Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: PARSIFAL – dritte Aufführung. Schade ums Geld!

WIENER STAATSOPER, 6. März 2017

Richard Wagner: Parsifal

Schade ums Geld!

24_Parsifal_Szene Spital x~1
Parsifal und die Blumenmädchen. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Die Premierenkritiken der bereits im Vorfeld sehr diskutierten Premiere von Richard Wagners Parsifal sind geschrieben und stehen online. Den Ausführungen meiner Kollegin Renate Wagner im Online-Merker ist nicht allzu viel hinzuzufügen, das Konzept von Alvis Hermanis ist nicht aufgegangen, denn so dilettantisch darf man an dieses zentrale Werk der Opernliteratur nicht herangehen. Doch blenden wir nochmals zurück. Was Hermanis wollte, hatten die Gazetten im Vorfeld schon zu Papier gebracht:

„Ich hatte die Idee, das Geschehen in das Wien des Fin de Siècle zu verlegen, ins Otto-Wagner-Spital. Wien war in dieser Zeit ein Labor der Moderne, das Silicon Valley unserer Zeit. In der Literatur, der Medizin, den Sozialwissenschaften, der Musik, der Malerei: Auf allen diesen Gebieten wurde damals gewissermaßen nach einem Gral gesucht. Aber es gab auch viel Verstörendes in dieser Zeit: Der Materialismus nahm zu, Spiritualität wurde unwichtiger. Und darum geht es in Parsifal: Um zum Gral zu kommen, zur Erlösung, braucht man die vertikale Dimension der Spiritualität. Die Geschichte dreht sich um die Gemeinschaft der Gralsritter, die krank ist, die nach Heilung sucht. Deswegen macht es Sinn, sie in eine Nervenklinik zu versetzen. Gurnemanz und Klingsor sind hier die Ärzte, die anderen sind Patienten dieser Klinik. Gurnemanz therapiert eher mit homöopathischen Mitteln, Klingsor ist ein zynischer Charakter. Kundry wäre mit ihrer Hysterie wohl eine perfekte Patientin für Sigmund Freud gewesen. Ein weiterer Grund, warum das Otto-Wagner-Spital für den Parsifal so gut passt, ist die Kirche, die im Zentrum des Geländes steht. Otto Wagner hatte ursprünglich die Idee, sie zu einem Komplex für unterschiedliche Religionen auszubauen.“

Interessante Ansätze, ohne Frage. Aber es ist wie immer bei solchen „Über-Drüber-Inszenierungen“! Wenn man einen Einführungsvortrag dazu benötigt um das Operngeschehen auf der Bühne zu verstehen oder wenn man dazu das Programmheft von vorne bis hinten studiert haben muss, dann ist irgendetwas schief gelaufen. So auch bei der neuesten Produktion der Wiener Staatsoper.

Wie sie diese im Repertoirbetrieb bewähren wird, davon konnte man sich bei der dritten Aufführung der Premierenserie überzeugen. Für Wagner-Fans  dürfte es zwar keine Schwierigkeit bereiten die vielen Ungereimtheiten, die sich aus der Diskrepanz zwischen Text und szenischer Umsetzung ergeben, auszublenden. Gelegentliche Opernbesucher und Parsifal-Neulingen werden sich da um vieles schwerer tun. Auf meinem Logennebenplatz brachte ein Besucher seiner Begleiterin vor dem ersten Akt die Handlung näher, ich bewunderte seine „Opernführer-Fähigkeiten“, dachte mir aber – im Wissen was kommen wird – dass die Dame damit nicht viel anfangen wird können. Und so war es auch! Vor Akt 2 hatte er es aufgeben und wir diskutierten nur, um wie viel stringenter die einst so gescholtene Mielitz-Produktion gewesen war.

Gewiss, Hermanis hatte einige nette Ideen umgesetzt, aber wenn man den ganzen ersten Akt nur überlegt, was die zentrale Aussage in diesem Umfeld (mit dem menschlichen Gehirn als Gral) sein solle und man schlussendlich die vierte mögliche Version geistig wieder verwirft und nur noch verärgert ist, dann wird der Abend trotz Wagners genialer Musik zum Ärgernis. Das führte auch zum raschen Ausdünnen des Zuschauerraumes, der Stehplatz hatte sich bis zum Schluss beängstigend geleert, der Blick ins Parkett brachte leere Stühle oder aufblinkende Handys mit den letzten Facebook-Meldungen, die waren offensichtlich spannender. Oder wollte man nur nachsehen, ob man eh im richtigen Stück sitzt?

Genug der Worte über Regie, nur noch eine Anmerkung zu Kostüm (Kristīne Jurjāne) und Video (Ineta Sipunova): Unerotischer kann man die Blumenmädchen des zweiten Aktes wohl nicht ausstaffieren und unromantischer wurde der Karfreitagszauber sicher auch noch nie präsentiert.

Wesentlich bessere Zensuren als in den Premierenbesprechungen verdienen hingegen diesmal Dirigent und Sänger: Semyon Bychkov zelebrierte quasi einen elegischen Wagner, bewahrte stets den Fluss der Musik, vielleicht eine Spur zu langsam, was im Zusammenspiel mit den optischen Eindrücken jedoch manchmal ermüdend war. Lediglich im letzten Akt – als Hermanis nicht mehr viel eingefallen war – konnte man sich an der herrlichen Umsetzung durch das Wiener Staatsopernorchester (diesmal mit fulminanten Bläsereinsätzen) erfreuen. Auch der Wiener Staatsopernchor zeigte sich im Finale von seiner besten Seite. Am Ende gab es für Bychkov, Chor und Orchester – im Gegensatz zur Premiere – auch verdienten Jubel.

Der war auch für die Sängerriege berechtigt. Christopher Ventris agierte in der Titelpartie in bester Tagesverfassung und überraschte in positivem Sinn. Sein heller metallischer Tenor hatte auch keine Probleme sich gegen die Klanggewalten aus dem Graben zu behaupten. Nina Stemme stellte als Kundry eher den Gesang als die szenische Umsetzung in den Mittelpunkt ihrer Rollengestaltung, wobei in jeder Hinsicht noch mehr Expressivität möglich wäre. Manchmal schien sie gar nicht das letzte Risiko eingehen zu wollen, das in dieser Rolle gefragt ist und auch von anderen Protagonistinnen (wie etwa Frau Denoke auf dieser Bühne schon zeigte) auch immer wieder ausgereizt wird. Der erwähnten Kollegin kann Stemme auch in darstellerischer Hinsicht nicht das Wasser reichen, was aber durchaus die Schuld von Hermanis sein kann. Dennoch ein sehr gelungenes Kundry-Debüt der Schwedin.

Mit Gerald Finley bekam man einen Amfortas der Spitzenklasse zu hören. Die Stimme des Kanadiers fand immer die Balance zwischen melodiösen Bögen und dramatischer Härte – fantastisch! Auch mit Jochen Schmeckenbecher als Klingsor konnte man zufrieden sein, der Bariton akzentuierte wortdeutlich, seine Färbung war vielleicht manchmal zu samtig, was aber angesichts der Tatsache, dass dem „bösen“ Doktor Klingsor ohnedies das Dämonische fehlte, nicht einmal so störend war.

Nach der Absage von Hans-Peter König hatte ja Rene Pape für zwei Aufführungen den Gurnemanz übernommen, diesmal gestaltete ihn Kwangchul Youn. Sein Bass hat nicht mehr ganz das Volumen früherer Tage, aber wie der gebürtige Koreaner seine Kräfte einteilte und die längste Rolle des Stückes mit feinem Mezzoforte und mit Pianostellen würzte, das war beachtenswert.

Gerade einmal sechs Minuten Schlussapplaus schienen für die exzellente musikalische Ausführung doch ein wenig mickrig, für die szenische Umsetzung wäre eisiges Schweigen angebracht gewesen. Und die Direktion muss sich angesichts dessen auch die Frage nach dem sorgfältigen Umgang mit Steuergeld gefallen lassen.

Ernst Kopica

MERKEROnline

Diese Seite drucken