Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: LULU (dreiaktige Fassung). Premiere

Wiener Staatsoper: LULU (3-aktige Fassung) – Premiere Staatsoper am 3.12.2017

(Heinrich Schramm-Schiessl)

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Wolfgang Bankl, Franz Grundheber, Agneta Eichenholz. Copyright: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

„Welche Fassung nehme ich?“. Diese Frage muss sich jeder Operndirektor stellen, der beabsichtigt, Alban Bergs „Lulu“ (wieder) in das Repertoire aufzunehmen. Das mag manchen verwundern, denn von zahlreichen Opern gibt es verschiedene Fassungen. Der Unterschied ist aber, dass diese zumeist vom jeweiligen Komponisten selbst geschaffen wurden (z.B. Verdis „Don Carlos“). Bei „Lulu“ ist dies anders. Der Komponist konnte das Werk nicht mehr vollenden. Zum Zeitpunkt des Todes Bergs existierten nur die ersten beiden Akte sowie das Particell des dritten Aktes, von dem allerdings nur wenige Takte, so z.B. der Schluss der Oper instrumentiert waren. Da es der Witwe Bergs nicht gelang, die Zeitgenossen Schönberg, Webern oder Zemlinsky zu bewegen, das Stück zu vollenden, wurde 1937 das unvollendete Werk uraufgeführt, wobei man zwischen dem zweiten Akt und dem Fragment des Schlusses die beiden letzten Sätze der Lulu-Symphonie einfügte. Diese Form wurde in der Folge Aufführungspraxis. Da die Uraufführung ein grosser Erfolg war, lehnte Bergs Witwe in der Folge jeden Versuch einer Vollendung der Oper ab.

Ohne Wissen und Zustimmung Helene Bergs begann der österreichische Komponist Friedrich Cerha, der in den 60er Jahren Einblick in die Quellen der Oper bekommen hat, im Auftrag der Universal Edition den  dritten Akt fertigzustellen. Da sich die Witwe zu Lebzeiten einer Aufführung der kompletten Oper widersetzte, konnte diese erste drei Jahre nach ihrem Tod, also 1979 in Paris, erstaufgeführt werden. Die Erben der Witwe Bergs versuchten jedoch mit Erfolg zu verhindern, dass in der Folge nur mehr die komplette Fassung gespielt wird. So wurde mit dem Verlag vereinbart, dass pro Jahr nur eine bestimmte Anzahl von Produktionen der dreiaktigen Fassung erfolgen darf.

Mittlerweile ist die Wahl der Fassung jedoch fast zu einer Glaubensfrage geworden. Ein – wie ich glaiube – überwiegender Teil des Publikums bevorzugt die unvollendete Fassung, während Musikwissenschaftler und Feuilletonisten für die dreiaktige Fassung eintreten. Obwohl Friedrich Cerha sehr bemüht war, der Tonsprache Bergs gerecht zu werden, was ihm auch über weite Strecken gelang, muss man trotzdem sagen, dass dieser dritte Akt Schwächen hat. Insbesondere die erste Szene, das „Paris-Bild“, ist dramaturgisch schwach und eindeutig zu lang. Man kann natürlich nur darüber spekulieren, ob Berg, der ja in den ersten beiden Akten seine Theaterpranke wieder bewiesen hat, diesen tatsächlich so belassen hätte.

Nach Wien ist das Werk – im Gegensatz zum „Wozzeck“ – sehr spät gekommen. Erst 1962 wurde es im Rahmen der Wr. Festwochen im Theater an der Wien erstaufgeführt. Im Haus am Ring wurde es erstmals 1968 gezeigt. 1983 setzte dann der damalige Direktor Lorin Maazel die dreiaktige Fassung auf den Spielplan, während Direktor Holender 2000 wieder auf die unvollendete Fassung zurückgriff.

Nunmehr hat Direktor Meyer wieder die dreiaktige Fassung in den Spielplan genommen, wobei es sich um keine echte Neuinszenierung handelt, sondern die Produktion des Jahres 2000 nur um den dritten Akt ergänzt wird. Daher braucht man über diese eher abstrakte denn realistische Inszenierung von Willy Decker (Einstudierung: Ruth Orthmann) nicht allzuviele Worte zu verlieren. Man konnte trotz einiger Widersinnigkeiten schon 2000 damit leben und kann es auch weiterhin. Da das Bühnenbild (Wolfgang Gussmann) ein Einheitsrahmen ist, konnte auch das „Paris-Bild“ relativ problemlos eingefügt werden, ebenso wie die Kostüme (Wolfgang Gussmann/Mitarbeit: Susanna Mendoza) nur ergänzt werden mussten. Dass man diesen Weg gewählt hat, geht meines Erachtens vollkommen in Ordnung, denn eine komplette Neuinszenierung – die alte Inszenierung wurde gerade einmal 21x gezeigt – wäre hinausgeschmissenes Geld gewesen. Ein Kassenschlager wird das Werk nämlich auch diesmal nicht, denn schon an diesem Abend waren viele Plätze leer.

Konzentrieren wir uns also auf den musikalioschen Teil des Abends und dieser war –  zumindest was die Sänger betrifft – eher durchwachsen. Grossartig allerdings das Staatsopernorchester unter Ingo Metzmacher. Das Werk war hervorragend einstudiert und die zum Teil sehr expressive Musik Alban Berghs kam wurderbar zum klingen. Speziell die Zwischenspiele zwischen den einzelnen Szenen wurden zum Höhepunkt des Abends.

Die Titelrolle wurde von Agneta Eichenholz verkörpert und ihr Problem war, dass man ihr dieses männermordende Wesen einfach nicht ganz abnimmt. Stimmlich war sie durchaus zufriedenstellend. Gestalterisch blieben einige Wünsche offen, denn wenn es einem am Ende des zweiten Aktes bei „Ist das der Diwan, auf dem sich Dein Vater verblutet hat?“ nicht eiskalt über den Rücken läuft, stimmt etwas nicht.

Stimmlich sehr gut war Angela Denoke als Gräfin Geschwitz, von der ich allerdings ebenfalls darstellerisch etwas enttäuscht war. Sie war stellenweise etwas zu sehr „graue Maus“. Die beste Leistung des Abends bot Bo Skovhus als Dr. Schön. Sowohl stimmlich als auch darstellerisch war er sehr präsent und vermochte dann im dritten Akt als Jack thr Ripper durchaus für gruselige Momente zu sorgen. Herbert Lippert sang seinen  Sohn Alwa mit schön geführter Stimme, hätte aber darstellerisch etwas konturierter sein können. Enttäuscht war ich, obwohl ich diesen Sänger sehr schätze, von Franz Grundheber als Schigolch. Das war kein schmierig geheimnisumwitterter Mann, sondern er wirkte eher wie der gute Onkel von nebenan. Auch stimmlich hätte er akzentuierter sein können. Jörg Schneider sang den Maler und den Neger recht schön und war auch darstellerisch zufriedenstellend. Wolfgang Bankl war ein darstellerisch präsenter und stimmlich gewaltiger Rodrigo und Tierbändiger sowie Ilseyar Khayrullova ein quicklebendiger und schön singender Gymnasiast bzw. Groom.

Allen übrigen Mitwirkenden sei ein Pauschallob ausgesprochen.

Am Schluss gab es gemäßigten Jubel für die Hauptrollensänger und das Regieteam und grossen Jubel für den Dirigenten.

Heinrich Schramm-Schiessl   

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