Der Neue Merker

WIEN / Staatsoper: LULU

Lulu_am Lippensofa
Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper: LULU von Alban Berg
Orchestrierung des 3. Aktes komplettiert von Friedrich Cerha
Zweite Aufführung in dieser Inszenierung
6.
Dezember 2017

Man kann Beispiele dafür nennen, dass an der Wiener Staatsoper brauchbare, funktionierende Inszenierungen gegen neue ausgetauscht wurden, die eher schlechter waren. Den Fehler hat man bei „Lulu“ nicht gemacht. Wenn man Alban Bergs Oper nun wieder (wie schon 1983) am Haus in der „komplettierten“ Fassung durch Friedrich Cerha zeigt (was durchaus Sinn macht, wenngleich es nun ein fast vierstündiger Monster-Abend mit zwei Pausen ist), dann hat man sich glücklicherweise daran erinnert, dass man eine „Lulu“-Inszenierung besitzt, die schon bei ihrer Entstehung im Jahr 2000 als meisterlich erkennbar war.

Also hat Regisseur Willy Decker glücklicherweise das alte Konzept nur um den dritten Akt erweitert – es ist ja doch eine echte Premiere geworden, auch durch die fast durchwegs neue Besetzung. Mit zwei Ausnahmen: Wolfgang Bankl ist noch immer der Tierbändiger / Athlet, Franz Grundheber hingegen ist von Dr. Schön zu Schigolch geworden…

Der Abend hat noch nicht begonnen, aber Lulu ist schon da. Sie sitzt, mit dem Rücken zum Publikum, mit gespreizten Beinen auf einer Leiter. Vor ihr in luftigen Bühnenhöhen: ein stufenförmiges Arena-Rund, das sich mit Männern füllt, die sie anstarren. Sie bleiben, mit Unterbrechungen, den ganzen Abend präsent. Lulu, das Weib, wird ausgestellt. So wollte es Wedekind, Alban Berg und nun auch Regisseur Willy Decker. Und die immer gierigen Männer in den bürgerlichen Anzügen werden sie am Ende auch im Kollektiv ermorden – nicht nur Jack the Ripper hebt das Messer. Alle tun es…

Bergs „Lulu“ an der Wiener Staatsoper, der ewig Gesang rund um die Frau als Zerstörerin. Wunschtraum durch ihre grenzenlose sexuelle Verfügbarkeit, Alptraum, weil sie letztlich nicht zu besitzen ist, weil Egoismus, Gefühllosigkeit und Gewissenlosigkeit sie stark machen und jeder echten Beziehung entziehen. Eine mörderische Geschichte, in eine der berühmtesten Opern des 20. Jahrhunderts gegossen.

Die Wiener Aufführung ist ein logistisches und ästhetisches Meisterwerk. Unter der Arena, die teilweise auch als Auftrittsort mitspielt, ein Rundraum mit beigen Wänden, der entfernt an eine psychiatrische Klinik erinnert, ein paar grelle Möbel als Versatzstücke, nachdrücklich (und im Fall von Lulu: hinreißend) gekleidete Darsteller (Ausstattung: Wolfgang Gussmann): Willy Deckers Regie hat einen gleicherweise kühlen, aber in Stimmung, Farben und auch hintergründiger Aussagekraft „mitspielenden“ Rahmen.

Darin begibt sich die Geschichte Lulus auf vielen Ebenen, und wenn man andere Inszenierungen zum Vergleich heranzieht (Loy etwa), die nichts tun, um die Handlung für das Publikum auch fassbar zu machen, dann ist man besonders dankbar dafür, wie klar Decker auch die Geschichte herausarbeitet – was bei den dramaturgischen Abgründen (die ja schon auf Wedekind zurück gehen, auf dem Theater aber eher zu bewältigen sind als zu Opernmusik) nicht immer leicht ist.

Dabei werden die Lebensstationen Lulus bis zum Ende differenziert – klug das Motiv der Leitern, mit denen Lulus Welt „geentert“ wird, die sie durchlässig machen, allerlei Gesindel hineinspülen, das die „besseren Kreise“ des Beginns ablöst… (Es verlangt von den Darstellern allerdings einige Trittsicherheit, immer wieder hinauf- und vor allem herabzuklettern.) Kurz, Decker verbindet reale Situationen mit den (absolut nicht penetrant wirkenden, verfremdenden) Theatermitteln, die diese Aufführung so perfekt machen.

Lulu_Balanceakt

Darin bewegt sich nun Agneta Eichenholz in der Titelrolle, und wer ihre fast bewegungslose schwarze Totengöttin in der Londoner Aufführung (auf DVD zugänglich) gesehen hat, wird die Lebendigkeit schätzen, die sie in Deckers Version zulegt. Die Sängerin ist nicht jung genug, um Lulu als naives halbes Kind zu spielen, sie würde es wohl auch nicht wollen. Es ist wunderbar, wie kühl kalkulierend sie durch ihr Schicksal geht, ob aus Überlegung, ob aus Instinkt alles richtig machend, um möglichst viel Schaden anzurichten…Bemerkenswert die Wandlung am Ende vom Luxusgeschöpf zum abgewrackten Stück Frau in London, die billige Hure als letzte Station. Und sie singt die höchst schwierige Partie mit einer hellen und klaren Stimme quasi im Parlando-Stil, mit einer stupenden Selbstverständlichkeit und scheinbarer Leichtigkeit, die diese Lulu aus einem Guß vor das Publikum hinstellt. Und ihr finaler Todesschrei geht durch Mark und Bein.

Willy Decker hat sich nicht gescheut (wir sind am Theater), die Gräfin Geschwitz mit den Attributen auszustatten, die man Lesben zuschrieb – das männliche Gewand zu Beginn, die Frisur, der Habitus. Angela Denoke singt ihre erste Geschwitz – dass sie zwischen Mezzo und Sopran changieren kann, weiß man von ihr. Stimmlich und vor allem darstellerisch gelingt ein Bild hoffnungsloser Besessenheit, wobei sie bemerkenswert ohne Theatralik auskommt. Das ist Schmerz, der in sich hineingefressen wird.

Umso exzessiver spielt Bo Skovhus die Wut aus, in Lulus Netz gefangen zu sein – es ist doch eine der wirkungsvollsten Rollen des Stücks, wie dieser scheinbar „ehrbare Bürger“ die Fassade wahren, Lulu als Störfaktor in seinem Leben vernichten will und an ihr scheitert. Dagegen ist sein Sohn Alwa immer nur der Schwächling, und Herbert Lippert zeichnet das nachdrücklich. Es geht ja auch darum, wie viele verschiedene Typen an Lulu scheitern, also auch der Maler, dessen Überheblichkeit als Künstler ihm nichts nützt (Jörg Schneider).

Lulu und Schön  Lulu_Gechwitz

Aber ab dem 3. Akt bröckelt Lulus Macht. Davor entzieht sich nur Schigolch ihrer Faszination: Schlechtweg wunderbar, wie Franz Grundheber wie eine Art fröhlicher Sandler durch die Handlung wankt, einer, der diese Lulu seit ihrer Kindheit im Griff hat und dem sie nichts antun kann… Danach ist sie Objekt der Erpressung, sowohl durch den machtvoll-grobschlächtigen Rodrigo (Wolfgang Bankl) wie durch den schleimigen Mädchenhändler (eine bemerkenswerte Leistung von Carlos Osuna).

Zwei junge Frauen als junge Männer: Ilseyar Khayrullova als Gymnasiast, Maria Nazarova als fünfzehnjähriger Piccolo, beide witzig, dazu Donna Ellen als Theatergarderobiere und in einem Kurzauftritt Bongiwe Nakani. Weiters Alexandru Moisiuc, Manuel Walser und Ayk Martirossian in kleinen Rollen (viele von ihnen auch in mehreren)… sie umkreisen, umtanzen Lulu gewissermaßen.

Was den musikalischen Teil angeht: Über die Qualität von Friedrich Cerhas „Komplettierung“ des Werks haben Fachleute diskutiert (und sie sollen es auch) – dass er „anders“ klingt als Berg, bildet man sich vielleicht nur ein, weil man eben weiß, dass ein anderer Komponist am Werk war. Aber im Grunde fügt sich von der theatralischen „Ganzheit“ her alles wunderbar zusammen. Die dreiaktige „Lulu“ würde auch nicht in aller Welt gespielt, wenn man nicht für gelungen hielte, was Cerha geschaffen hat.

Dass von diesem Abend so viel Glanz ausgeht (die Oper ist nun einmal verdammt schwierig für das Publikum), liegt selbstverständlich auch an Ingo Metzmacher am Pult der Philharmoniker. „Lulu“ ist ja nicht unbedingt ein Hörvergnügen, aber es ist ein Drama, das hier aus dem Orchester sein Recht bekam, wobei es ja doch die quasi „sinfonischen“ Zwischenspiele waren, die letztlich die größte Wirkung entfalteten. Nach der zweiten Vorstellung gab es achtungsvollen Beifall des nicht vollen Hauses.

Renate Wagner

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