Der Neue Merker

Wien/ Staatsoper: SALOME – die „die Zweihundertneunundzwanzigste“

WIEN/Staatsoper: SALOME – „die Zweihundertneunundzwanzigste“
am 16.9. 2017 (Karl Masek)

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Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Iris Vermillion. Copyright: Wiener Staatsoper/ Pöhn

Knapp 45 Jahre und 228 Aufführungen hat sie tatsächlich schon auf dem Buckel, die Inszenierung von Boleslaw Barlog (1906 – 1999) in der zeitlosen Jugendstilausstattung von Jürgen Rose,  Premiere 1972. Dass mir nur ja keiner auf die Idee kommt, diese stilbildende Arbeit zu „skartieren“ (Österreichisches Beamten-Deutsch für: ‚Alte Akten aussondern und vernichten‘)! Denkmalschutz ist angesagt für diese kultige Inszenierung…

„Die 229.“ sollte ursprünglich der Kanadier Yannick Nézet-Séguin dirigieren. Der designierte Musikchef der Metropolitan Opera New York hatte sich seit September 2014 an der Wiener Staatsoper sehr erfolgreich mit Richard Wagner eingeführt (‚Der fliegende Holländer‘ und ‚Lohengrin‘). Daher sah man seinem ‚Salome‘-Debüt mit großem Interesse entgegen. Die Spielzeit 2017/18 begann jedoch mit etlichen Absagen – so auch jener von Nézet-Séguin, der wegen einer Erkrankung passen musste.

Simone Young probt in diesen Wochen für die erste Premiere der Saison (4.10., ‚Der Spieler‘ von Prokofjew). Daher schien es naheliegend, für die musikalische Leitung die vielseitige und routinierte Dirigentin einzuladen, drei Vorstellungen ‚Salome‘ ebenfalls zu übernehmen.

Sie darf man mit Fug und Recht als „Gewusst-wie-Dirigentin“ mit breitem Interessensspektrum bezeichnen. Sie hat ihr Metier von der Pike auf gelernt, begann in ihrer Geburtsstadt Sydney mit Korrepetieren (sie ist auch eine hervorragende Pianistin, wie ihr von allen Seiten attestiert wird).  Von Köln aus startete sie in den achtziger Jahren mit einer Reihe von Assistenzen (u.a. in Bayreuth bei Daniel Barenboim). In dieser Zeit das Berufsziel „Dirigentin“ zu haben, war tollkühn, zumal DAMALS sich die Zunft, ähnlich dem katholischen Priesterstand und dem russischen Präsidentenamt (Despektierliche Anm.: auch dem Orchester der Wiener Philharmoniker, DAS hat sich jedoch zwischenzeitlich geändert!) als eine der letzten männlichen Bastionen verstand, so Rupert Schöttle mit feiner Ironie in seinem Buch ‚Die Weisheit der Götter – Große Dirigenten im Gespräch‘, erschienen 2016 im Verlag styria premium. Eine Art „Wegbereiterin“ wurde sie für künftige hochbegabte Dirigentinnen …

Young hat mit Können, Disziplin und Selbstbewusstsein Karriere gemacht. An der Wiener Staatsoper hat sie seit 1993 (Debüt mit ‚La Boheme‘, meine erste ‚Begegnung‘ war 1995 in einer schneidigen Vorstellung von ‚Rigoletto‘ mit  Leo Nucci, Roberto Alagna und Andrea Rost) 30 Opern an 155 Abenden dirigiert, darunter 1999 die Premiere ‚La Juive‘ mit Neil Shicoff (die Kultstatus erreichte) und etliche Werke, die an vielen Opernhäusern als „Chefstücke“ gelten (u.a. mehrmals den „Ring“, sowie ‚Meistersinger‘, ‚Frau ohne Schatten‘, ‚Elektra‘ – und eben ‚Salome‘, seit 1995 zehnmal!).

Kaum zurück von einer Tournee mit Mahlers ‚Sechster‘ (als Wiener Philharmoniker), legte das Wiener Staatsopernorchester vom ersten Klarinettenlauf  und Narrbaoths „Wie schön ist die Prinzessin Salome heute nacht“  mit Volldampf los. Der Schwerpunkt lag diesmal weniger an orientalistischem Kolorit als auf der Betonung der damals unerhört wilden Tonsprache voll raffiniert gefärbter Erotik. Und einer rasanten, accelerandobetonten Tempodramaturgie, die Simone Young mit sachlicher, klarer Gestik, souveräner Disposition, aber auch temperamentvoll vorgab. Mit Verve stürzte sich das Orchester in die Klangwellen, spielte die Höhepunkte entfesselt aus, griff dabei auch ordentlich in die Vollen, was gelegentlich zuviel des Guten war.
Die Sänger/innen auf der Bühne mussten teilweise stark forcieren, um in den Klangfluten nicht unterzugehen.

Gun-Brit Barkmin war einmal mehr die ‚Salome‘. Sie ließ sich als erkältet ansagen. Das war vermutlich aus Sicherheits- oder psychologischen Gründen so. Sie klang nicht die Spur indisponiert oder beeinträchtigt, bewältigte die enormen Schwierigkeiten der Rolle souverän, auch die Kellertiefen beim ‚Wie schwarz es da drunten ist…‘ bewältigte sie ziemlich souverän, steigerte sich in der zentralen Szene mit dem Propheten enorm, gestaltete einen grandiosen Schlussgesang. Erfreulicherweise waren auch keine Spätfolgen der stimmlichen Strapazen nach Reimanns  Salzburger „Lear“, wie ich befürchtete, zu merken. Die Stimme klang erfreulich ausgeruht. Einzig der Schleiertanz blieb relativ verhalten.

Ein Rollendebüt gab es: Željko Lučić, der imponierende Verdi-Bariton, sang erstmals in Wien den ‚Jochanaan‘. Schon aus der Zisterne war er markig vernehmbar. Machtvoll und mit Kraft begann er schon mit „Wo ist er, dessen Sündenbecher jetzt voll ist...“. Er muss ja ständig gegen das volle Orchester ansingen, was ihm eindrucksvoll gelang. Kleiner Einwand: Auch wenn der Prophet von der Gefangenschaft in der Zisterne gezeichnet ist, ist seine Persönlichkeit nicht gebrochen. Das müsste in einer weniger gebeugten Haltung und „Körpersprache“ zum Ausdruck kommen, wenn er aus der Zisterne steigt. Was mit der Abendspielleitung für die beiden Folgevorstellungen zu besprechen wäre.

Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, landauf, landab ‚Herodes‘ und ‚Mime‘ vom Dienst, profilierte sich der aus Salzburg stammende Tenor einmal mehr als gute Alternative zur Hausbesetzung des Tetrarchen mit ‚unserem‘ Herwig Pecoraro.  Iris Vermillion ist eine persönlichkeitsstarke und auch stimmelegante Herodias. Keine ausgesungene Hochdramatische! Carlos Osuna musste als unglücklicher Narraboth ans Limit gehen,  um gut hörbar zu bleiben. Die Hochtöne , etwa bei ‚Sie ist wie eine verirrte Taube‘, erklomm er mit Anstand.  Ausgezeichnet der besorgte Page der Ulrike Helzel und die fünf höchst präzisen Juden (Thomas Ebenstein, Peter Jelosits, Jinxu Xiahou, Benedikt Kobel und Ryan Speedo Green), profund und wortdeutlich die beiden Soldaten (Wolfgang Bankl, Sorin Coliban – der vermutlich auch der bessere Erste Nazarener gewesen wäre als Alexandru Moisiuc mit wenig balsamischen Tönen. Rafael Fingerlos (Zweiter Nazarener) empfiehlt sich schön langsam für größere Rollen.

Am Ende eine durchwegs stark akklamierte Vorstellung.

Karl Masek

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