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WIEN/ Staatsoper: PETER GRIMES – packendes Außenseiterdrama

WIENER STAATSOPER: 18.12.2016: PETER GRIMES – Packendes Außenseiterdrama


Stephen Gould. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

 Eingangs ein „Erinnerungsblatt“. Bei der Probenarbeit zur damaligen Erstaufführung an der Wiener Staatsoper (12.2.1996) müssen zwischen Christine Mielitz (Inszenierung) und Mstislaw Rostropowitsch (Musikalische Leitung) die Fetzen geflogen sein. Ioan Holender: „Auf der einen Seite stand Rostropowitsch, der überzeugt war, das Erbe seines Freundes Benjamin Britten bewahren zu müssen, auf der anderen Seite die … von ihrer Sicht nicht weniger überzeugte Christine Mielitz. Den nervösen, stets unsicheren Neil Shicoff durfte man auch nicht vergessen. Zwischen diesen Fronten erlebte ich schwere Wochen…“ Und KS Heinz Zednik (der damals den Bob Boles sang, schildert in seiner Autobiografie, dass die Streitparteien sogar bei einem Privattreffen in seiner Wohnung aneinander gerieten, Shicoff nahe daran war, die Rolle hinzuschmeißen und es nur mit Mühe gelang, einen Eklat zu vermeiden. „… so einen Abend möchte ich als Gastgeber nicht noch einmal erleben“, so Zednik im Buch „Mein Opernleben“.

Es wurde dann schließlich eine packende Musiktheater-Inszenierung, die auch 20 Jahre später im Repertoirebetrieb nichts von ihrer explosiven Brisanz verloren hat. Die Metaphern im Bühnenraum des Gottfried Pilz bleiben plausibel. Suggestiv die beherrschende Uhr, die auf fünf vor zwölf steht, der spitz zulaufende „Neon-Highway“, auf dem sich Peter Grimes zuletzt auf seinen Freitod ins Meer zu bewegt, bedrohliche Wolkenformationen zwischen Grau und Rot. Aunties‘ Pub wie auch ein Kirchenraum sind in äußerster Stilisierung gehalten. Brittens geniale Klangrhetorik wird in nachvollziehbare Bildersprache umgesetzt. Und mir kam vor, da ist auch nach 2 Jahrzehnten noch ganz viel intakt vom Ursprungskonzept der Mielitz.

Der Kampf eines Außenseiters und Sonderlings gegen eine bigotte, missgünstige Spießerwelt in einer Kleinstadt („The Borough“ heißt es im Libretto des Mantagu Slater nach Versen des Georges Crabbe aus dem Jahr 1810) wird offengelegt. Wo Gerede, Gerüchte und Klatsch („Was war wirklich zwischen Grimes und seinen minderjährigen Gehilfen?“) ausreichen, um von „Peeping Toms“ (= Gaffern, Voyeuren, Aufwieglern und Hetzern) Menschenjagden zu inszenieren. Und diesen beziehungsunfähigen Außenseiter und jähzornigen Sonderling nach 2 Todesfällen mit Lehrjungen – ohne „Unschuldsvermutung“ – in den Selbstmord zu treiben.

Unschwer zu erkennen, dass Britten – der sich lebenslang als Außenseiter sah –  auch schmerzlich Autobiografisches in sein Opernschaffen einfließen ließ. Als einer, der „anders“ war: Der Junge, der als Schüler gegen die Prügelstrafe auftrat, als das in Internaten noch als probates Erziehungsmittel galt. Der vielleicht (nur Gerücht oder doch mehr?) Missbrauchsopfer war. Der linke Pazifist und Kriegsdienstverweigerer in einer unheilvollen Zeit. Der Homosexuelle, als das in England (bis 1967) noch ein Strafdelikt war. Der geniale Opernerstling geht aber musikalisch über Biografisches weit hinaus. Da gibt es ein Füllhorn an markanten, eindringlichen Höhepunkten. Allein die orchestralen Zwischenspiele haben kaum Vergleichbares in der Operngeschichte. Der Britten-Spezialist  Norbert Abels bringt‘s auf den Punkt: „Die Interludes geraten zu Psychogrammen der Dialektik von Seele und Meer“.

 Das Meer ist Protagonist. Grau – und nicht sonnendurchflutet wie bei Debussy, bedrohlich der Ebbe-Flut-Wechsel und die Wetterkapriolen im Fischeralltag am Atlantik (atemberaubend die Sturmmusik!). Man meint, das Salzwasser zu riechen und zu schmecken. „Seele und Meer“: Die Kleinstadtbewohner haben musikalisch „Seele“. Auch die Bösen werden nicht musikalisch denunziert, sondern höchst differenziert geschildert. Wenn sie dem eintönigen Spießeralltag kollektiv orgiastisch „davontanzen“: Hier lässt Britten Jazzelemente und Tanzmusikpartikel der zwanziger und dreißiger Jahre einfließen. Entfesselt, diese Pub-Szene.

Berührend das melancholische Quartett der gedemütigten Frauen „Do we smile or do we weep or wait till they sleep“ mit Flötengirlanden, die sich abwärts schlängeln, wie betrunken taumelnd. Die große Szene Grimes‘ mit dem toten Jungen schnürt einem die Kehle zu.

Stephen Gould ist mit einer singdarstellerischen Glanzleistung ein kongenialer Nachfolger des „Großmeisters der pathologischen Charaktere auf der Opernbühne“, Neil Shicoff. Im Gegensatz zu diesem ist er aber auch äußerlich kraftstrotzend und mit schier unendlicher Stimmkraft und bombensicheren Höhen auch heldentenoral auftrumpfend. Doch auch, wie‘s „drinnen“ in diesem bindungsängstlichen Einzelgänger aussieht, vermittelt er mit großer Sensibilität. Die Schwerfälligkeit, die jähen Stimmungswechsel (mit Euphorieschüben, in Erwartung des großen Fischfangs), den Jähzorn, der ihn die seelenvolle Ellen schlagen und den Jungen grob behandeln lässt, aber auch Anflüge von Zartheit bringt er mit bisher nicht mit ihm assoziierten Schwebetönen meisterhaft über die Rampe. Die erstickten, leisen Töne des wahnsinnigen Grimes, die am Schluss immer mehr in Sprechgesang übergehen, waren unter die Haut gehend.

Für die vorgesehene südafrikanische Sopranistin Elza van den Heever sprang die britische Sängerin Judith Howarth als Ellen Orford ein. Anscheinend  so kurzfristig, dass sie am abendlichen Programmzettel noch gar nicht vorkam. Nur der rosa Zettel informierte jene, die auch immer im Foyer genau auf die Besetzungen schauen (Eine Ansage vor dem Vorhang wäre professionell gewesen!). Sie ist Mitglied am ROH Covent Garden London, weist eine große Repertoire-Bandbreite auf – und hat die Ellen Orford u.a. auch an der Deutschen Oper Berlin gesungen. Mit großer Bühnenpräsenz gestaltete sie die unglückliche Lehrerin mit dem Helfersyndrom. Ihr satt strömender Sopran (mitunter etwas viel Tremolo!) hat großen Tonumfang, der mühelos auch in Mezzoregionen reicht. Sogar sie bringt den aus dem Waisenhaus geholten John (Grimes‘ Lehrling) nicht dazu, ihr etwas zu erzählen (Samuel Ellmauer, beklemmend gut in der stummen Rolle).

Brian Mulligan war der Kapitän Balstrode, der Grimes zur Ehe mit Ellen rät, damit das Gerede im Ort aufhört und dann am Ende Grimes hilft, das Boot (zum Versenken) ins Meer hinaus zu schieben. Ein dunkler, ausnehmend schön timbrierter Bariton, den man gern auch in anderen Rollen hören würde.

Eine perfekte Ensemble-Leistung kam von den „Borough“-Einwohnern und den Pub-Gästen. Monika Bohinec, die bärbeißige Wirtin Auntie, die beiden „Nichten“ (Simina Ivan und Margaret Plummer), der methodistische Eiferer und Hetzer Bob Boles (Norbert Ernst), Richter Swallow mit lüsternen Anwandlungen (Wolfgang Bankl), die drogensüchtige Mrs. Sedley (Donna Ellen), der Apotheker und Drogenbeschaffer Ned Keene (Morten Frank Larsen): Sie alle waren mustergültig präzise.

Carlos Osuna (Horace Adams, Pfarrer) und Sorin Coliban (Hobson, der Fuhrmann und Eintrommler) waren Luxusbesetzungen in Kleinrollen.

Große Klasse der Chor der Wiener Staatsoper (Einstudierung: Thomas Lang). Durchschlagskräftig und klangmächtig!

Dirigent Graeme Jenkins waltete souverän und mit großer Umsicht seines Amtes. War auch bei kompliziertester Polyphonie und heftigsten Klangballungen immer punktgenau mit Chor und Solisten zusammen. Das Orchester der Wiener Staatsoper glänzte mit perfektem Sound, herrlichen Soli (die Viola sei besonders hervorgehoben, ebenso die viel beschäftigten Flöten) und war an diesem Abend wahrhaft philharmonisch.

Jubel vor allem für Stephen Gould und das Orchester; Bravi bei den „Gesamtvorhängen“, inklusive Chor, für eine höchst spannende Aufführung.

 

Karl Masek

 

 

 

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