Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: L’ELISIR D’AMORE – – Maestro conamore

24.10.2017: „L’ELISIR D’AMORE“ – Maestro conamore

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Jinxu Xiahou, Andrea Carroll. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Ob schon alle Opernfreunde wissen, wer unser bester Donizetti-Dirigent ist? Da ja vor allem bei den Buffo-Opern vom Gros des Publikums der Mann am Pult kaum beachtet wird, weil einen nur nur die Bühne interessiert , sei es allen, die es wissen wollen, kundgetan: Er heißt Evelino Pidò!

In dieser 235. Aufführung der allseits geliebten Otto Schenk-Inszenierung aus dem Jahre 1980 haben wir schon viele Alternativen am Pult erlebt, aber einen musikalisch derart unwiderstehlichen und wirkungssicheren Liebestrank hat noch keiner aus der Partitur herausgefiltert. Dieser Trank ist ja richtig gefährlich. Er betört einen  2 ¼-Stunden lang. Es gibt keinen Leerlauf, man muss ständig neu Atem holen, um an dem Genuss dran zu bleiben. Einmal quillt dasDonizettische „elisir“ rhythmisch mitreißend aus dem Graben, dann wieder schmeckt er wie Balsam, wenn die ständig angesprochene Liebe sich ganz innig und zartzu „Wort“ meldet. Alle Bühnenakteure „trinken“ diesen Belcanto-Saft und fühlen sich unsäglich wohl dabei. Nur für Schlummer taugt er nicht. Denn der Maestro lauert schon auf die nächsten Tropfen, die er immer wieder einer anderen Instrumentalgruppe abverlangt. Oft geht er in die Knie, um den Klang zu verdichten. Nach allen Seiten gibt er seine suggestiven  Zeichen, damit ja kein Tropfen verschüttet wird. Und zumeist sorgt er lachenden Gesichts für allseitige Freude an der Tonproduktion. Man kann sich nur wundern, wieviel Energie solch ein Wundertrank verschlingt. Und wenn es dann endlich zum finalen Liebesglück auf der Bühne gekommen ist,  welches Dulcamara seinem Zaubermittel zuschreibt, dann folgt nicht etwa ein breitgetretener pathetischer Schluss, sondern ein beschwingter musikalischer Auftrieb, der nach einer wiederholten Intensiv-Dosierung des köstlichen Heilmittels gegen alle Beschwernisse des Lebens ruft. Neben mir saßen zwei Wien-Besucher aus Kalifornien, die noch nie im Leben eine Oper gesehen hatten und denen ich anhand des Programmzettels erklären musste, wer der Komponist ist, dass italienisch gesungen werde und was der Titel des Stücks überhaupt bedeutet. Aber sie waren überglücklich  über dieses „Elixir“  und meinten am Ende: „Wir hätten uns noch einen weiteren Akt gewünscht.“

Versteht sich, dass die Bühne da voll mitzog. Vorhang auf und ein freudiges „Oh!“ wurde mehrfach hörbar angesichts dessonnigen Dorf-Idylls von Jürgen Rose. Als dann nach der munteren Chorszene „unser“ (ja, das ist er bereits geworden!) junger Nemorino aus dem fernen China, Jinxu Xiahou,mit tenoralem Wohllaut „Quanto e bella, quanto e cara“ intonierte und so rührend herzlich den Verliebten mimte, war auch von der Bühne her der Glücksabend bereits gelaufen.  Der Sänger  fühlte sich in der Rolle offenbar derart wohl, dass er die „furtivalagrima“ sogar noch voll Übermut durch zusätzliche Verzierungen intensivierte. Nicht minder beglückte die neue Adina aus dem ebenso fernen Amerika, Andrea Carroll, die sich nach ihren Mozart-Debuts in dieser Spielzeit nun auch diese DonizettischeTraumrolle erobert hat, bezaubernd singend, sehr vital und selbstbewusst, aber auch gefühlvoll spielend. An ihre Freundin Gianetta wurde gar Daniela Fally verschwendet. Geht’s uns nicht gut?

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Renato Girolami, Jinxu Xiahou. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Wenn auch Bariton und Bass aus dem mediterranen Spanien bzw. Italien an Stimmkraft und vokalem Schmelz nicht so ganz mithalten konnten, so waren sie doch lebendige Bühnenfiguren, wobeija Gabriel Bermúdez kurzfristig für Alessio Arduini eingesprungen war. Solch köstliche  Figuren wie der „sergente“ Belcore machen ihm sichtlich Spaß, und damit auch uns. Renato Girolami, weltweit eingesetzt im italienischen Buffofach, pries seine Wundermittel zwar nicht so unwiderstehlich an, wie dies diverse „Dottori“ hier im Lauf der Jahre getan haben, aber natürlich ist ihm der Donizetti-Stil vertraut und im 2. Akt setzte er dann auch szenisch die nötigen Pointen.

Der Staatsopernchor, (wie stets) animiert durch Martin Schebesta und Otto Schenk, nahm das Sonderangebot an Animo durch EvelinoPidó nur zu gerne an. Da spielt doch wirklich jeder und jede einzelne mit, als ginge es um ihr eigenes Leben.

Da dieses kostbare „Elisir“ nicht Teil einer Serie war, nahmen wir es nur zu gern als Sonder-Liebesgabe zwischen Prokofjew und Debussy, Mozart, Puccini und Dvořakan. Mille grazie ai tutti!

Sieglinde Pfabigan

PS: Wer Zeit und Zugang zu Karten hat, möge die kommenden Vorstellungen von „Don Pasquale“ und der Rossinischen „Italiana“ unter Pidò nicht versäumen!

 

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