Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: MADAME BUTTERFLY – zweite Vorstellung

WIENER STAATSOPER: „MADAMA BUTTERFLY“ am 24.11.2017

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Murat Karahan, Maria José Siri. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Eingestanden, allzu oft war ich verleitet eine von mir geschätzte Sängerin nicht in der Rolle der Cio-Cio-San, sondern die kleine Japanerin als Jeannette Pilou, als Marilyn Zschau, als die Malfitano und als die Coelho zu erleben. Bei der uruguayischen Sopranistin war in der Hinsicht keine Gefahr, handelte es sich doch um meine Erstbegegnung mit Maria José Siri. Die Künstlerin reist in Sache „Madama Butterfly“ von November 2017 bis 10. März 2018, unterbrochen durch eine „Elisabetta“ im Palau de les Arts Reina Sofia in Valencia, von der Wiener Staatsoper an die Bayrische Staatsoper und anschließend an die Deutsche Oper Berlin. Ihr Rollendebut fand vor knapp einem Jahr an der Mailänder Scala statt. Von der Statur her alles andere als ein zerbrechlicher Schmetterling konnte sie mich trotzdem überzeugen. Gerade in den Anklängen an den Impressionismus punktete Siri mit leisen und sanften Zwischentönen. In der Ekstase allerdings erreichte sie ihre Grenzen. Nach einem längeren Abstand seit meiner letzten „Butterfly“ wundert mich jetzt, welche Empathie die Japanerin bei uns bewirkt. Denn eigentlich leidet sie an einer Obsession. Wie wären unsre Gefühle, hätte sich ein dem Expressionismus verschriebener Komponist dem Thema gestellt? Die „Madama Butterfly“ im Gepäck bringt Maria José Siri genügend Erfahrung mit, um an einer Vorstellung mitzuwirken, von der man nicht einmal sagen kann, dass sie mit zwei Aufführungen als eine  Blockvorstellung, also im Rahmen einer Staffel, bezeichnet werden kann. Im zweiten Akt zeigt sie dezent ihre Wandlung zu einer Amerikanerin. Eine neue Inszenierung würde das vielleicht noch viel mehr betonen.

Der Pinkerton liegt zwischen einer Haupt- und einer mittleren Rolle. Murat Karahan „assistierte“ ordentlich seiner Partnerin. Bei seiner Höhe war manchmal die fehlende Resonanz zu bemängeln. Wie ich auch bei den anderen Mitwirkenden bemerkte, wurde bei der zusammengewürfelten Besetzung zu oft in Richtung Orchestergraben gesungen.

Ein amerikanischer Bariton, dessen Grab sich übrigens in Wien befindet, klagte mir gegenüber einmal, in der Staatsoper für den Sharpless eingeteilt zu werden. Er konnte zu meinem Bedauern dieser Rolle nichts abgewinnen. Als Zwölfjähriger geriet ich wirklich einmal in den falschen Film, einen Opernfilm von „Madame Butterfly“, und wollte, damals alles andere als ein Opernfan, trotzdem bis zum Ende durchhalten. Und gerade die unangenehme Aufgabe des Konsuls, die ahnungslose Japanerin mit der bitteren Wahrheit vertraut zu machen, wurde für mich zu einem nachhaltigen Erlebnis und so bin ich immer wieder auf die Darstellung dieser Szene gespannt. Meiner Meinung nach gehört der Sharpless von ersten Kräften des Hauses mit größerem Volumen in der Stimme und einer dementsprechenden  Ausstrahlung verkörpert, auch wenn Gabriel Bermúdez der Rolle schon ein wenig Profil verleihen konnte. Beispielgebend ist da als „zweite Geige“ Zoryana Kushpler, die als Suzuki im wahrsten Sinn des Wortes in ihrer dienenden Rolle aufgeht und sie gleichzeitig mit Leben und Wohlklang ausfüllt. Zu sehr von Kammersänger Peter Klein geprägt, vermisste ich bei unsrem guten Ensemblemitglied Benedikt Kobel das Charaktertenorale. Die Episodenrolle des kaiserlichen Kommissärs, von Marcus Pelz gesungen, lernte ich diesmal in seiner schicksalhaften Bedeutung schätzen.

Die älteste, noch gespielte Inszenierung der Wiener Staatsoper hatte schon 1957 einen Schwachpunkt im nicht sehr drohend wirkenden Auftritt des Onkels Bonze. Sorin Coliban vermochte auch stimmlich nicht dem entgegenzuwirken. Der Abgang der Verwandten und Freundinnen geschieht auch nicht überstürzt, sondern zu geordnet. Überhaupt empfand ich den Chor der Wiener Staatsoper (Leitung Martin Schebesta) schon zu sehr in Routine steckend. Die gegensätzlichen Ansichten von Mutter und Kusine bezüglich Cio-Cio-Sans Verheiratung hätten Giacosa und Illica textlich mehr herausarbeiten können. Das wären dann dankbarere Aufgaben für die Choristinnen mit Soloverpflichtungen Arina Holecek und Seçil Ilker. Die während der Entstehungsgeschichte der Oper verkürzte Rolle der Kate Pinkerton wurde unsrer verdienten Simina Ivan anvertraut. Den erfolglosen Fürsten Yamadori sang Hans Peter Kammerer, den Standesbeamten der 2. Tenor des Staatsopernchors Martin Müller.

Der seit 2014 erst viermal das Orchester der Wiener Staatsoper leitende Jonathan Darlington legte durch schlecht gewählte Lautstärken den Sängerinnen und Sängern keinen hilfreichen Klangteppich, auf dem sie ihre individuellen Empfindungen stärker hätten aufbauen können

Schön  habe ich es empfunden, dass an diesem Abend so viele junge Leute in der Oper zu sehen waren.

Lothar Schweitzer

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