Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: MACBETH

WIEN / Staatsoper: MACBETH am 14.12.2016

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Bror Magnus Todenes, Jorge de Leon. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

In der dritten Serie beweist die Inszenierung von Christian Räth sehr gute Repertoiretauglichkeit. Obwohl die Handlung um etwa acht Jahrhunderte verschoben wurde, geht weder die Authentizität noch die Aussage der Geschichte verloren. Die mit neuzeitlichen Kostümen und raffinierter Lichttechnik gestaltete Interpretation des Shakespaere-Stoffes wirkt logisch, geht respektvoll mit der Vorlage um und zeigt, dass moderne Inszenierungen – wenn sie gut sind – auch für das eher konservative Wiener Publikum bestens geeignet sind.

Wenn dann auch noch die musikalische und die darstellerische Präsentation auf so hohem Niveau wie diesmal erfolgt, steht einem denkwürdigen Opernabend nichts mehr im Wege.

Evelino Pido, den wir als kompetenten Belcanto-Dirigenten kennengelernt haben, bewies uns mit Macbeth zum dritten Mal (nach Simon Boccanegra und Rigoletto), dass er auch ein Verdi-Kenner und –Könner ist. Mit dem Staatsopernorchester in Topform zeichnet er die Stimmungen dieses bedeutungsschweren, mystischen Stoffes nach, sorgt für Spannung und lässt der hervorragenden Sängerriege die Freiheit zur individuellen Gestaltung – das wird vom Königspaar aber auch vom sensationellen Staatsopernchor ausführlich wahrgenommen.

Die größte Freude war für uns, dass Simon Keenlyside nach der Stimmkrise wieder im Vollbesitz seiner beträchtlichen Möglichkeiten zurückgekehrt ist. Sein Macbeth ist als „Gesamtkunstwerk“ beeindruckend. Jede Miene, jede Geste  drückt die Stimmungen dieses schwachen, von der Gattin ferngesteuerten Herrschers aus und er scheint auch stimmlich in dieser Verdi-Partie nicht überfordert sein. Sein kräftig strömender Bariton klingt jedenfalls in allen Lagen unangestrengt und schön und bildet zum schwarzen Bass von Jongmin Park, der in dieser Serie vom Spion zum Banquo aufgestiegen ist, einen deutlichen Kontrast. Der südkoreanische Edelbass aus dem Ensemble ließ wieder einmal erkennen, dass er an der Schwelle zu einer Weltkarriere steht – unser Tipp: ihn möglichst oft anhören – wer weiss, wie lange das noch mit so geringem Aufwand möglich ist!

Die eigentliche Hauptfigur dieser Geschichte, die machtbesessene, intrigante und rücksichtslose Lady Macbeth wird in dieser Staffel von der großartigen Martina Serafin dargestellt. Ihr technisch makelloser Sopran erfüllt alle Erfordernisse, die für diese Furie nötig sind: Perfekte Höhen, eine edle Mittellage und ausreichender Ausdruck im Mezzobereich erlauben eine denkwürdige Rollengestaltung. Die Schlafwandel-Szene wurde zum stimmlichen und gestalterischen Höhepunkt des Abends.

Jorge de Leon zeigte sich sicherer als in der Premierenserie und sang mit kraftvoller, technisch guter Stimme einen passablen Macduff – er hatte es neben den drei stimmlichen Ausnahmekünstlern nicht leicht, eine ähnlich starke Wirkung zu erzielen.

Ayk Martirossian, dem neuen Spion kann man nur eine ähnliche Entwicklung wie seinem Rollenvorgänger wünschen – das „Zeug“ dazu dürfte er haben. Bror Magnus Todenes, ein junges Ensemblemitglied, sang den Malcolm; Lydia Rathkolb war eine routinierte Kammerfrau.

Derzeit können sich Verdi-Liebhaber wahrlich nicht beklagen: Abwechselnd Falstaff und Macbeth in dieser Qualität, da fällt es schwer, über die Wiener Staatsoper im Allgemeinen und über Direktor Meyer im Besonderen zu schimpfen.

Maria und Johann Jahnas

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