Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: PARSIFAL (dritte Vorstellung der Serie)

WIEN / Staatsoper: PARSIFAL am 06.04.2017

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Nina Stemme, Christopher Ventris, Jochen Schmeckenbecher. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Der neue Parsifal kommt mit der dritten Vorstellung in die Routine und der leidenschaftliche Wagnerianer muss lernen, mit dieser eigentümlichen Inszenierung zu leben – wenn er auf eines der bedeutendsten Werke der Opernliteratur nicht verzichten möchte. Als konservative Besucher schätzen wir das Genie Richard Wagners und die Aussagen in seinem letzten Bühnenwerk, in dem er seine Weltsicht und seine religiöse Ausrichtung in Form eines Bühnenweihfestspieles zum Ausdruck brachte. Wagners Aussagen über die Natur und über die Liebe sind so tiefgründig und interessant, dass sie durch Interpretationen von Regisseuren wie Alvis Hermanis oder dergleichen weder erklärt noch verändert werden müssen. Die Verlegung ins Otto Wagner Spital in Wien um 1900 funktioniert im ersten Akt noch so-la-la; ab dem Klingsor-Akt waren offensichtlich die Regieeinfälle aufgebraucht und es herrschte nur noch Lächerlichkeit und Peinlichkeit. Positiv kann vermerkt werden, dass mit dem doch recht hübschen Bühnenbild leichter als beim grottenhässlichen Mielitz-Parsifal das Kopfkino bedient werden kann. Auch sind die extremen Ärgernisse der Vorgängerinszenierung (Menschenopfer, Gralsritterballet,  aus dem Sarg rollende Titurel-Mumie, zerbrochener Gral…) glücklicherweise Vergangenheit – somit konstatieren wir, ganz persönlich, eine leichte Verbesserung.

Nachdem Maestro Semyon Bychkov seit der Premiere zu einem etwas dynamischeren Dirigat gefunden hat, kann man für sich aus der wunderbaren Musik, dem tiefsinnigen Text und dem hübschen Bühnenbild ein befriedigendes Opernerlebnis gestalten. Das Staatsopernorchester hat detailreich und virtuos, mit glitzernden Streichern und imposantem Blech, einen perfekten Teppich für die hervorragenden Gesangssolisten gelegt. Der Staatsopernchor sorgte trotz lächerlicher Verkleidung für ergreifende Klänge.

Gerald Finley singt in deser Serie erstmals in Wien den Amfortas und zeigt uns einen leidenden König, dessen „Erbarmen“ aus tiefster Seele kommt. Mit edel klingendem Bariton und berührenden Gesten (z.B.: dem forschende Blick auf Parsifal nach der Gralsenthüllung) erzielt er starke Wirkung.

Nachdem Rene Pape für die ersten beiden Abende eingesprungen ist, übernahm für den Rest der Serie Kwangchul Youn die Rolle des Gurnemanz. Routiniert und in guter stimmlicher Verfassung führte er die Gralsgesellschaft (bzw die Abteilung der guten Ärzte) durch die Geschichte. Sein stark vibrierender Bass klingt warm und schön und zeigt in dieser Monsterpartie kaum Abnützung oder Ermüdung. Profunde Tiefen, zarte Höhen im Piano und beeindruckende Wortdeutlichkeit sind die Merkmale dieser großen Stimme.

Der Titurel sang komplett aus dem Off und war dank des mächtigen Organs von Jongmin Park klar und deutlich hörbar; Monika Bohinec produzierte als Stimme von oben aus dem Luster psychedelische Klänge.

Jochen Schmeckenbecher war der Chefarzt der bösen Ärzte, erweckte Assoziationen zu Dr. Frankenstein und war wohl am stärksten von den Peinlichkeiten der Regie betroffen. Trotzdem sang er den Klingsor makellos mit schönem Timbre und kräftigem Ausdruck.

Der Parsifal ist eine Paraderolle von Chistopher Ventris. Er vermittelt sowohl den törichten Knaben als auch den selbstbewussten Erlöser mit Überzeugung – ein Parsifal mit schönem, belastbarem Tenor, dem das „du weinest, – sieh! Es lacht die Aue!“ und das „Den heil’gen Speer – ich bring ihn euch zurück!“ mit liebevoller Hingabe gelingt.

Nina Stemme war zwar in dieser Produktion erstmals in Wien die Kundry, alles andere als eine fulminante Rollengestaltung wäre aber eine Überaschung gewesen. Mit überragender Technik gelingen ihr die atemberaubendsten Töne, irre Schreie und zärtlich werbende Verführung mit immer schön klingender Stimme. Sie ist derzeit wohl die eindrucksvollste Hochdramatische für Wagner und Strauss und bewies mit klarer, flexibler Stimme intensiven Ausdruck in allen Stimmungen und Lagen – einfach großartig!

Die Blumenmädchen – Ileana Tonca, Olga Bezsmertna, Margaret Plummer sowie Hila Fahima, Carolin Wenborne und Ilseyar Khayrullova – wurden als Zombieballet von der Regie ad absurdum geführt und konnten trotz ansprechendem Gesang keinen authentischen Ausdruck vermitteln – eine Szene, die in Zukunft nur mit geschlossenen Augen genossen werden sollte. Dies gilt auch – glücklicherweise auf höchstem musikalischem Niveau – für den Karfreitagszauber. Zur Beschreibung und Erklärung dieser überirdisch schönen Musik wurde ein halbhoher Vorhang mit der Projektion einer nichtssagenden Aulandschaft angeboten – einfach armselig!

Clemens Unterreiner gestaltete einen ausdrucksvollen Oberarzt und wurde am Theaterzettel irrtümlich – wie auch Benedikt Kobel – als Gralsritter angekündigt. Die Krankenschwestern Ulrike Helzel und Zoryana Kushpler, aber auch die Pfleger Thomas Ebenstein und Bror Magnus Todenes werden in dieser Produktion Knappen genannt.

Die gute Nachricht des Abends ist, dass sich die musikalische Qualität seit der Premiere zu einem erfreulich hohen Niveau gesteigert hat. Trotzdem beklagen wir, dass inzwischen zwei der drei Heldendramen aus dem Umfeld von König Artus Tafelrunde sinnentleert wurden: Lohengrin im Bierlokal und jetzt Parsifal aus der Klappsmühle mit angeschlossener Pathologie ist ärgerlich. Einzig bei Tristan und Isolde von David McVicar ist ein respektvoller Umgang mit dem Meisterwerk erkennbar. Wie will man einer nachfolgenden Besuchergeneration die Begeisterung zu den Meisterwerken der Opernliteratur vermitteln, wenn Miss- und Fehldeutungen den Blick auf das Original verstellen.

Maria und Johann Jahnas

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