Der Neue Merker

WIEN / Staatsoper — Publikumsgespräch mit Dominique Meyer

Wiener Staatsoper
Publikumsgespräch mit Dominique Meyer  
Agrana Studiobühne, Walfischgasse
12. Dezember 2016

'Falstaff', 1. Akt: Ambrogio Maestri in seiner 248. Vorstellung als Sir John Falstaff. Szenenfoto aus der letzten Neuproduktion des Hauses unter der Leitung von Zubin Mehta in einer Inszenierung von David McVicar. © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

»Falstaff«, 1. Akt: Ambrogio Maestri in seiner 248. Vorstellung als Sir John Falstaff. Szenenfoto aus der letzten Neuproduktion des Hauses unter der Leitung von Zubin Mehta in einer Inszenierung von David McVicar.
© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

I.
Diesmal war alles ein wenig anders. Dominique Meyer betrat allein die Bühne und entschuldigte Thomas Platzer wegen eines Spitalsaufenthaltes. (Diesem die besten Wünsche für eine rasche Genesung.)

Der Direktor der Staatsoper streute dem Abwesenden Rosen: »Es ist eine Freude, mit dem Thomas Platzer arbeiten zu dürfen.« Er sei ein treuer Mitarbeiter der Staatsoper, arbeite fleißig. Das Verhältnis mit Platzer sei vom ersten Tag an sehr gut gewesen. »Es ist für mich eine große Erleichterung, so einen Partner zu haben. Wir haben kein Vieraugen-Prinzip, wir haben ein zwei Gehirn-Prinzip.« Die Staatsoper müsse so hohe Einnahmen haben, um ihre Ausgaben bestreiten zu können. Es gebe viel Druck der Politik, doch, so Meyer: »Wir haben nie eine rote Zahl gemacht.«

Die Auslastung der Sitzplätze liege weiterhin über 99 %, bei den Stehplätzen seit Jahren konstant bei ca. 68 bis 70 %.

II.
Neuigkeiten brachte der Direktor von der vergangenen Japan-Tournee mit nach Hause: »Riccardo Muti hat gesagt, daß er gerne zurückkommen wird. Er hat schon einen Titel vorgeschlagen. Den sag’ ich noch nicht, aber ich werde sehen, daß ich das möglich machen kann.« Muti habe in Japan zehn Stunden mit den Sängern gearbeitet, auch und immer wieder an der Aussprache.

III.
Auch Falstaff, der letzten Neuproduktion des Hauses, widmete Meyer gebührend Raum: Er sei mit Falstaff sehr glücklich, hätte aber bei manchen Presseberichten den Eindruck gewonnen, »daß wir nicht die gleiche Vorstellung erlebt haben.«

Die Produktion sei während eines Gesprächs mit Zubin Mehta entstanden, der gemeint hatte, er würde gerne einmal einen »richtigen Falstaff« machen. Meyer habe zugesagt, mit David McVicar Kontakt aufgenommen und die beiden in Florenz zusammengebracht, wo sie sich sofort lebhaft über die Kunst des 15. Jahrhunderts unterhalten hätten. Meyer über McVicar: »Wenn man ihn sieht, glaubt man, er ist nicht sehr gebildet. Er ist sehr gebildet.« Mehta sei sehr charmant gewesen. Nach dem Treffen habe McVicar zu ihm, Meyer, gesagt: »Ich habe nur eine Idee: Ich will den alten Mann glücklich machen.«

Falstaff sei ein wenig langsam geworden: »Das passiert manchmal mit älteren Dirigenten.« Mehta habe mit dem Orchester gut gearbeitet; — mit allen Musikern des Orchesters. Er wollte eine kleine Streicherbesetzung.

Meyer erzählte, er sei in der Jury jenes Gesangswettbewerbs gesessen, in welchem Ambrogio Maestri entdeckt worden sei. Der Kollege des Teatro alla Scala habe Maestris Stimme als »la voce di dio« bezeichnet. Und gesagt: »Den schicken wir gleich dem Muti.« Der Rest ist Geschichte…

Ludovic Tézier kenne man schon gut hier. Auch sei die Basis der Produktion eine Besetzung, mit der Meyer bereits in Paris Falstaff gemacht habe, unter anderem mit Marie-Nicole Lemieux und Paolo Fanale.

Bei den »Mädchen« wollte Mehta unbedingt eine italienische Alice. Zu Hila Fahima äußerte der Direktor, er finde, sie entwickle sich wunderbar: Gilda, Zerbinetta, Fiaker-Milli… »Fahima ist wirklich ein Diamant, ein Smaragd. Ich bin glücklich, daß wir sie haben. Sie macht’s wirklich sehr schön.«

IV.
In den letzten Zeiten habe es schöne Serien gegeben. Dem neuen Macbeth attestierten nun auch die Zeitungen, daß er repertoire-tauglich sei. Simon Keenlyside hatte ein Schilddrüsenproblem, auch Martina Serafin kehrte nach dem Unfall in der Tosca wieder zurück. »Jongmin Park ist ein Beispiel für unsere Ensemble-Pflege.« Park ist 29 Jahre alt. »Alles was er macht, ist gut.«

V.
Im weiteren Verlauf ließ Meyer mit folgender Aussage aufhorchen: »Carlos Alvarez war auch lange krank. Man muß die Leute unterstützen, wenn sie eine schlechte Periode haben. Ich habe ihm La figlia del regimento gegeben, das könnte er auch ohne Stimme singen.«

Dmitri Hvorostovsky habe ihn angerufen und ihm gesagt, er wolle unbedingt den Giorgio Germont singen. Und er habe sein Wort gehalten, auch wenn ihn seine Krankheit dazu nötigte, mit Brille und Stock aufzutreten: »Wir alle hoffen auf seine Genesung.«

VI.
Zum Ballett: Bis jetzt gab es fast nur Wiederholungen und eine Première. Meyer: »Wir hatten im Ballett große Sorgen, weil ein paar Leute sehr glücklich sind. Derzeit gibt es im Ballett zehn Tänzerinnen, die entweder schwanger sind oder vor kurzem Kinder bekommen haben. Zehn von 60 Tänzerinnen, das bedeutet 20 % Ausfall der Truppe.«

»Seit sechs Jahren gibt es jährlich drei bis vier gute Tänzer aus der Schule.« Olga Esina sei relativ groß, so kam früher nur Vladimir Shishov als Partner in Frage. Jetzt sei man glücklich, weil mit der neuen Generation gute und große Tänzer heranwachsen.

»Die Etüde von Czerny mag für das Orchester nicht besonders reizvoll sein, aber: Dieses Stück ist ein Maßstab für das Ballett, weil es technisch sehr schwierig ist.« Und: »Was uns noch fehlt, sind die Ballets Russes.« Deren wichtigstes sei Le Sacre du printemps. Sacre ist die Folge der Arbeit mit John Neumeier an Josephs Legende. Manuel Legris fragte Neumeier, ob er zurückkommen würde. »Wir haben ein Datum und ein Projekt gefunden.«

VII.
Der ORF werde auch in dieser Spielzeit wieder Abende im Haus am Ring aufzeichnen. Die DVD mit Ludwig Minkus’ Don Quixote erscheint nächstes Jahr, die Veröffentlichung dauere ein bißchen. »Wir sind stolz, weil einzig die Opéra de Paris und die Wiener Staatsoper drei Handlungsballette in den Choreographien von Rudolf Nurejew auf DVD anzubieten haben.« Eine Johan Botha gewidmete CD werde bei Orfeo erscheinen. 

VIII.
Laut Ansicht des Direktors funktioniere das Streaming-System sehr gut, auch die Schul-Streams: »Für mich ist es wichtig, weil es ist eine Möglichkeit, mit den Bundesländern zu arbeiten.« Ein weiteres Angebot für die Jungen seien die Kinderkarten im Haus. »Aber man zahlt auch Steuern, wenn man in der Steiermark oder Kärnten ist. Durch das Internet zu kommunizieren kommt sehr gut an, funktioniert sehr gut.«

IX.
Diesmal war alles ein wenig anders…

Nach knapp einer Stunde kam Meyer auch auf das die Kultur- und Kommentarseiten der Presse beherrschende Thema dieser Tage zu sprechen — die Ausschreibung der Position des künstlerischen Geschäftsführers der Wiener Staatsoper GbmH.: »Ich freue mich, hier zu sein, ich bin in Wien glücklich. Ich liebe die Oper, wie keiner die Oper liebt. Ich kenne jede Ecke des Hauses, ich verteidige das Haus. Ich verteidige die Truppe, und die Truppe verteidigt mich. Wenn ich noch fünf Jahre nach 2020 bekomme, bin ich der glücklichste Mensch der Welt. Ich bleibe dann [auch danach, Anm.] in Wien, ich will nirgendwo anders sein.«

»Eigentlich möchte man etwas, aber eigentlich ist es eine andere Person, die entscheidet.« Derzeit gebe es alle drei Stunden ein neues Gerücht. Was er wisse, sei, daß bislang nichts entschieden sei.

X.
Dominique Meyer schien nicht ohne Rührung, als er abschließend festhielt: »Eines möchte ich auch sagen: Ich bin extrem glücklich, für so ein Publikum arbeiten zu dürfen. Auch, wenn wir nicht immer alle einverstanden sind. Aber wenn man nach der Première [des Falstaff, Anm.] eine halbe Stunde Applaus bekommt… Es ist sauschwere Arbeit, aber man wird dadurch dafür entschädigt. Und dafür möchte ich mich bedanken.«

Diesmal war eben alles ein wenig anders.

Thomas Prochazka
MerkerOnline
15. Dezember 2016

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