Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: PARSIFAL am Gründonnerstag

WIEN/ Staatsoper: „PARSIFAL“ am Gründonnerstag (14.4.2017)

Es gehört ja fast zum guten Ton, nach Spinat zum Parsifal.

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Nina Stemme. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Parsifal im neuen Gewand, sehr eindrucksvoll die neue Auffassung des Stoffes und auch absolut nachvollziehbar von Alvis Hermanis interpretiert.  .

Eine Gesellschaft, die sich in geistigen und esoterischen Grenzen befindet., die nur noch an Wunder glaubt und diese erhofft. Den mittelalterlichen Stoff in die Zeit des Jugendstils zu versetzen ist nur teilweise gelungen.  Der erste Akt ist bruchlos, schon das Erscheinen Parsifals sowie von Kundry, die wie zwei Geschöpfe einer anderen Welt in dieser Gesellschaft wirken, hat eine besondere Wirkung. Parsifal, der wie aus der Vergangenheit (oder auch wie von einem Ritterfest) in die Gesellschaft kommt und Kundry wirkt eher wie eine Gefangene mit Freigang und wenn sie dann nicht pariert, gibt es die Zwangsjacke und Gitterbett, diese Dinge waren bis in die siebziger Jahre noch in Gebrauch. (nachlesbar über psychotherapeutische Kliniken).  

Christopher Ventris platzt unwissend in diese seltsame Gesellschaft, kann aber schon zu Beginn mit schöner Stimme aufhorchen lassen. Das zweite Bild und ebenso im dritten Bild legt er richtig los und singt alles nicht nur sehr schön, sondern auch sehr ausdrucksstark und bringt auch sehr schöne Piani zum Klingen „Sieh, es lacht die Aue„, wäre noch schöner, wenn man diese sehen könnte. Amfortas, um den sich letztlich alles dreht ist Gerald Finley. Eine wunderbare nicht allzu heldische schöne Stimme, eigentlich fast ein Kavaliersbariton und das passt gut zu dieser Rolle. Beide großen Monologe werden einwandfrei vorgetragen. Spielen muss er kaum, entweder wird er armselig zappelnd geführt oder er liegt komplett hilflos im Bett. Seine Verwundung an beiden Schläfen ist kaum zu übersehen, hat doch das Riesengehirn im zweiten Bild genau in dieser Höhe (im orbital Bereich) den Speer stecken. Sein Vater Titurel wird von Jongmin Park aus dem Off klangschön und kraftvoll gesungen.

Gurnemanz ist Kwangchul Youn, hier ein medizinischer Sektenführer und Neurologe. Er singt alles gut und spielt, als hätte er alles mitgeprobt, als Einspringer eine großartige Leistung, allerdings wieder einmal die Frage, warum probt man sechs Wochen wenn es doch hör – und sichtbar auch in sehr kurzer Zeit geht? Der gefährliche Neuropathologe Klingsor wird von Jochen Schmeckenbecher effektvoll umgesetzt Da passt die nicht so belcanteske Stimme einfach sehr gut. (Sein letztes Opfer am Seziertisch ist Herzeleide, die später von Parsifal beweint werden darf. Das ist eigentlich eine ganz gute Idee). Dass er seinen blutverschmierten OP-Kittel nie ablegt, wirkt nicht so gut. Eine umwerfende Erscheinung ist Nina Stemme als Kundry. Mit Elektroschock macht sich Klingsor seine „Sklavin“ gefügig, nachdem er sie bereits im Gitterbett im ersten Akt abholte. Stimmlich ist diese Kundry ein wahres Erlebnis, und dass sie eine große Darstellerin ist, weiß man. Ihre Kostüme sind einfach wunderschön, im ersten und dritten Akt vielleicht zu elegant, aber das Goldkleid der Verführerin und der Goldschmuck am Kopf erinnert sehr an Bilder von Gustav Klimt. Dazu diese herrlich langen Haaren, ja auch eine optische Freude. Das ist heutzutage eher selten! Wunderschön und blitzsauber sangen die Blumenmädchen aus dem Reiche der Zombies, auch so Klingsor Versuchskaninchen. Die erste Gruppe vertreten mit Ileana Tonca, Olga Beszmertna und   Margaret Plummer und , die zweite Gruppe besteht aus Hila Fahima, Caroline Wenborn und Ilseyar Khayrullova. Ihre Kostüme sind etwas sehr brav, erinnern aber doch an die erotische Fotografie dieser Zeit. Als Stimme von oben hörte man den Alt von Monika Bohinec. Die Ritterschaft vertreten Ärzte und Pfleger sowie auch Krankenschwestern. Sie alle sind speziell um das Wohl des Königs Amfortas bemüht und hoffen, dass Ihm die Strahlen des Kristallstein in Form eines Hirns auch genügend Kraft geben. Man sieht, der Glaube kann Berge versetzen – und so werden die Gehirne pro Bild größer. Tadellos wird von Benedikt Kobel, Clemens Unterreiner, Ulrike Helzel, Zoryana Kushpler, Thomas Ebenstein und Bror Magnus Tødenes.

Prachtvoll sang der Chor unter Martin Schebesta. Die Herren wirkten mit ihren Flügelhelmen am Schluss wie aus einer anderen Welt, die Esoterik oder das Sektenwesen greift um sich. Warum aber auf den Stereoeffekt zweier abwechselnd singender Chöre verzichtet wird, ist nicht nachvollziehbar.

Das Bühnenbild von Alvis Hermanis ist wunderschön, der Nachbau des Jugendstilbaus von Otto Wagner, aber eben nur nachgebaut. Sieht allerdings sehr schön aus, aber mehr Lichteffekte wären wünschenswert und nicht immer nur Einheitsbeleuchtung. Das Regiekonzept wird versucht durchzuhalten, dennoch, alles geht sich nicht aus. Viele Fragen bleiben offen.

Ein Sonderlob an Kristine Jurjäne für die Kostüme von Kundry. Die restlichen Kostüme findet man im Fundus eines Spitalsmuseum und weiße Mäntel bekommt man in jedem Berufskleidungsgeschäft. Schön waren die eingeblendeten Bilder mit Textschrift, aber dafür haben wir eine Textanlage.

Am Pult werkte Semyon Bychkov mit viel Rücksicht auf die Sänger. Die Tempi nahm er nicht allzu schnell, schleppte aber nie und könnte die Musik wenn nötig richtig zelebrieren. Die Mystik könnte aus dem Orchester kommen, ist es auf der Bühne doch für manche Szenen viel zu hell.

Das ist nun die 4. Inszenierung, diese ist gefälliger ihre Vorgängerin. Aber die beste war doch die Umsetzung von Herbert von Karajan. Allein schon wegen der Arbeit mit dem Licht!  

Elena Habermann

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