Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: SIEGFRIED – erster Ring-Durchlauf, 2. Tag

WIEN / Staatsoper: SIEGFRIED am 07.05.2017

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Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Mime). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Schnell gewöhnt man sich an das hohe Niveau, das bei diesem (und hoffentlich auch beim darauffolgenden) Ring aus dem Orchestergraben tönt und somit stand einem ungetrübten Genuss dieser genialen Musik in einer abwechslungsreichen Geschichte nichts im Wege.

Die jugendliche Ungezogenheit des Siegfried, die gierige Verschlagenheit des Mime und die ungeduldige List des Wanderers werden nicht nur von den hervorragenden Sängern, sondern ganz besonders eindringlich vom Staatsopernorchester unter der unaufgeregten, konsequent ergebnisorientierte Leitung von Peter Schneider dargestellt. Hier will ein großartiger Kapellmeister nicht sich selbst, sondern das Werk in den Mittelpunkt stellen. Die Sänger auf der Bühne und im Off sind die Nutznießer dieser sensiblen Interpretation und wir Besucher erleben staunend, welche Details in diesem riesigen Werk auch nach oftmaligem Besuch noch zu entdecken sind.

Wie schon im Rheingold angeklungen ist, konnten wir uns auf einen hervorragenden, neuen Mime freuen und wurden nicht enttäuscht. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke sang den alleinerziehenden Zwerg mir schön timbriertem „Charaktertenor“, der sowohl die erforderliche Größe als auch eine erstaunliche Beweglichkeit hatte. Mit beeindruckendem schauspielerischen Einsatz stellte er nicht nur seine hinterhältigen Absichten, sondern auch seine persönliche Leidensgeschichte mit sensationeller Wortdeutlichkeit dar – eine tolle Charakterstudie.

Sein etwas schwieriger Ziehsohn wurde von Stefan Vinke mit großem Heldentenor und beeindruckender Ausdauer dargestellt. Wir haben den deutschen Wagnertenor mit Bayreuth-Erfahrung im vergangenen September als Lohengrin kennengelernt und waren deshalb in freudiger Erwartung, dass wir neben unserem geschätzten Dauer-Siegfried noch einen weiteren kompetenten Interpreten von Wagners schwer geforderten Helden hören konnten. Stefan Vinke erwies sich mit klarer, technisch guter Stimme als verlässlicher Sänger mit mächtigem, höhensicherem Tenor – der lyrische Ausdruck war ansprechend, aber nicht seine größte Stärke. Schuld daran ist aber Richard Wagner – die zarten Liebesschwüre von einem Sänger nach vier Stunden Bühnenpräsenz zu verlangen, ist zumindest nicht besonders rücksichtsvoll.

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Petra Lang (Brünnhilde). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Die etwas höher liegende Siegfried-Brünnhilde passt Petra Lang besser in der Kehle als die Rolle in der Walküre. Die Probleme im Mezzo sind zwar vorhanden, aber nicht so störend, die Höhen gelangen gut und wurden von einer berührenden schauspielerischen Leistung begleitet.

Im Siegfried kommt die stimmliche Durchschlagskraft von Tomasz Konieczny sehr gut zur Geltung und er gestaltete einen ungeduldigen, gnadenlosen Wanderer ebenso überzeugend, wie den resignierenden, an der eigenen Hilflosigkeit verzweifelnden Gott. Sein Erzfeind Alberich wurde von Jochen Schmeckenbecher stimmlich und darstellerisch souverän gestaltet.

Okka von der Damerau hielt als Erda das Versprechen, das sie im Rheingold gegeben hatte und sang auch diese größere Partie mit wunderschöner Tiefe und edel strömender Mittellage. Sorin Coliban war ein beeindruckender Fafner, der sowohl aus der Höhle als auch auf der Bühne mit mächtigem Bass überzeugte.

Hila Fahima zwitscherte den Waldvogel mit schöner, jugendlicher Stimme – leider hatten wir aber nicht am Drachenblut geleckt – so verstanden wir kein Wort.

Nach gut fünf kurzweiligen Stunden wurden die Künstler mit verdientem, begeistertem Beifall bedacht und wir können uns schon auf eine sehr „orchesterintensive“ Götterdämmerung freuen.

Maria und Johann Jahnas

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