Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: MEDEA von Reimann- Draußen Schneesturm, drinnen Steinschlag

WIEN/Staatsoper: Reimanns  „MEDEA“ –   Draußen Schneesturm, drinnen Steinschlag

19.4. 2017 – Karl Masek

07_Medea_97889_HOUTZEEL
Stephanie Houtzéel (Kreusa). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Die Elemente spielen verrückt. In Wien schneit es waagrecht. Blick zum Kalender: Ja, 19.April, nicht 19. Jänner. Einen Regenschirm dabei zu haben, ist völlig sinnlos. Er wäre binnen kürzester Zeit Opfer des Sturmes. Gegen Abend matschiger Schneeregen, immer noch Sturm.

Man ist froh, in der rettenden „Schutzhütte Wiener Staatsoper“ angekommen zu sein. Selten drängt sich ein Wetterbericht als Einleitung zu einem Opernabend auf.

Marco Arturo Marelli hat für die Uraufführung von  Aribert Reimanns „Medea“ vor ziemlich genau sieben Jahren ein Bühnenbild entworfen, das sich bei der Premiere so effektvoll selbständig machte, dass man um die Sicherheit des Orchesters der Wiener Staatsoper bangte. In dem Moment, als Medea über ihren Racheplänen brütet, setzt sich ein Steinschlag in Bewegung und die Geröllhalde droht, Medea zu erschlagen. Höhepunkt einer starken, stilbildenden Regiearbeit des Italo-Schweizers, voll archaischer Kraft …

Aber auch Aribert Reimanns starke, stilbildende Musik hantelt sich nicht am sprachmächtigen Text des oft so sehr unterschätzten Franz Grillparzer entlang. Sie macht sich, nach Reimanns eigenen Worten, abgedruckt im Programmheft, „immerfort selbständig, verlässt bewusst den Text, antizipiert regelmäßig…“. Man soll hören, was sich im Inneren Medeas abspielt, bevor sie etwas verbalisiert.

Medea: Jahrtausende alter Mythos, und in vielem so erschreckend heutig. Die Rückkehr des Argonautenführers Jason nach Korinth mit Medea, der „Fremden aus Kolchis“ –  samt dem erbeuteten Goldenen Vlies –  und gemeinsamen zwei Kindern einstiger Liebe. Bei Grillparzer aber gemischt mit dem Kalkül: Jason braucht Medeas Zauberkräfte, damit der Raub des Goldenen Vlieses gelingen kann. Sie kämpft erfolglos um Assimilation, um Anerkennung in der Fremde. Er, der opportunistische Wendehals, trifft seine frühere Geliebte, die Königstochter Kreusa (er wuchs einst an Kreons Königshof auf), die sich um Jasons und Medeas Kinder kümmert und sie damit Medea entfremdet. Medea soll fortgeschickt werden, während Jason die Kinder behalten will. Klassischer Rosenkrieg – auf der gedemütigten Medea und dem Rücken der Kinder ausgetragen.

Lesenswert Konrad Paul Liessmanns Beitrag im Programmheft. „Medea: Heldin oder Ungeheuer“, setzt sich mit der Tatsache auseinander, dass sich der Medea-Stoff wie kaum ein anderer ungebrochener Beliebtheit erfreut. „Ist es die archaische Gewalt der Affekte, die uns erschüttert, oder das tragische Schicksal einer betrogenen und verlassenen Geliebten, ist es das Bild der ausgestoßenen Fremden, das uns berührt, oder ist es die erbarmungslose Konsequenz eines mörderischen Handelns …“?

 Aribert Reimann, der 2005 von Joan Holender den Kompositionsauftrag für eine Uraufführung an der Wiener Staatsoper bekam, entschloss sich nach einwöchiger Klausur zur Vertonung dieser Grillparzer -Version und zeichnete auch für die Adaption des Textes verantwortlich.  Und es bleibt fast alles „Original Grillparzer“! Auf der Vulkaninsel Lanzarote entstand schließlich in drei Jahren das Werk. Es enthält in der Tat viel Vulkanisches, viel, das wie Lava anmutet. Die Musik liefert Psychogramme der handelnden, durchwegs angstgebeutelten Figuren, und man erkennt rasch: Sie antizipiert Gedanken und daraus resultierende Handlungen der Protagonisten.

Michael Boder – er leitete bereits die Uraufführung am 28.2. 2010, die Furore machte – bündelt die rhythmischen wie klanglichen Verschachtelungen, die metrischen „Verschiebungen“, die Feuer-und Asche-Farben im Orchester, souverän, mit ruhiger Hand. Das Orchester der Wiener Staatsoper liefert einmal mehr den Beweis: Nicht nur das Kernrepertoire des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist ihm ein Anliegen. Auch mit neuen und neuesten Werken weiß es Akzente zu setzen. Adés, Cerha, Eötvös: Längst kein unbekanntes Terrain mehr, dem es gilt, ängstlich auszuweichen. Absolute Kongruenz einer geglückten Zusammenarbeit Komponist-Regisseur-Dirigent-Sänger/innen-Orchester bewirkt, dass das Publikum so genanntes sprödes und sperriges neues Musiktheater nicht scheut und auch zu den Reprisen kommt. Erfreulich gut besucht auch die „12. Aufführung in dieser Inszenierung“ (Dominique Meyer hat das Meisterwerk nach jahrelanger Absenz verdienstvoller Weise für vier Vorstellungen ins Repertoire zurück geholt). Das Stehparterre voll gefüllt, auch bei den teuren Parkettsitzen nur da und dort kleine Lücken. Fast alle blieben bis zum ersterbenden Schluss, wenn sich Medea nach Delphi aufmacht, um das Goldene Vlies zurück zu bringen und sich dem Urteil der Priester zu stellen. Auch diese Schluss-Szene (es spielt nur mehr, in aller Verlorenheit, die Piccoloflöte) geht unter die Haut …

 Marlis Petersen hat mit einer fulminanten Leistung bei der Uraufführung als „Medea“ Musikgeschichte geschrieben. Sie hat die Rolle dennoch nach der Premierenserie in Wien nicht mehr gesungen. Kluger Umgang, ihre Stimme den exorbitanten Strapazen von Reimanns Zacken-Koloraturen-Exzessen und der absoluten Ausreizung ihres Stimmumfangs nicht allzu oft auszusetzen und sie womöglich nachhaltig zu beschädigen? Durchaus nachvollziehbar. Sie hat jedoch eine kongeniale Rollen-Nachfolgerin gefunden:

Claudia Barainsky! Die Aribert-Reimann-Schülerin meistert die Monsterrolle mit staunenswerter Souveränität. Stimmliche Anstrengung ist ihr kaum anzumerken. Atemberaubend, wie sie die Rolle sing-darstellerisch erfüllt und mit packender Körpersprache anreichert. Minutiös setzt sie Reimanns kompositorische Spezialität des „Antizipierens“ um. Als ihr der Mordgedanke kommt, urplötzlich der Steinlawinen-Sound mit alpdruckhaften Geräuschkulminationen. Die Ermordung der Kinder wird nicht sichtbar gemacht, aber Medea erlebt sie vorher schon in Gedanken. Packend! Mit zweimal Marie („Wozzeck“, Zimmermanns „Soldaten“) sowie Lulu hat sie sich die stimmliche Kondition für diese Parforce-Tour  antrainiert.

Monika Bohinec hat mit der Amme Gora als Medeas Vertraute eine Glanzrolle gefunden. Das in Klein- und Mittelrollen allzeit verlässliche Ensemblemitglied zeigt mit ihrem pastosen Mezzosopran unglaubliches Steigerungspotenzial und würde sich mehr solcher Chancen im Charakterfach und „tragenden“ Rollen verdienen. Sie erinnert mich an die unvergessliche Margarita Lilowa, die von der 1. Norn bis zur Amneris alles sang …

Adrian Eröd als mieser, fieser, nach Macht gierender  Wendehals Jason (am Schluss, als er den Tod der Kinder hinnehmen muss, vor Selbstmitleid triefend): Er ist als einziger von der Premierenbesetzung übrig geblieben. Eiskalt seine Töne in der Behandlung Medeas, die ihm, zurück in Korinth, nur noch im Wege steht. Kraftvoll, koloraturbeweglich, vorbildlich wortdeutlich, setzt er seinen Bariton effektbewusst ein.

Norbert Ernst ist der vom Eindringling Medea samt ihren Kindern irritierte und darum besonders nervös-ängstliche König Kreon mit höhenpotentem Charaktertenor.

Großartig auch Stephanie Houtzeel als Kreusa, die von Grillparzer als die ‚Ständig Siegende‘ beschrieben wird. Sie ist kokett, lasziv, und in Reimanns Instrumentation von Celesta- und hohem  Harfengeklingel umgeben. Ihren melismatischen Part meistert sie gekonnt.

Der Herold ist der Bote jenes Gerichts, dem auch König Kreon unterworfen ist. Er klagt Jason und Medea des Mordes an Jasons Onkel, Pelias, an. Noch höher in der Macht stehend als der König (Tenor): dann muss dieser Herold ein Countertenor sein, so Reimann mit bestechender Logik. Daichi Fujiki dominiert diese Schlüsselszene mit scharfen Countertönen, durchaus Furcht gebietend.

Der Komponist war bei den Wiederaufnahme-Proben anwesend und nahm auch den Jubel des Publikums nach dem Ende der ersten Vorstellung vor dem Vorhang entgegen. Der besprochene Abend war der letzte der Serie. In der Saison 17/18 kommt „Medea“ nicht vor. Bleibt zu hoffen, dass Reimanns Meisterwerk nicht im Repertoire-Nirwana verschwindet!

Jubel für Maestro Boder und das Orchester, für Barainsky und Eröd. Starker Applaus für alle anderen, immerhin acht Minuten lang. Die Elemente hatten sich im Laufe des Abends einigermaßen beruhigt – und man gelangte halbwegs trockenen Fußes nach Hause …

Karl Masek

 

 

Diese Seite drucken