Der Neue Merker

WIEN / STAATSOPER: „RUSALKA“ – eine Sternstunde

WIEN / STAATSOPER: „RUSALKA“ am 28.10.2017

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Krassimira Stoyanova, Dmytro Popov. Copyright: Wiener Staatsoper/ Mihael Pöhn

Die tschechische Märchenoper aus dem Reich der Wasserwesen wird in der Wiener Staatsoper auf erfreulich hohem Niveau dargeboten. Dies ist vor allem einer Reihe von hervorragenden, tschechischen Kapellmeistern zu danken, die diese ergreifende Musik mit der Muttermilch aufgenommen haben. In der Premierenserie im Jänner/Februar 2014 konnten wir noch den leider viel zu früh von uns gegangenen Jiri Belohlavek bewundern; in der Folge leitete Tomas Netopil zwei aufsehenerregende Serien und derzeit zeigt uns Tomas Hanus, dass wir auch in Zukunft nicht auf authentische Interpretationen dieser so vertrauten Musik verzichten müssen. Besonders hier in Ostösterreich, wo viele Opernbesucher im Stammbaum einen Wurzelstrang nach Böhmen haben, berühren diese Klänge ganz tiefe Schichten der persönlichen Gefühlswelt und zeigen, dass die Erweiterung des menschlichen und kulturellen Horizontes eine Bereicherung und nicht eine Bedrohung darstellt.

Die Wiener Philharmoniker – inzwischen auch eine multikulturelle Ansammlung von hervorragenden Musikern – folgten dem temperamentvollen, dynamischen Dirigat von Tomas Hanus, der auch die gefühlvollen Szenen umsichtig betreute. Es wurde kein Sänger zugedeckt und in den intensiveren Passagen wurde der Ausdruck der Solisten eindrucksvoll unterstützt.

Die glücklose Wassernixe Rusalka wurde wieder – wie schon in der Premierenserie – von Krassimira Stoyanova mit herrlichem Ausdruck in allen Gefühlslagen, schön und technisch perfekt gesungen. Ebenso beeindruckend ist die schauspielerische Leistung – sie verführt uns zum Mitträumen und zum Mitleiden und gestaltet besonders die Szenen mit dem Väterchen Wassermann zu gefühlsmäßigen Eruptionen. Jongmin Park, der auch in der letzten Serie den Wassermann sang, hat sich nochmals gesteigert: Von einer sehr guten auf eine sensationelle Interpretation. Die machtvollen Sequenzen waren immer schon beeindruckend; jetzt greifen die zarten, gefühlvollen Stellen mitten ins Herz. Diese große metallische Bassstimme ist zu unglaublich warmen, schmeichelnden Tönen fähig – wir sind begeistert! Der berührende Eindruck des Liedes des Wassermannes lebt aber nicht nur von den gehauchten Piani und der Leidenschaft in der Stimme von Jongmin Park, auch die einfühlsame musikalische Leitung von Tomas Hanus und das perfekt spielende Staatsopernorchester haben großen Anteil und verdienen höchsten Respekt.

Neben diesen beiden Superstars haben es die anderen Gesangssolisten natürlich nicht leicht, eine beeindruckende Rollengestaltung zu zeigen. Erstaunlicherweise bieten aber alle Akteure zumindest eine sehr gute Leistung, sodass wir durchaus von einer Sternstunde berichten können.

Dmytro Popov sang in dieser nun abgelaufenen Serie  erstmals den Prinzen und ließ seine schön timbrierte, technisch gute, höhensichere Stimme mit der für die tschechische/böhmische Musik so gut passenden „Träne im Knopfloch“ hören. Er war wesentlich besser als in der ersten Vorstellung disponiert – seine Stimme klang sicherer, lockerer und damit auch schöner und so konnte er die guten Leistungen von seinen ersten Auftritten  in der Wiener Staatsoper (La Boheme und La traviata) eindrucksvoll bestätigen.

Die Hexe Jezibaba wurde von Monika Bohinec schön und sicher, aber vielleicht etwas zu wenig bedrohlich gesungen – besonders die Szenen aus der oberen Etage klangen etwas beiläufig. Elena Zhidkova lieferte wieder eine eindrucksvolle Studie der eiskalten, hochmütigen „Fremden Fürstin“ ab und unterstrich diesen Eindruck mit einer imposanten gesanglichen Darstellung.

Die Besetzung und besonders die stimmliche Zusammenstellung der drei Elfen stellt wieder ein Kompliment für das  Ensemble der Wiener Staatsoper dar. Ileana Tonca, Ulrike Helzel und Margaret Plummer sangen hervorragend und gaben diesen verspielten Waldwesen auch darstellerisch ein märchenhaftes Profil. Warum sie den armen Küchenjungen in dieser Inszenierung verspeisen müssen, haben wir noch immer nicht begriffen.

Gabriel Bermudez und Stephanie Houtzeel als Heger und Küchenjunge sind nicht nur gesanglich, sondern auch darstellerisch seit der Premiere in fast allen Vorstellungen ein eingespieltes, routiniertes Team auf hohem Niveau; Rafael Fingerlos war erstmals der Jäger.

Die Inszenierung von Sven-Eric Bechtholf strahlt zwar eine Eiseskälte aus, ist aber sehr praxistauglich und verzichtet glücklicherweise auf Umdeutungen und Belehrungen. Es wird die märchenhafte Geschichte erzählt und in der Musik von Antonin Dvorak geschwelgt – das reicht, mehr ist nicht erforderlich!

Maria und Johann Jahnas

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