Der Neue Merker

Wien/ Staatsoper: PETER GRIMES – Die Seele im Ozean der Gefühle

Wiener Staatsoper

DIE SEELE IM OZEAN DER GEFÜHLE: “PETER GRIMES“GING UNTER DIE HAUT (13.12.2016)

gri
Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Die wohl am meisten gespielte Oper von Benjamin Britten „Peter Grimes“ wurde zum ersten Mal in London – im Sadler’s Wells  – im Juni 1945 gegeben : ein Monat nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Und vordergründig ging es in diesem Werk, das Britten zum Durchbruch als Opernkomponist verhalf, so gar nicht um weltpolitische Betrachtungen. Doch die Partitur von „Peter Grimes“ verrät Anderes.

In der Geschichte über einen vom Schicksal heimgesuchten Fischer an der englischen Küste mit Namen Peter Grimes erlebt man die emotionalen Turbulenzen wie bei einem Orkan inmitten eines Ozeans der Gefühle. Die Seele wird herumgewirbelt wie ein Fischerboot auf stürmischer See. Und in der modernistischen Neonlicht-Inszenierung von Christine Mielitz (Bühne Gottfried Pilz) aus dem Jahr 1996 beweist der englische Spezialist für zeitgenössische Musik Graeme Jenkins, dass die zweite Oper von Britten zu den großen Werken der Opernbühne gehört. Er spornt das exzellente Orchester der Wiener Staatsoper und den phänomenalen Chor der Wiener Staatsoper (Leitung Thomas Lang) zu Höchstleistungen an. Außerdem hat er mit dem für Wien neuen Hauptdarsteller – Stephen Gould in Bestform –  und einem grandiosen Ensemble die idealen Bedingungen für den Nachweis, wie sehr diese Oper unter die Haut geht. Wenn das Stück beginnt, nimmt man  zunächst an einer Gerichtsverhandlung gegen Peter Grimes teil: er wird beschuldigt, seinen Lehrling umgebracht zu haben. Nur knapp entgeht er einer Verurteilung. Doch die Gerüchteküche einer bigotten, scheinheiligen Gesellschaft kommt nicht zum Erliegen. Und als sein nächster Lehrling ebenfalls tödlich verunglückt, sieht der Fischer keinen andren Ausweg als Selbstmord auf offener See.

Es geht also um Vorverurteilung, um Latenz, um den andersartigen „Anderen“-also ein höchst aktuelles Themen-Bündel auch 72 Jahre nach der Uraufführung. Und die Vorstellung der Wiener Staatsoper beweist höchstes Niveau. Peter Grimes (sein Name erinnert laut Langenscheidt an grimmig und verbrecherisch) in der Darstellung von Stephen Gould ist ein simpler, etwas naiver „Kraft-Lackel“, zweifellos ein Sonderling, der zum Alleinsein verurteilt ist und zu spät in Ellen – sehr sympathisch und mit Belcanto-Qualitäten dargestellt von der Südafrikanerin Elza van den Heever – eine echte Partnerin finden könnte.  Gesanglich erinnert der US-Heldentenor  übrigens an Ion Vickers. Seine schier unerschöpflichen Kraftreserven sind derzeit wohl konkurrenzlos, die Piano-Phrasen „sitzen“.

Großartig auch das übrige Ensemble: der amerikanische Bariton Brian Mulligan ist ein idealer Balstrode, Monika Bohinec eine witzige Auntie, Simina Ivan und Margaret Plummer sind ein köstliches Nichten-Duo. Der Österreicher Norbert Ernst beweist als Bob Boles einmal mehr, wie man eine Nebenrolle in eine Hauptrolle verwandelt. Wolfgang Bankl ist einmal mehr ein „lüsterner“ Swallow, Donna Ellen eine resolute Mrs. Sedley, Carlos Osuna ein scheinheiliger Reverend und Morten Frank Larsen ein attraktiver Ned Keene. Positiv fällt auch erneut Sorin Coliban als Hobson auf. Immerhin bereits die 37.Vorstellung von „Peter Grimes“ – und in einer Form, die in die Staatsopern-Annalen eingehen wird. Leider muss man diesmal das Publikum kritisieren. Nicht ausverkauft und dann noch Flucht-Tendenzen während der Vorstellung. „Peter Grimes“ ist offenbar etwas für wirklich Anspruchsvolle. Die kommen dafür aber voll auf ihre Rechnung.

Peter Dusek

Diese Seite drucken