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WIEN/ Staatsoper: SOLISTENKONZERT EDITA GRUBEROVA. Ein Liederabend der Sonderklasse

Solistenkonzert von KS Edita Gruberova an der Wiener Staatsoper: ein Liederabend der Sonderklasse. 24.3.2017

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PeterValentovic, Edita Gruberova. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

In Wien hatte man KS Edita Gruberova zuletzt im Februar 2015 bei einem Gala-Konzert zu ihrem 45-jährigen Bühnenjubiläum hören können, bevor sie dann mit Donizettis Anna Bolena zurückkehrte. Am vergangenen Freitag gab sie nun, begleitet von Peter Valentovic, einen Liederabend an der Wiener Staatsoper – einen Liederabend der Sonderklasse! Die Fans und Melomanen hatten sicher bereits Kunde von ihrem umjubelten Recital an der Mailänder Scala einige Tage zuvor erhalten – im Zeitalter von YouTube lässt sich ja leicht schon vor dem Konzert ein Eindruck gewinnen. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an diesen offiziell ausverkauften Abend (auch der Stehplatzbereich war vollständig besetzt).

Edita Gruberova eröffnete das Konzert mit zwei wehmütig-melancholischen Liedern von Peter Tschaikowsky (Warum?, op. 6, Nr. 5, und Wiegenlied, op. 16, Nr. 1), die gleich zu Beginn das Niveau festlegten, auf dem sich dieser Abend weiter bewegen sollte: Sie überzeugte mit perfekter Intonation, ihren berühmten Pianissimi und einer feinen Diktion. Ähnlich ansprechend gelangen ihr auch die beiden Lieder von Nikolai Rimsky-Korsakow (Frisch und duftend ist dein prächtiger Strauß, op. 43, Nr. 3, und Nicht Wind, der von der Höhe blies, op. 43, Nr. 2). Peter Valentovic begleitete sensibel und mit weichem Anschlag. Es war deutlich, dass hier nicht einfach eine Solistin und ihr Begleiter, sondern zwei musikalische Partner am Werk waren.

Sehr störend fiel gleich zu Beginn des Abends die Disziplinlosigkeit des Publikums auf, das immer wieder (trotz abwehrender Gesten der Solistin) einzelne Liedgruppen durch Applaus unterbrach und besonders leise und sensible Momente durch wiederholtes Husten beeinträchtigte. Antonín Dvořáks Zigeunermelodien (op. 55, Nr. 1–7) sind für Edita Gruberova ein ‚Selbstgänger‘; sie singt diese Lieder seit Jahrzehnten sprachlich und musikalisch absolut idiomatisch. Bei dem Lied Als die alte Mutter mich noch lehrte singen unterbrach das Publikum erneut – diesmal allerdings mit Zustimmung der Primadonna und zu Recht die Liedgruppe, und die ersten Bravorufe hallten durch den Raum.

Nach der Pause betrat die Gruberova dann ein weiteres ihr ureigenes Terrain: Die Mädchenblumen-Lieder (op. 22) von Richard Strauss stellten den Höhepunkt des Abends dar. Die gesanglichen Schwierigkeiten mögen einem Laien vielleicht nicht auffallen, doch diese Lieder gehören zu den anspruchsvollsten aus dem Strauss’schen Œuvre. Es sind fein ziselierte Kabinettstücke, gesanglich von höchstem Schwierigkeitsgrad – setzen sie doch ein Höchstmaß an stimmlicher Flexibilität und Kontrolle voraus. Kleinste Notenwerte müssen hier mit anspruchsvollem Liedtext vereint werden. Es ist erstaunlich, dass Edita Gruberova in diesem Bereich immer noch eine absolute Kontrolle über ihre Stimme hat. Sie sang diese Stücke tatsächlich mit einer Mädchenstimme. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine jüngere Kollegin diese teils an die legendäre Zerbinetta-Arie gemahnenden Lieder (und vor allem die Wasserrose) so perfekt interpretiert hätte! Der offizielle Abend endete mit vier Liedern von Richard Mahler (Erinnerung, Ich atmet einen linden Duft, Hans und Grete und Scheiden und Meiden), eindrucksvoll in ihrer Schlichtheit – mal neckisch, mal wehmütig.

Wer Liederabende mit Edita Gruberova kennt, der weiß, dass sich traditionell ein langer inoffizieller Teil anschließt. Dieser begann auch am Freitag zunächst mit dem Überreichen eines wahren Blumenmeers. Auch aus den Logen wurden mehrere Sträuße geworfen, und sogar einige verpackte Geschenke durfte die Künstlerin am Bühnenrand entgegennehmen. Als Zugaben folgten zunächst zwei weitere Lieder von Mahler: das witzige Selbstgefühl (das von einem ‚eingebildeten Kranken‘ handelt) sowie das wieder neckisch vorgetragene Wer hat dies Liedlein erdacht. Kein Halten mehr kannte das Publikum dann bei den weiteren Zugaben, Eva Dell’Acquas Villanelle, den zwei Arien der Adele aus der Fledermaus (nebst Gesangseinlage von Peter Valentovic!), einer Arie aus Smetanas Der Kuss sowie der ersten Arie der Liu aus Puccinis Turandot, die Edita Gruberova mit einem wunderbaren Pianissimo beendete. Insgesamt dürften Jubel und Zugaben eine gute Dreiviertelstunde in Anspruch genommen haben. Überraschend, dass man bei einem solchen Ereignis Herrn Staatsoperndirektor Meyer nicht zu Gesicht bekam. Wie es scheint, legt man in Wien (anders als zum Beispiel in München) keinen gesonderten Wert mehr auf seine legendäre Ausnahmekünstlerin, für die noch immer ein großes Publikum aus aller Welt anreist. Allerdings darf Frau Gruberova, wie es auf ihrer Homepage angekündigt wird, hier wohl im kommenden Jahr mit einem weiteren Gala-Konzert ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum feiern.

Von der vokalen Leistung her wären weitere Engagements zu wünschen, ja geboten. Zwar müssen wohl auch die unkritischeren Verehrer zugeben, dass Edita Gruberovas Stimme nicht mehr zu jedem Zeitpunkt die selbstverständliche Sicherheit und Kontrolle hat wie noch vor 20 Jahren, aber der Verschleiß ist – verglichen mit anderen Kolleginnen und Kollegen ähnlichen (und auch weit jüngeren!) Alters – marginal: Ein manchmal minimales ‚Nachjustieren‘ in die richtige Höhenlage, ein deutlich werdender Registerbruch und eine geringere Souveränität in der Vollhöhe ab dem D’’’ (ich meine, einen kleinen ‚Kickser‘ auf dem Es’’’ inVillanelle gehört zu haben). Beckmesserei. Dem stehen ein noch immer absolut unverbraucht jugendliches Timbre, eine nach wie vor perfekte Beherrschung der Grammatik des Belcanto (Triller, Pianissimi, Legato usw.) sowie eine für das Koloraturfach seltene Durchschlagskraft und Tragfähigkeit der Stimme gegenüber (in Tokyo und Mailand hat sie als Zugabe die Hallen-Arie der Elisabeth aus dem Tannhäuser gesungen!). Aber die (Wiener) Fans müssen nicht verzweifeln, sondern dann eben reisen: In ihren Glanzrollen kann man diese Ausnahmekünstlerin in den nächsten Jahren weiter in München (Roberto Devereux, Lucrezia Borgia), Prag (Norma), Budapest (Roberto Devereux) oder im fernen Japan (Lucia di Lammermoor) bewundern.

 

Dr. Heiko Puls (Hamburg)

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