Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: PELLÉAS ET MÉLISANDE

WIEN/ Staatsoper: „PELLÉAS ET MÉLISANDE“am 30.6.2017

'Pelléas et Mélisande', 3. Akt: Der eifersüchtige Golaud (Simon Keenlyside) befragt seinen Sohn Yniold (Maria Nazarova) über das Verhältnis von Pelléas und Mélisande © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

»Pelléas et Mélisande«, 3. Akt: Der eifersüchtige Golaud (Simon Keenlyside) befragt seinen Sohn Yniold (Maria Nazarova) über das Verhältnis von Pelléas und Mélisande
© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Ein Bekannter, der, nachdem ihn seine Frau verlassen hatte, noch am selben Abend spontan eine Aufführung von Pelléas und Mélisande besuchte, schrieb uns nachher in einem Brief: „Während des Opernabends kam ich immer mehr zur Einsicht, ich hätte in meiner Ehe viel mehr aussprechen müssen.“ Klärende Worte kommen auf Schloss Allemonde zu spät und alles nimmt schicksalhaft seinen Lauf.  

In den letzten dreißig Jahren, was der Zeitspanne einer Generation entspricht, konnten wir in Wien – die Klavierfassung „Impressions de Pelléas“ des Centre International de Créations Théâtrales im Odeon mit eingeschlossen – fünf Produktionen erleben. Es erstaunte uns deshalb, dass unter unseren opernerfahrenen Freunden viele diese musikalische Kostbarkeit jetzt zum ersten Mal  erlebt hatten, von vorheriger nervöser Spannung und Unsicherheit begleitet. Vielleicht gerade nach so markanten Verdi- und Puccini-Abenden der Saison verständlich. 

War eine gänzliche Neu-Inszenierung überhaupt notwendig? Ist uns doch das alte Bühnenbild mit seinem beeindruckenden Brunnenbild in guter Erinnerung, aber wahrscheinlich der Materialermüdung zum Opfer gefallen. Im Sinn der in Mode kommenden „historischen Aufführungen“ wäre  nach Salzburger Vorbild eine teilweise Rekonstruktion von Karajans und Schneider-Siemssens erfolgreicher Inszenierung ebenfalls denkbar. Dieser unauslöschlich in unsrem Gedächtnis eingeprägte Premierenabend am 6. Jänner 1962 war unsre Erstbegegnung mit Debussys Werk. Eine neue Offenbarung! Wir sahen vor diesem Abend mit der für die Jugend typischen Bestimmtheit in Wagner und Strauss den Höhe- und Endpunkt des musikalisch Erreichbaren. Über die neue Inszenierung und Ausstattung (Regie, Bühne und Licht Marco Arturo Marelli, Kostüme Dagmar Niefind)  war viel Negatives zu lesen. Jeder Zeitabschnitt hat seine guten und schlechten Seiten, seine Stärken und Schwächen, seine Vorlieben, seine Einseitigkeiten, Übertreibungen, und Torheiten. An dieser Produktion gefällt uns, dass sie ein typisches Kind gerade dieses Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts ist, was auch immer man an ihr beanstanden kann. So gesehen lässt uns diese Adäquatheit die Inszenierung gutheißen.

Alain Altinoglu ist der berufene Mann nach einem Vierteljahrhundert die Klänge Debussys mit dem Orchester der Wiener Staatsoper  in seinen Feinheiten wieder erklingen zu lassen. Gefreut haben wir uns auf die Mélisande der Olga Bezsmertna. Leider sind bei der willensstarken und zielbewussten  Künstlerin, die an Wagner- und Strauss-Rollen denkt,  die dramatischeren Passagen oft noch immer  zu unruhig und verlieren an Wohllaut. Wenn Golaud das Fehlen des Hochzeitsrings an der Hand Mélisandes entdeckt, wenn er seinen Sohn zwingt seine Frau und seinen Halbbruder zu bespitzeln und in der Sterbeszene Mélisandes erleben wir mit Simon Keenlyside großes Musiktheater, deshalb schämen wir uns fast  seine Schwächen in der Tiefe anzukreiden. Eine erfreuliche Wiederbegegnung als Pelléas gab es mit Adrian Eröd, dem wir bereits vor vielen Jahren zu seinem Pelléas-Debüt nach Linz nachgereist sind. Eine mit Bedacht gewählte Besetzung war auch der König Arkel mit Franz-Josef Selig. Blass blieb an diesem Abend die Geneviève der Bernarda Fink. Da haben wir uns eine voller tönende Stimme erwartet. Maria Nazarova als Yniold brillierte und ließ mit ihrer Sicherheit in der Tonbildung  aufhorchen.  Leider wird sie durch die Regie wieder zu Übertreibungen verführt, die nicht zu ihrem Markenzeichen werden sollten. Die Rolle des Arztes (Marcus Pelz) bietet leider weniger Möglichkeit einer Profilierung als die von Verdis Dr. Grenvil.

Bei der Überfülle einer übersättigten Symbolik stürzt gar viel an (Be)Deutungen auf das Publikum ein. Das ist mit einer Inszenierung nicht zu bewältigen.

Lothar und Sylvia Schweitzer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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