettabend „THOSS / WHEELDON / ROBBINS“ – ein reines Tanzvergnügen

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Copyright: Wiener Staatsballett/ Taylor

Das ganz große Tanzvergnügen ist am Schluss dieses Dreiteilers zu erleben. Giuseppe Verdis „Vier Jahreszeiten“-Ballett, die ausgewachsene Einlage in seiner Blutoper „Sizilianische Vesper“, von Choreographen-Genie Jerome Robbins als Ironie-Klassiker im Jahr 1979 mit dem New York City Ballet kreiert, bringt heute das Publikum in feinste Hochstimmung. Die Wiederaufnahme des „Thoss / Wheeldon / Robbins“-Programms aus der vorigen Saison, von exzellenten Leistungen der Tänzer des Wiener Staatsballetts getragen, kann sich sehen lassen. Robbins „The Four Seasons“ zu den zündenden Verdi-Melodien ist auf seine Art, klassisch-akademisches Ballett auf das phantasievollste choreografisch nachzuempfinden wie gleichzeitig humorvoll zu persiflieren, ein Geniestreich. Und auch dem Engländer Christopher Wheeldon ist mit seinem „Fool´s Paradise“ zu sensitiv untermalender Musik seines Hauskomponisten Joby Talbot eine im Ausdruck hochseriöse Spielwiese mit herrlich ineinander fließenden Figurationen reinsten Ebenmasses  geglückt.

Am Beginn, ebenfalls originell in seinem markig gestikulierenden Bewegungsduktus mit den intensiv ausgeführten und überzeichnenden Körperwindungen, -verdrehungen, gleich einem grotesken Hexensabbat, bietet Stephan Thoss’s „Blaubarts Geheimnis“ interessantes neues Tanztheater. Die Musik (Dirigent: Alexander Ingram) von Philip Glass wälzt und wälzt sich in dieser Schauergeschichte gleichförmig unruhig flirrend dahin, und Judith gerät dabei Blaubart mehr und mehr in dessen Fänge. In den wechselnden Besetzungen, ausgezeichnet: Eno Peci wie Mihail Sosnonvschi als psychopathische Verführer; als Opfer Alice Firenze oder Ezster Ledán, die sich fraulich fragend den bizarren Wunschvorstellungen des getriebenen Macho fügt.

„Fool’s Paradise“ im Mittelteil, perfekt interpretiert von neun sich homogen findenden Solisten. Und im tänzerischen Großaufgebot für „The Four Seasons“ darf sich die Kompanie nun ebenso perfekt studiert völlig konträr präsentieren: Ballet d’école in Reinkultur. Nur eben mit einem Schuss subtilen Jerome Robbins-Humors. Wen hervorheben in den leicht wechselnden Besetzungen? Nina Tonoli, Natascha Mair und Jakob Feyferlik, Nina Pólaková und Denys Cherevychko, Davide Dato, eine der Winter-, Frühlings-, Sommergrazien? Auch wenn in den Pausen nicht so ganz ballettfreudiges Publikum das Haus verlässt: Das Wiener Staatsballett bietet zur Zeit Abende allererster Klasse.

Meinhard Rüdenauer  

 

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