Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: SALOME – „Wir haben eine Sternstunde erlebt!“

WIEN / Staatsoper: SALOME am 02.02.2017

 

Wir haben eine Sternstunde erlebt!

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Iris Vermillion. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

In der zweiten Vorstellung der Miniserie wurden die geringfügigen Irritationen, die am 30.01. merkbar waren, ausgeräumt bzw verbessert – einem perfekten Opernabend stand nichts mehr im Wege.

Das hochmotivierte Staatsopernorchester schaffte es, die sensationelle Interpretation vom 30.1. zu wiederholen und sowohl den üppigen Orchesterklang mit allen – zum Teil von uns noch nie so gehörten – Details und Feinheiten darzustellen und mit den Singstimmen eine kompakte Einheit zu bilden. Peter Schneider gelang es wieder mit kleinen, unaufgeregten Gesten, den Philharmonikern die berührendsten und die aufregendsten Klänge zu entlocken. Diese großartige Interpretation erweckt Vorfreude auf die bevorstehenden „Ringe“ mit diesem aussergewöhnlichen Kapellmeister.

Eine hörbare Steigerung war bei Gun-Brit Barkmin in der Titelrolle zu erleben. Sie mutierte von einer guten zu einer hervorragenden Salome, die den Vergleich mit den erfolgreichsten Kolleginnen – wie Camilla Nylund, Angela Denoke und Nina Stemme – nicht scheuen muss. Ihr technisch guter, in allen Lagen angenehm klingender Sopran bewältigte die vielfältigen Gefühlslagen und Stimmungen überzeugend, zeigte nur in den extrem hysterischen Situationen eine durchaus authentische Schärfe und ließ beim Ausflug ins Alt Assoziationen zum „Totenreich“ der Ariadne aufkommen. Alles in allem eine gesangliche und darstellerische Spitzenleistung.

Auch der Jochanaan überzeugte in der zweiten Vorstellung noch mehr und zeigte in der Beschreibung von Jesus eine warmherzige Anbetung, die besonders von dem sonst so gnadenlosen Ankläger stimmlich unglaublich berührend gestaltet wurde. Auch darstellerisch zeigte Alan Held den geschundenen, aber ungebrochenen Apostel, der eifernd predigt, der mitfühlend wirbt, der aber auch rücksichtslos verflucht – eine komplexe Darstellung einer komplexen Persönlichkeit!

Glücklicherweise konnte das Königspaar auf Augenhöhe mitspielen – Herwig Pecoraro ist wohl heute neben Gerhard A. Siegl der bestmögliche Herodes. Überzeugend stellt er eine Macht und Schrecken gebietende Persönlichkeit auf die Bühne, die durch die offensichtliche, geistige Verwirrung und die ungezügelte Geilheit noch bedrohlicher, aber auch interessanter wirkt. Sein beweglicher Charaktertenor mit heldentenoralem Ausmaß ist in dieser Rolle ideal – sein „Man töte dieses Weib“ hört man wahrscheinlich hinüber bis ins Sacher! Iris Vermillion gab als Herodias kräftig contra und war diesmal nicht nur darstellerisch, sondern auch stimmlich sehr präsent. Eine hysterische Furie als Ergänzung zum verrückten Herrscher – also einfach „die liebe Familie“.

Carlos Osuna sang stimmgewaltig und wortdeutlich, aber mit sehr starkem Vibrato, den Narraboth; Ulrike Helzel war der traurige Page mit schöner, technisch guter Stimme und bewegendem Ausdruck.

Dank detailreicher, temperamentvoller Interpretation wurde das Judenquintett zu einem der vielen Höhepunkte. Thomas Ebenstein, Peter Jelosits, Jinxu Xiahou, Benedikt Kobel und Ryan Speedo Green waren die spitzzüngigen Streiter um die Wahrheit des Glaubens; Alexandru Moisiuc und Rafael Fingerlos gaben die beiden Nazarener schönstimmig. Wolfgang Bankl stellte als 1. Soldat eine Luxusbesetzung dar; Ayk Martirossian (2. Soldat), Johannes Gisser (Kappadozier) und Thomas Köber (Sklave) komplettierten die kleinen Rollen.

Trotz dieser wunderbaren Gesangsleistungen wird der unglaublich eindrucksvolle Orchesterklang mit den vielen interessanten Details langfristig in Erinnerung bleiben – dafür sei dem einzigartigen Strauss – Kenner/Könner Peter Schneider herzich gedankt!

Maria und Johann Jahnas

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